Gesundheit : Fremdsprache Französisch: Freundschaft ohne Worte

Hermann Horstkotte

Schüler türkischer Abstammung in Kreuzberg wählen auffällig oft Französisch statt Englisch als erste Fremdsprache, öfter als deutsche Altersgenossen. Der tiefere Grund für die Vorliebe: Kemal Atatürk, der Vater der modernen Türkei, hat sein Land und seine Sprache Anfang des vorigen Jahrhunderts über die Brücke französischer Wörter an Europa herangeführt. Solche Erfolgsgeschichten waren allerdings eher die Ausnahme auf dem jüngsten Arbeitstreffen des Deutsch-Französischen Jugendwerkes (DFJW) mit leitenden Beamten der Schulbehörden beider Länder in Bonn. Denn im allgemeinen geht es dem Französischen an deutschen Schulen ziemlich schlecht und dem Deutschen im Nachbarland kaum besser.

An französischen Grundschulen lernen 1,4 Millionen Pennäler Englisch als erste Fremdsprache und 300 000 Deutsch. Die Neigung zur Sprache des Nachbarn auf der anderen Rheinseite ist rückläufig, zumal an höheren Schulen. Am Lyzeum ist das Spanische als zweite Fremdsprache genauso beliebt. Ganz konkret bedeutet das: 200 000 Arbeitsplätze bei unserem größten Wirtschaftspartner sind nicht besetzt, weil sie Deutschkenntnisse erfordern. Inzwischen predigt die französische Regierung ihrer Jugend: Die Nachbarsprache lernen heißt verdienen lernen.

Umgekehrt wird auch zwischen Rhein und Oder das Französische in der Oberstufe (Sekundarstufe II) ziemlich kurzsichtig mehr und mehr zugunsten anderer, leichterer Fächer abgewählt. In ganz Brandenburg kommen keine zehn Leistungskurse zustande, erklärt Franz-Joseph Meißner als Bundesvorsitzender der "Vereinigung der Französischlehrer" und Universitätsprofessor in Gießen. Insgesamt lernten im vergangenen Jahr 1,6 Millionen Schüler an allgemeinbildenden Schulen Französisch, davon 972 000 an Gymnasien. Das heißt: Nur ein gutes Drittel unserer Gymnasiasten hat zeitweilig Unterricht in der Sprache des Nachbarn. In Nordrhein-Westfalen sind es nur dreizehn Prozent - obwohl der Deutsch-Französische Vertrag von 1963 die wechselseitige Sprachförderung vorsieht. Die Bundesländer haben zwar vereinbart, Englisch und Französisch gleichermaßen als erste Fremdsprache zur Wahl zu stellen. Tatsächlich aber beginnen zum Beispiel alle Schulen in Hamburg mit dem Englischen, in Niedersachsen immerhin zwei mit dem Französischen, davon ist eine staatlich, die andere kirchlich.

Die Französisch- beziehungsweise Deutschlehrer bestreiten nicht, dass das Englische im "globalen Dorf" Pflichtsprache ist. Deshalb müsse es aber nicht die erste Fremdsprache sein. Wer mit Französisch anfängt, lernt gern auch noch eine weitere romanische Sprache, zum Beispiel Spanisch; statistisch gesehen, schließen von diesen Anfängern 27 Prozent mehr mit einer dritten Fremdsprache ab als unter denen, die mit Englisch beginnen, erklärt Meißner. Man kann die Probe auch im eigenen Bekanntenkreis machen: Wie viele, die Englisch können, sprechen auch Französisch? Wohl eine Minderheit. Aber nahezu jeder, der Französisch spricht, kommt auch mit dem Englischen zurecht.

Im Unterschied zur Weltsprache Englisch - die ja keineswegs britisches Englisch ist - begründet das Französische oder eine andere romanische Sprache laut Meißner eine spezielle "Europakompetenz". Der Vorsitzende des Lehrerverbandes meint das durchaus politisch: "Sprache erobert die Welt und dient der Selbstbehauptung in ihr." Die Europäische Union habe sich deshalb auf die Pflege ihrer Sprachen und mithin ihrer nationalen Identitäten festgelegt. Deshalb Meißners Forderung an die Kultusminister: Neben dem Englischen eine zweite Fremdsprache bis zum Abitur, wenngleich nicht notwendig im Abitur. In Frankreich ist das bereits so.

In Deutschland zielt die Schulpolitik gegenwärtig auf eine Vorverlagerung des Fremdsprachenunterrichts. Er beginnt in Baden-Württemberg ab 2003 bereits im ersten Schuljahr. Aber schon aus finanziellen Gründen können Englisch und Französisch nicht gleichermaßen flächendeckend angeboten werden. Woher sollten außerdem plötzlich die nötigen Grundschullehrer mit Romanistikstudium kommen?

Das DFJW hat seit 1963 rund sechs Millionen Jugendliche beider Länder zu durchweg mehrtägigen oder auch wochenlangen "Begegnungen" zusammengebracht. Im vergangenen Jahr waren es 140 000, davon etwa Zweidrittel Schüler. Mit keinem anderen Land in der Welt ist der Schüleraustausch so intensiv wie mit Frankreich, betont Ilse Eitze-Schütz vom Pädagogischen Austauschdienst der Kultusministerkonferenz. Meistens handelt es sich um Gruppenreisen. Ein neues DFJW-Programm richtet sich allerdings an Individualisten der 10. oder 11. Klasse, die für sechs Monate oder ein ganzes Jahr im Nachbarland zur Schule gehen wollen. Das funktioniert freilich nur auf Gegenseitigkeit, von Familie zu Familie. Für das laufende Schuljahr meldeten sich 100 Bewerber/innen, für das nächste können Interessenten sich jetzt an die Berliner Geschäftsstelle des DFJW wenden. Der Lehreraustausch hat offenbar weniger Schwung. Von mehr als 30 000 deutschen Fachpädagogen tauschen im Augenblick gerade einmal 20 - in Worten: zwanzig - die Stelle mit einem französischen Kollegen.

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