Gesundheit : Früherziehung zur Fitness

Obst, Yoga und weniger Druck: Das Projekt „gute gesunde Kita“ richtet sich auch an Betreuerinnen. Aus dem Pilotprojekt in Mitte und Münster ist jetzt ein Landesprogramm für Berlin geworden

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Im Lotussitz. Sophia aus der Regenbogen-Kita ist beim Yoga meist ganz still. Ihre Erzieherin hat durch das Projekt eine YogaTrainerausbildung für Kinder gemacht
Im Lotussitz. Sophia aus der Regenbogen-Kita ist beim Yoga meist ganz still. Ihre Erzieherin hat durch das Projekt eine...

Sophia macht das schon fast wie ein Profi: Ganz vorsichtig und akkurat rollt die Fünfjährige ihre Yogamatte zusammen. Es ist Mittwochmorgen in der Regenbogen-Kita, Fehrbelliner Straße, Berlin-Mitte. Die Kinder der Fliegenpilzgruppe haben gerade Yoga gemacht. Da war es mucksmäuschenstill. Dann, als die Matten aufgeräumt waren, sind Johanna, Heinrich, Livan, Iori und Sophia schnell in die Küche gestürmt, um Schneidebrettchen und Messer zu holen. Der Obstkorb, den jede Woche ein anderes Kind mit Früchten bestückt, steht schon im Gruppenraum. Früh übt sich, wer ein gesundheitsbewusster Feinschmecker werden will – deshalb schnippeln die Kinder ihre kleine Zwischenmahlzeit selbst.

„Wir arbeiten sehr viel mit Selbstständigkeit“, sagt Kerstin Schünicke, die stellvertretende Leiterin der Einrichtung. Vierjährigen, die ihre Birne selber kleinschneiden, schmeckt sie danach einfach besser. Und bei der „Arbeit“ reden sie darüber, woher Äpfel, Bananen und Ananas eigentlich kommen. „Ganz nebenbei“ werde hier gelernt, sagt Kerstin Schünicke. Vielleicht der wirkungsvollste Weg – vor allem, wenn es um Verantwortung für die eigene Gesundheit geht.

Die Regenbogen-Kita der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH ist eine von 15 Berliner Einrichtungen, die von Anfang an am Kooperationsprojekt „gute gesunde Kita“ teilgenommen haben. Die Pilotphase für das Projekt lief von 2006 bis 2009 in Berlin-Mitte und im westfälischen Münster. In den folgenden zwei Jahren beteiligten sich 38 Einrichtungen von 19 verschiedenen Trägern mit insgesamt 3326 Kindern aus dem Bezirk Mitte. Und Ende August dieses Jahres wurde daraus in Berlin das Landesprogramm „Kitas bewegen – für die gute gesunde Kita“ (LggK). An seiner Gestaltung sind neben der Bertelsmann-Stiftung, die Handreichungen und Materialien liefert, und dem Land Berlin sieben Krankenkassen, die Unfallkasse Berlin, eine psychosomatische Tagesklinik und die Ärztekammer Berlin beteiligt. Für das Programm können sich nun Kitas aus ganz Berlin bewerben – wenn ihr Bezirk Interesse bekundet. Grundlage ist das Berliner Bildungsprogramm.

LggK sei kein Projekt, das nach kurzer Zeit durch ein neues ersetzt werde, sondern ein fortwährender Prozess, sagt Karin Hautmann , die in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung das Landesprogramm koordiniert. Es gehe dabei „nicht nur um Sport und Küche“ als spezielle Themen, sondern um einen ganzheitlichen Ansatz. „Das unterscheidet dieses Projekt von anderen Ansätzen, die den Einrichtungen Angebote wie im „Bauchladen“ anbieten, die als „Extras“ zu versickern drohen.

Dass Handlungsbedarf besteht, was die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen betrifft, zeigte vor einiger Zeit der große Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS): 15 Prozent der Heranwachsenden zwischen drei und 17 Jahren sind übergewichtig, 25 Prozent treiben keinen Sport, bei 15 Prozent gibt es Hinweise auf psychische Probleme.

