Gesundheit : Frischzellen fürs Herz

Viel versprechend: Ärzte spritzen Stammzellen, um die Muskelpumpe zu stärken

Hartmut Wewetzer

Eine neuartige Therapie macht Schlagzeilen: Stammzellen sollen kranken Herzen helfen. Und doch gibt es Hinweise darauf, dass die viel beschworenen „Alleskönner“ unter den Zellen eine angeschlagene Muskelpumpe wieder auf Trab bringen können. Allerdings gehen die Meinungen darüber, welche Art von Stammzellen heilsam sein können, sehr auseinander. Die einen setzen auf Stammzellen aus dem Embryo, andere glauben, dass Stammzellen aus Blut genügen.

Embryonale Stammzellen sind wandlungsfähig und können sich noch in jede Art von Spezialzelle verwandeln. Beim Menschen eingesetzt wurden bisher jedoch nur „adulte“ Stammzellen, also bereits ausgereifte und spezialisierte Gewebe-Stammzellen. Sie sorgen dafür, dass sich unser Körper regenerieren kann – seien es nun die Schleimhaut des Darms oder das Blut. Aber können ortsfremde Stammzellen auch in ganz anderen Organen Gutes tun?

Bodo Strauer glaubt: ja. Der Herzspezialist von der Düsseldorfer Uniklinik ist weltweiter Vorreiter der „Frischzellenkur“ für die Muskelpumpe – und ein gefragter Redner auf internationalen Kongressen. „Unsere Ergebnisse zeigen zum ersten Mal, dass die Verpflanzung patienteneigener Stammzellen in das Herzkranzgefäß die Herzfunktion, den Blutfluss und den Stoffwechsel im Schadensgebiet verbessern können“, sagte Strauer auf der wissenschaftlichen Tagung der Amerikanischen Herzgesellschaft in Orlando, Florida.

Seit März 2001 hat Strauer rund 20 Herzpatienten mit ihren eigenen Stammzellen behandelt. Und das geht so: Wer einen Herzinfarkt erlitten hat – also den Verschluss eines Herzgefäßes durch ein Blutgerinnsel –, dem wird Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen.

Knochenmark ist die „Wiege“ des Blutes. Hier produzieren Stammzellen unablässig den roten Saft. Die Blut-Stammzellen werden aus dem Knochenmark gewonnen und in das verstopfte Herzkranzgefäß gespritzt. Gleichzeitig wird das Gefäß mit einem aufblasbaren Ballon von innen aufgeweitet, wieder durchlässig gemacht und mit einer röhrenförmigen Gefäßstütze ausgekleidet.

Strauers Ergebnisse können sich sehen lassen. Nach einem Vierteljahr war die Schadenszone im Bereich der linken Herzkammer bei den Patienten von 33 auf 14 Prozent geschrumpft. Zudem arbeitete das Herz wieder besser, und die Durchblutung des Infarktgebietes steigerte sich.

Positive Ergebnisse erzielten auch Ärzte des Texas-Herzinstituts aus Houston. Unter Leitung von Emerson Perin setzten sie Zellen aus dem Knochenmark bei elf Menschen mit schwerer Pumpschwäche des Herzens ein. Das Ergebnis: bessere Durchblutung des Hohlmuskels, mehr „Puste“ bei Belastung und weniger Brustschmerzen. Aber wie erklären sich die Effekte?

Sowohl die deutschen als auch die amerikanischen Wissenschaftler sehen Indizien dafür, dass sich die Stammzellen in Blutgefäße oder Herzmuskel umgewandelt haben. Nun soll eine große und gründliche Studie den noch fehlenden wissenschaftlichen Beweis erbringen. „Wenn das gelingt, werden wir eine neue Therapie für Herzattacken bekommen“, sagte Strauer auf dem Kongress.

Aber nicht jeder teilt die Euphorie der Stammzell-Pioniere. „Da ist viel Mystik im Spiel“, sagt Dietrich Andresen, Herzspezialist des Berliner Vivantes-Klinikums Am Urban. „Man weiß nicht, was da wirklich passiert.“ Die bisherigen Studien überzeugen Andresen nicht: „Es fehlt ein echter Vergleich zu Patienten, die keine Stammzellen bekamen. Stammzellen seien ein viel versprechender Ansatz. „Aber der Weg ist weiter als gedacht.“

Grundsätzliche Zweifel hat Jürgen Hescheler, Stammzellforscher an der Uni Köln. Er versuchte, die Experimente mit den adulten Stammzellen bei Tieren nachzuahmen – und war enttäuscht: „Wir haben keine einzige neue Herzmuskelzelle gefunden.“

Hescheler glaubt nicht, dass die spezialisierten Stammzellen aus dem Blut das Heilpotenzial haben, das ihnen nachgesagt wird. Stattdessen sieht er politische Motive im Spiel, sind doch die körpereigenen Stammzellen ethisch weniger umstritten als die aus Embryonen. Trotzdem setzt Hescheler auf die embryonalen Zellen. „Es ist uns gelungen, aus ihnen Herzvorläuferzellen zu züchten.“ Aber bis zum Einsatz am Menschen können noch zehn Jahre vergehen, sagt er. Fürwahr ein langer Weg.

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