Gesundheit : Friedrich der Große und Bismarck als Kronzeugen für Antiparlamentarismus und Kriegsbegeisterung

Ingo Bach

Einsame Führerpersönlichkeiten und vermeintliche Günstlinge des Schicksals, das waren die erklärten Lieblingsfiguren des nationalsozialistischen Propagandafilms und seines obersten Gralshüters Goebbels. Friedrich der Große, Otto von Bismarck aber auch auf ihre Art Robert Koch und Friedrich Schiller - sie alle standen für Adolf Hitler, der von den Nazis zur Krone und Vollendung der deutschen Geschichte stilisiert wurde. Dem "alten Fritz" waren zwischen 1933 und 1945 gleich fünf Filme gewidmet. Zu verführerisch war dessen Sieg über eine "Welt von Feinden" im Siebenjährigen Krieg, besonders zu einer Zeit, als Durchhalteparolen für das Dritte Reich immer wichtiger wurden.

Auch der "eisernen Kanzler" Bismarck war so eine historische Figur. "Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut." Allein dieser Satz, den der gerade ernannte preußischen Ministerpräsident am 30. September 1862 den preußischen Abgeordneten entgegenschleuderte, hätte Bismarck für eine Verfilmung durch die nationalsozialistische Filmindustrie prädestiniert. Demokratische Vielstimmigkeit war Hitler erklärtermaßen ein Gräuel. Doch aus dem Leben Bismarcks gab es noch mehr "staatspolitisch" Wertvolles zu extrahieren: die Aufrüstung des preußischen Heeres, der Sieg über Frankreich und natürlich die Einigung des Deutschen Reiches gegen eine feindliche Einkreisung.

Kein Wunder, dass die Uraufführung des ersten Kanzler-Filmes - schlichter Titel "Bismarck", Regie: Wolfgang Liebeneiner - am 6. Dezember 1940 im Berliner Ufa-Palast vom Ersten Satz der Fünften (Schicksals-) Symphonie von Beethoven musikalisch untermalt wurde. Der Propagandaminister Joseph Goebbels persönlich war bei der Premiere anwesend, ein Zeichen dafür, wie wichtig man den Film nahm. Er erhielt das höchste Prädikat, das die deutsche Zensurbehörde (Filmprüfstelle) zu vergeben hatte: "staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll". Das NS-Parteiorgan "Völkischer Beobachter" jubelte, in dem Streifen sei "die Wahrheit der Geschichte verbunden mit dem Bewusstsein unserer Zeit".

Dieser Bewertung wegen wurde jetzt "Bismarck" ausgewählt, die Reihe mit nationalsozialistischen Filmen zu eröffnen, die Teil der neue Urania-Vortragsserie "Der Nationalsozialismus - Geschichte und Herrschaftssystem" ist. Die Serie wird geleitet von Bernd Sösemann, Geschichtsprofessor an der Freien Universität. Auch wenn "Bismarck" keine politische Haudrauf-Kampagne sei, sagt Sösemann, gehöre er doch ebenso zur NS-Propaganda, wie die "harten antisemitischen Filme". Propagandaminister Goebbels habe persönlich dafür gesorgt, dass der Film die Botschaft diffiziler vermittelt, als andere Machwerke. Sösemann fand Hinweise darauf, dass antisemitische Szenen wieder entfernt beziehungsweise abgemildert wurden. Eine einzige offensichtlich antijüdische Szene blieb erhalten: das Attentat auf den Reichskanzler. "Und sie hätte viel schärfer ausfallen können", sagt Sösemann. Doch in der Endfassung wird nur beiläufig erwähnt, dass der Attentäter ein englischer Jude gewesen sei.

"Nicht einzelne Filmszenen sind manipulativ", so Sösemann, "sondern der Gesamtfilm." Und auch wenn der Streifen durchaus auf historische Tatsachen zurückgreift, so werden sie demagogisch verfremdet. Kein Wort von den Selbstzweifeln des angeblich eisernen Kanzlers, keine Hinweise auf seine Fehler und die Brüche in seiner persönlichen Entwicklung. Der preußische Ministerpräsident wird als ein Mann dargestellt, der von Anfang an nur ein Ziel verfolgt: die Reichseinheit. Der geradlinige Weg eines Heroen. Und um dieses Bildes willen, wird so manche Tatsache verfälscht. "Wir wissen, dass Bismarck eine sehr hohe Stimme hatte", sagt Sösemann. Doch in der markigen Verkörperung durch den Schauspieler Paul Hartmann erhält er einen tiefen, kämpferischen Bass."Wie so oft in den historischen Filmen des Dritten Reiches wird Geschichte lediglich als Steinbruch für die gewünschte politische Aussage mißbraucht."

Und diese Aussage lautet: der Parlamentarismus ist gefährlich für die Nation. Die Mitglieder des preußischen Abgeordnetenhauses erscheinen als streitsüchtige Weichlinge, die die hehren Ziele des Reichskanzlers - erfolglos - zu torpedieren trachten. Der Kriegsminister Albrecht von Roon und der Generalstabschef Helmuth von Moltke dagegen sind die ehrenhaften, harten Soldaten, die wissen, dass mit dem Schwert in der Hand alles gut wird. Das ist nämlich die zweite grundlegende Stoßrichtung des Films: Der Krieg ist gut! Ganz dem sozialdarwinistischen Prinzip der NS-Ideologie entsprechend.

So verfährt die NS-Filmwirtschaft auch mit Friedrich dem Großen, mit Robert Koch oder Friedrich Schiller. Und hatte damit durchaus auch Publikumserfolge auf dem riesigen deutschen Markt: jährlich über eine Milliarde Besucher zählten die "großdeutschen Lichtspieltheater" zu ihren besten Zeiten. Der 1942 uraufgeführte Friedrich-Film "Der große König" von Liebeneiners Regiekollegen Veit Harlan schaffte es unter die 30 erfolgreichsten Filme des Dritten Reiches. Dabei wurde die Propaganda-Botschaft des Durchhalte-Films nur so notdürftig verborgen, dass Goebbels den Medien einen Aufklärungskampagne befahl. Daraus habe hervorzugehen, dass sich "Der große König" trotz der "verblüffenden Parallelen zur heutigen Zeit streng an die geschichtliche Wahrheit" halte.

Dass sie NS-Propaganda fabriziert hatten, war den Regisseuren durchaus bewusst. "Weder Liebeneiner noch Harlan haben es nach dem Krieg gewagt, ihre Arbeiten nachträglich zu glorifizieren", sagt Sösemann. Doch wäre es falsch, die gesamte Schuld nur auf sie zu projezieren. "Die meisten Filmschaffenden des Dritten Reiches hatten sich kompromittiert." Und ein Großteil machte auch in der Bundesrepublik wieder gute Geschäfte. Wie viele der Propaganda-"Filmklassiker" wurden auch "Bismarck" und "Der große König" in Deutschland in den 70er und 80er Jahren wieder für Aufführungen freigegeben. Die Altersbeschränkung lautet: ab 6 Jahre.

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