Was das Projekt „gute gesunde Kita“ von anderen Anläufen zu gesundheitsbewussteren Kindergärten unterscheidet, ist zunächst der strukturierte Ablauf: In jeder teilnehmenden Einrichtung machen alle, die dort mit den Kindern arbeiten, zunächst gemeinsam eine Bestandsaufnahme: Wo stehen wir, womit sind wir ganz zufrieden, was möchten wir gern ändern, damit es bei uns allen gut geht und die Kinder gesund aufwachsen können? „Dabei kommt es auch darauf an, die eigenen Stärken zu erkennen und darüber zu reden, was gut läuft“, sagt Kerstin Schünicke. Anschließend verständigen sich die Beteiligten auf Ziele, die in nächster Zeit angesteuert werden sollen.

Jede Kita kann dabei eigene Schwerpunkte setzen. In der Regenbogen-Kita war man zum Beispiel mit dem Mittagessen nicht zufrieden, das ein Caterer lieferte. Nun ist ein anderer gefunden, bei dem mehr frisches Gemüse auf dem Speiseplan steht. Nicht nur die Kinder profitieren. „Auch uns tut das gut, genauso wie die Tatsache, dass wir hier viel draußen im Garten sein können, oder auch das Yoga“, sagt Schünicke. Das Projekt hat der engagierten Erzieherin Anlass gegeben, neben dem Beruf eine Trainerausbildung für Kinder-Yoga zu absolvieren.

In Workshops, die im Rahmen des Projekts stattfinden, geht es unter anderem auch um die Gesundheit der Erzieherinnen und Erzieher. In vielen Kindertageseinrichtungen ist der Krankenstand hoch. Die Arbeit mit quirligen kleinen Kindern, der hohe Lärmpegel, die Verpflichtung zu ständiger Verfügbarkeit von morgens bis nachmittags: All das ist anstrengend, und viele halten es nicht durch bis zur regulären Rente. Zum gemeinsam erarbeiteten Konzept der Mitarbeiter der Regenbogen-Kita gehört es deshalb, auf die eigene Gesundheit und die der anderen zu achten. Kurse, in denen rückenschonende Bewegungen vermittelt werden und neue, leicht federnde und höhenverstellbare „Gesundheitsstühle“ für die Erwachsenen sind dabei nicht alles. „Wir versuchen uns auch gegenseitig den Druck zu nehmen, wir treffen jetzt viel mehr Absprachen als früher, verteilen Verantwortlichkeiten, und nehmen uns jedes Jahr drei Tage nur für das Team.“

Fragebögen, die Erzieher und Eltern ausfüllten und die vom Institut für wirtschaftspsychologische Forschung und Beratung ausgewertet wurden, geben den Kitas Hinweise, ob sie ihren selbstgesteckten Zielen näher gekommen sind. Die wissenschaftliche Gesamtauswertung der Pilotphase in Münster und Mitte ergab, dass die beteiligten Kitas die externe Unterstützung zu schätzen wissen. Einer der wenigen Kritikpunkte, den Erzieherinnen und Kita-Leitungen bei der Evaluation des Pilotprojekts vorbrachten: Experten hatten ihnen Vorschläge zur „bewegungsfreundlichen“ baulichen Veränderung ihrer Kita-Räume gemacht, die sie aber wegen fehlender Mittel nicht umsetzen konnten.

Vor allem für die Kleinen spielt Bewegung eine entscheidende Rolle. Toben, hüpfen, springen, balancieren, ausprobieren: „Alles, was sich Kinder an Wissen über die Welt aneignen, passiert über Bewegungen ihres Körpers, ihres Geistes und ihrer Seele“, heißt es in einem Begleitheft der Bertelsmann-Stiftung, das sich an die pädagogischen Fachkräfte der Kitas richtet. Räume und Materialien müssen den Kindern Anregungen dafür bieten, sich körperlich zu erproben. Ohne etwas Geld und Gestaltungsfreiheit ist das allerdings leichter gesagt als getan.

Die Regenbogen-Kita hat das Glück, einen großen Garten nutzen zu können. Aber auch drinnen hat sich mit einfachen Mitteln einiges getan: In den Gruppenräumen hängen Strickleitern von den Decken, man kann sich an Tauen hochziehen. Demnächst wird auch der große neue Aktionsraum bezugsfertig sein. „Bewegungsraum wollten wir ihn nicht nennen“, sagt Kerstin Schünicke. „Bewegen tun wir uns schließlich in allen unseren Räumen.“ Und das nicht nur körperlich.

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