Gesundheit : Freud-Jünger mit FH-Diplom haben gute Aussichten - Zustimmung bei Managern, Kritik von Psychologen

Gunter Lange

Wirtschaft hat viel mit Psychologie zu tun - das wissen kompetente Börsengurus. Doch Psychologen sind selten im Management. Aber das kann sich ändern. Mit 33 Studierenden ging an der Fachhochschule Nordostniedersachsen in Lüneburg ein neuer Studiengang an den Start, 380 hatten sich dafür beworben. Diplom-Wirtschaftspsychologen wollen die jungen Leute werden. Und ihre Berufschancen scheinen nach Einschätzung von Professor Ullrich Günther, der für den Studiengang verantwortlich ist, nicht schlecht zu sein. Drei Jahre lang hat er sich für die Einrichtung des Studienganges engagiert. Im Frühjahr 1997 hatte das niedersächsische Wissenschaftsministerium grünes Licht gegeben. Günther verweist auf eine Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, das vor mehr als fünf Jahren bei Unternehmen nachgefragt hatte, welche Fächerkombinationen neben Betriebswirtschaft als Qualifikation für den Nachwuchs bevorzugt würde; damals war nach Jura die Psychologie genannt worden.

Die 33 Studierenden von Professor Günther wollen mit der FH-Ausbildung vor allem in die Wirtschaft. Und punkten können die meisten von ihnen besonders mit ihrer Bildungsbiografie. Zwei Drittel haben vor Studienbeginn eine Berufsausbildung absolviert, ein großer Teil in kaufmännischen Berufen, allein sechs Bankkaufleute sind darunter. Zweitstärkste Gruppe sind Studienanfänger, die vorher einen Gesundheits- oder Erzieherberuf erlernt hatten. Wie bei den universitären Studiengängen der Psychologie ist auch hier der Frauenanteil recht groß und liegt bei rund 75 Prozent. Das Durchschnittsalter der Studienanfänger liegt bei 24 Jahren.

Neben der Psychologischen Ausbildung ist Wirtschaft die zweite Kerndisziplin. Das spiegelt neben dem Curriculum auch die Auswahl der Professoren wider. Mit Dr. Sabine Remdisch hat Günther eine der jüngsten Professorinnen in Deutschland verpflichtet; die 30-Jährige war bislang bei Opel mit Personalentwicklung betraut. Zweiter Coup: Dr. Jürgen Deller, der bei debis im Personalmanagement tätig ist. "Wir wollten Leute, die wissenschaftlich qualifiziert und praktische Erfahrungen aus der Wirtschaft mitbringen", erklärt Günther.

60 Prozent Psychologie im Studienplan

In straffen acht Semestern soll das Studienziel erreicht sein. Nach dem Grundstudium teilt sich das Hauptstudium in drei Schwerpunkte: Personal und Organisation, Arbeit und Technik sowie Markt und Konsum. Das Curriculum teilt sich in 60 Prozent Psychologie, 25 Prozent Wirtschaftswissenschaft und 15 Prozent andere Fächer (Recht, Wirtschaftsenglisch, Wirtschaftssoziologie usw.). Zu den Grundlagen in den Psychologiefächern gehören unter anderem Persönlichkeitspsychologie, Psychodiagnostik, Pädagogische Psychologie und Sozialpsychologie. Hinzu kommen Vorlesungen zum Komplex Personal und Organisation, Arbeit und Technik sowie Markt und Konsum. Praktika sind vorerst nicht vorgesehen.

Professor Günther, der Initiator und Chef des Studienganges, sieht sich bei günstigen Jobperspektiven von den Arbeitsämtern bestätigt. Auch aus den Industrie- und Handelskammern gibt es mehr Zustimmung als Skepsis. Seit sich in vielen Unternehmen Personalpolitik zur langfristig angelegten Personalentwicklung gemausert hat, ist der Bedarf an Fachkräften des Personalmanagements gestiegen. Diese Experten müssten über psychologisches Grundwissen gepaart mit betriebswirtschaftlichen Kenntnissen verfügen. So kann sich Günther seine Absolventen in den Personalabteilungen, in der Aus- und Weiterbildung, im Trainee-Geschäft sowie in der Personalberatung gut vorstellen. Außerdem eigneten sich Wirtschaftspsychologen für das Marketing und die Werbebranche.

Fachhochschüler sind billiger



Ein gemischtes Echo hat der Studiengang bei der Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen ausgelöst. Ihnen ist zunächst der akademische Grad "Diplom-Wirtschaftspsychologe/FH" ein Dorn im Auge. Eine abwartende Haltung nehmen sie hinsichtlich des Nebeneinanders von universitären und Fachhochschulstudiengängen ein. Natürlich sehen sie im Lüneburger Studiengang einen Beitrag zum Wettbewerb zwischen Fachhochschulen und Universitäten. Diese Konkurrenz sei auch nicht schädlich. Aber die FH-Absolventen wären ein denkbares Potenzial für billigere Fachkräfte als die Universitätsabsolventen.

Die Psychologenföderation verweist darauf, dass FH-Absolventen im öffentlichen Dienst und in der Wirtschaft zumeist niedrigere Laufbahnen zugewiesen werden als Universitätsabsolventen und folgert: "Insofern ist die Befürchtung keineswegs abwegig, dass die Absolventen von FHs diejenigen der Universitäten am Arbeitsmarkt unterbieten und damit deren Chancen ernsthaft beeinträchtigen könnten". Zugleich sehen die Psychologenverbände in den FH-Studiengängen eine Aufforderung an die Universitäten, über eine straffere Universitätsausbildung der Psychologen nachzudenken; die gegenwärtigen "ungebührlich langen Studienzeiten mancherorts" zu verkürzen.

Während die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGP) FH-Studiengänge nicht grundsätzlich ablehnt, lehnt der Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP) diese Studiengänge grundsätzlich ab. Präsident Lothar Hellfritsch ist über die Namensgebung des Studienganges in Lüneburg verärgert. Eine Gefahr sieht er vor allem dann, wenn FH-Studiengänge für Psychologie in Deutschland flächendeckend eingeführt würden. Er befürchtet eine Verwässerung der Qualifikation der universitär ausgebildeten Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologen "Die FH-Absolventen könnten schon das Tarifgefüge durcheinander bringen." Befürworter des neuen Studienganges gibt es im BDP aber auch: Sie bescheinigen dem Lüneburger Studiengang "Cleverness". Die Absolventen verfügten über eine anwendungsorientierte Ausbildung. Und das bei 3500 arbeitslosen Absolventen von universitären Psychologieabsolventen.

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