Gesundheit : Frisierte Vergangenheit

Wir schauen geringschätzig auf unser früheres Ich zurück, um heute besser da zu stehen

Rolf Degen

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert auch die Zukunft“, heißt es in George Orwells berühmter Sozialutopie „1984“. Totalitäre Staaten unterhalten eine ganze Armee von Historikern, um die Geschichte nach allen Schikanen zu verdrehen, bis sie der Parteilinie entspricht. Aber auch wir Einzelmenschen haben die Tendenz, unsere privaten Erinnerungen zu frisieren, damit seine Majestät, das Ich, in einem möglichst günstigen Licht da steht.

In der Psychologie hat man sich längst von der Vorstellung gelöst, dass unser Gedächtnis wie ein Videorecorder arbeitet, der einen dokumentarischen „Lebensfilm“ unserer Vergangenheit aufzeichnet. Nach dem heutigen Wissen arbeitet das Gedächtnis eher wie ein Archäologe, der aus ein paar erhalten gebliebenen Bruchstücken eine Theorie über die Vergangenheit ableitet, die in vielen Punkten durch Wunschdenken beeinflusst wird. Diese private „Geschichtsklitterung“ zeigt sich besonders deutlich in der Tendenz, unser früheres Ich schlechter zu machen, damit der aktuelle Zustand möglichst positiv erscheint, berichtet die Psychologin Anne E. Wilson von der University of Ottawa.

Den ersten Beweis für diese Verfälschungstendenz lieferte eine Studie an Studenten, die ihre eigene akademische Leistungsfähigkeit einschätzten und dann zum Teil einen Lernförderkurs belegten. Obwohl sie sich einen erheblichen Leistungsschub versprachen, verschaffte die Kursteilnahme den Besuchern keinen messbaren Nutzeffekt. Dennoch „dichteten“ sie sich eine Verbesserung an: Sie spielten nachträglich ihr ursprüngliches Können herunter. Bei den Kommilitonen, die nicht am Kurs teilnahmen, war keine Gedächtnisverzerrung zu verzeichnen.

Teilnehmer an einer „Wunderdiät“ verschieben oft ihr anfängliches Gewicht in der Erinnerung nach oben, um den „Erfolg“ zu unterstreichen. Patienten, die eine Psychotherapie hinter sich haben, machen ihre ursprüngliche Befindlichkeit künstlich mies. Auch dazu gibt es im Totalitarismus Orwellscher Provenienz ein Gegenstück: „Der Parteiangehörige toleriert die gegenwärtigen Bedingungen zum Teil, weil er keinen Vergleichsmaßstab besitzt. Er muss von der Vergangenheit abgeschnitten sein, weil es für ihn nötig ist, daran zu glauben, dass er besser dran ist als seine Vorfahren, und dass der materielle Lebensstandard beständig ansteigt.“

Die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen schauen mit einem gewissen Maß an Geringschätzung auf frühere Entwicklungsphasen zurück, leitet die Psychologin Wilson aus Befragungen ab. Nach den neuesten Daten gilt dies auch für die wahrgenommene Ehezufriedenheit. Obwohl die Beziehungsqualität in den ersten Jahren der Ehe einen merklichen Rückgang erleidet, erscheinen die frühen Jahre den meisten Partnern im Nachhinein unvorteilhafter als der Jetztzustand. „Indem sie ihre frühere Befriedigung herunterspielen, können sie sich ungeachtet der realen Verschlechterung eine Verbesserung vormachen.“ Dies kann sogar Konsequenzen für die zukünftige Entwicklung haben: Um so negativer die Befragten die frühere Situation wahrnahmen, um so optimistischer sahen sie der Zukunft entgegen.

Es ist ein zentrales Ergebnis der Psychologie, dass der Mensch eine möglichst positive Bewertung seines aktuellen Ichs anstrebt. Man kann sich nur dadurch günstig von seinem früheren Ich absetzen, indem man sich psychisch von dieser Identität distanziert. Das alte Ego wird von der gegenwärtigen Persönlichkeit „abgekoppelt“ und erscheint als ein entfernter Bekannter, auf dem man ohne Gefahr der Selbstverletzung herumhacken kann. Noch radikaler und wirksamer ist der „biografische Schnitt“: Ein früherer, durch negative Taten oder traumatische Erinnerungen belasteter Lebensabschnitt wird symbolisch abgetrennt – etwa durch eine spirituelle „Wiedergeburt“ (born-again christians) oder eine Zwölf-Stufen-Therapie wie bei den Anonymen Alkoholikern: Das alte, „böse“ Selbst hat nichts mehr mit der gereinigten Person zu tun, die man jetzt ist.

Die Neigung, sich seinen Triumphen näher zu fühlen als seinen Niederlagen, ist fest in unserem psychischen Apparat verhaftet. Das zeigt eine Untersuchung an Studenten, die sich an die größten Erfolge und die schlimmsten Misserfolge ihres akademischen Schaffens erinnern sollten. Dann gaben sie auf einer Skala an, wie nahe sie sich dem betreffenden Ereignis fühlten, von „beinah wie gestern“ bis zu „eine Ewigkeit entfernt“. Fazit: Der zeitliche Abstand zu den Siegen wirkte viel kürzer als der zu den Niederlagen, obwohl es nach dem Kalender keinen Unterschied gab. Die Teilnehmer zogen das Angenehme näher in die Gegenwart und schoben das Unangenehme weiter in die Vergangenheit zurück.

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