Gesundheit : Friedrich Fröbels Kindergärten: Revoluzzer im Kindergarten

Gerhard Trey

Kindergärten verbieten - das klingt ein bisschen, als wolle man das Gute aus der Welt schaffen. Wer könnte etwas gegen Kindergärten haben? Und doch gab es ein solches Verbot. Und zwar nicht irgendwo in einem abgelegenen Winkel der Welt, sondern in Deutschland. Preußen verbot am 7. August 1851, also vor 150 Jahren, die Fröbelschen Kindergärten.

Wer nach dem ersten Kindergarten fahndet, wird im Elsass fündig. In Belmont, mitten in den Vogesen, gab es wohl die erste vorschulische Einrichtung Europas. Belmont nahe bei Waldersbach: der Ortsname lässt Literaturkenner aufhorchen. Denn dort agierte am Ende des 18. Jahrhunderts Pfarrer Johann Friedrich Oberlin. Georg Büchner beschreibt in seiner Erzählung "Lenz", wie der Sturm- und Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz 1778 bei Oberlin Heilung von seinen Seelenqualen fand. Dadurch wurde der Ort nahezu weltberühmt.

Der als Wohltäter des Steintals in die Geschichte eingegangene Oberlin gründete 1769 den ersten Kindergarten Europas, wie Pascal Hetzel, heute Pastor in Waldersbach, nicht ohne Stolz erzählt. In ihm wollte Oberlin den Drei- bis Sechsjährigen, die in ihren armseligen Elternhäusern mehr fluchen als beten und verständlich sprechen gelernt hatten, eine neue Perspektive geben. Er nannte seine Einrichtung allerdings Kinderschule. Wie Hetzel berichtet, war es eigentlich mehr eine Strickstube: Die Kinder strickten, und die Lehrerin machte sie mit ihrer Umwelt vertraut.

In Deutschland gibt es ein Synonym für Kindergärten: Friedrich August Fröbel, auch wenn der Begriff längst vor ihm existierte. Der Pädagoge versuchte seine Idee der vorschulischen Betreuung in den Staaten des damaligen Deutschen Bundes populär zu machen. Sein Engagement ging aber weit darüber hinaus. Fröbel, 1782 in Thüringen geboren, hatte viele Neigungen. Er kann durchaus auch als Philosoph, Künstler, Komponist oder Theologe gesehen werden. Er arbeitete mit den Geist anregenden Spielmitteln wie Ball, Würfel oder Baukasten. Seine Spiele im Freien, die von Fröbel komponierten Kinderlieder zeigen nicht Verschulung, sondern Kreativitätsentfaltung, wie der Heidelberger Erziehungswissenschaftler Bodo von Carlsburg betont. Fröbel ging es um die "freie geistige Tätigkeit".

In Preußen regierte nach der gescheiterten 48er Revolution die Reaktion. Für Bodo von Carlsburg ist damit klar: Die Methoden Fröbels standen im Widerspruch zu den Erziehungsvorstellungen des konservativen Preußen unter Friedrich Wilhelm IV. Erwünscht waren Fächer wie Religion, Lesen, Schreiben, und die Ausbildung von Tugenden, die mit dem preußischen Staat und der Kirche konform waren.

Zum Verhängnis wurde Fröbel aber auch, dass die Regierung seine Ziele mit denen seiner Neffen Julius und Karl Fröbel vermengte. Und die waren nun alles andere als linientreu. Julius Fröbel war der Obrigkeit als 48er-Revolutionär verdächtig, sein Bruder Karl galt gar als Sozialist. Am 7. August 1851 wurden die Fröbelschen Kindergärten in Preußen verboten. Die Begründung nennt ausdrücklich den Neffen Karl Fröbel: "Wie aus der Broschüre von Karl Fröbel erhellt - heißt es dort - bilden die Kindergärten einen Teil des Fröbelschen sozialistischen Systems, das auf Heranbildung der Jugend zum Atheismus gerichtet ist. Schulen usw., welche nach Fröbelschen oder ähnlichen Grundsätzen errichtet werden sollen, können daher nicht geduldet werden." Obwohl sich der falsche Bezug bald aufklärte, blieb es bei dem Verbot, denn auch Friedrich Fröbels Vorstellung von Gott und der Welt passten nicht in das übliche Schema.

Das Verbot traf Fröbel im Kern. Verzweifelt versucht er durch eine Eingabe an den preußischen König das Blatt noch einmal zu wenden: "Die Sache der Kindheit kann keiner Partei angehören", beschwört er. Aber vergebens. Fröbel resigniert, er möchte das Leben der deutschen Kindheit zwar nicht unter dem schwarzen, weiß gefransten Toten- und Leichentuch begraben sehen, wie er schreibt, aber dagegen ankämpfen möchte er auch nicht mehr. Der Reformer fühlt sich allein gelassen. Die politisch-satirische Zeitschrift Kladderadatsch setzte sich für Fröbels Ideen ein. In der Ausgabe vom September 1851 konfrontiert sie das Spielerische mit dem Doktrinären der preußischen Obrigkeit. "Fünf Minuten in einem Fröbelschen Kindergarten", lautet die Überschrift des Beitrags. Ein Fremder, wie es in dem Artikel heißt, will sich vom Kenntnisstand der Kinder überzeugen und fragt nach dem Begriff der Offenbarung, dem Zweikammersystem und nach Staatsformen. Die sprachlosen Kinder sind für ihn Beweis für den verfehlten Fröbelschen Ansatz. "Mein Herr, bedenken Sie, dass Sie hier Kinder von zwei bis sechs Jahren vor sich haben", interveniert die Lehrerin. Aber der Schulkommissar lässt sich nicht umstimmen.

Trotz solcher satirischer Bloßstellung der Verantwortlichen bleibt das Verbot bis 1860. Der enttäuschte Fröbel hegt Pläne, ins junge Amerika auszuwandern, was jedoch nicht realisiert wird. Nach kurzem Aufbäumen stirbt Fröbel im Juni 1852. Nicht zuletzt der Schlag aus Berlin hatte ihm die Lebenskraft genommen. Und jetzt kommt wieder Oberlin ins Spiel: Weil der Name Fröbel so belastet schien, griff man nicht selten bei der Namengebung für Kindergärten auf den unverdächtig erscheinenden Pfarrer zurück.

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