Gesundheit : FU Berlin: Absage von zwei Pflichtpraktika widerrufen

Uwe Schlicht

300 Medizinstudenten an der Freien Universität können aufatmen. Während am 17. und 18. April noch ihre Praktika in der Pathologie von dem renommierten Forscher Professor Harald Stein abgesagt worden waren, hat jetzt das Dekanat des Klinikums Benjamin Franklin erreicht, dass die Kurse wieder aufgenommen werden. In dem Numerus-clausus-Fach Medizin darf nur zweimal ein Praktikum versäumt werden - Studenten, die zum Beispiel wegen Krankheit öfter fehlen, bekommen keine Scheine und damit keine Anerkennung ihrer Leistungen für das Staatsexamen. Deswegen hatte die Studenten gegen die Absage der Praktika protestiert. Professor Stein hatte die Absage der Pflichtlehrveranstaltung mit Überlastung des Personals durch die Krankenversorgung begründet.

In Abwesenheit des Dekans hat der Prodekan für die Forschung, Professor Rudolf Tauber, mit dem Pathologen Harald Stein am gestrigen Nachmittag folgende Regelung ausgehandelt: Damit die Studenten in der Regelstudienzeit ihr Studium absolvieren können, werden die Praktika von sofort an wieder angeboten. "Es ist die zentrale Dienstaufgabe für alle Hochschullehrer, dieser Lehrverpflichtung den Vorrang einzuräumen", erklärte der Prodekan. Diese hohe Priorität habe er Professor Harald Stein verdeutlicht. Den Konflikt um die Lehrveranstaltungen bezeichnete der Prodekan als einen "absoluten Einzelfall". Das Klinikum sichere zu, dass sich "das nicht wiederholen wird".

Es sei auch in den Verhandlungen klar gestellt worden, dass genügend Personal für die Abhaltung der Pathologiekurse vorhanden sei. Über eine Entlastung für Steins Mitarbeiter will die Klinikumsleitung jetzt noch mit Professor Stein verhandeln.

Einen vergleichbaren Fall hatte es in Berlin noch nicht gegeben. Die Pathologie ist eine Schlüsseldisziplin in der Medizin, werden in diesen Kursen doch Zellpräparate getestet, um vor Operationen eine Geschwulst auf mögliche Krebserkrankungen hin zu untersuchen. Der international renommierte Pathologe Harald Stein, der auch einen Sonderforschungsbereich für die Krebserkrankungen leitet, wollte zwar noch die Vorlesungen halten, aber nicht mehr die beiden Kurse für allgemeine und spezielle Pathologie. In den Kursen jedoch werden die Scheine für das Staatsexamen vergeben und nicht in der Vorlesung. Von der Absage waren jeweils 150 Studenten in den Kursen für allgemeine und spezielle Pathologie im ersten und im dritten klinischen Semester betroffen. Es handelt sich also um fortgeschrittene Studenten, die die Ausbildung und Prüfung in der Grundlagenmedizin bestanden hatten.

Stein habe die Rechtsauffassung, dass sich die Lehrverpflichtung eines Professors oder Mitarbeiters durch Belastungen in der Krankenversorgung reduzieren lässt. Das teilten jedenfalls Studentenvertreter mit. Professor Stein weigerte sich, gegenüber dem Tagesspiegel eine Stellungnahme abzugeben.

Der Studentenvertreter im Fachbereichsrat des Klinikums Benjamin Franklin, Ingo Buchholz, kommentierte die Situation mit den Worten: "Es ist unerhört, dass die Studenten als Druckmittel eingesetzt werden sollen, um Personalprobleme im Klinikum zu lösen. Ebenso unerhört ist es, dass die Krankenversorgung von Professor Stein über die Lehrverpflichtung gesetzt wird. Damit kann sich kein Student einverstanden erklären, weil das Klinikum Benjamin Franklin ein Universitätsklinikum und kein städtisches Krankenhaus ist." Professor Stein habe den Studenten nahegelegt, wegen der Absage seiner Praktika die FU zu verklagen und vorbereitete Klageformulare verteilen lassen. Das sei ihm zwar von dem Dekanat untersagt worden, dennoch hätten einige Studenten inzwischen vor dem Verwaltungsgericht Antrag auf eine einstweilige Anordnung gestellt. Dem Tagesspiegel liegt ein von einer Studentin unterschriebener Antrag auf ein Eilverfahren vor.

Der Dekan darf anweisen

Bereits vor dem klärenden Gespräch mit dem Prodekan hatte die Klinikumsleitung Professor Stein vergeblich angewiesen, seine Lehrveranstaltungen abzuhalten. Die Klinikumsleitung stellt sich nach Auskunft des kommissarischen Leiters des Dekanats, Mathias John, auf den Standpunkt, dass die Lehre Vorrang habe und jeder Hochschullehrer in der Medizin seine Verpflichtung in der Lehre, Forschung und Krankenversorgung ordnungsgemäß zu erfüllen habe. Entsprechende Formulierungen finden sich im Berliner Hochschulgesetz sowie in der Reformsatzung der Freien Universität. Der Dekan ist insofern weisungsberechtigt. Der Universitätspräsident, der die Dienstherreneigenschaft über das FU-Personal besitzt, hat die für die Weisungen wichtige Dienstherreigenschaft auf den Dekan des Fachbereichs Humanmedizin übertragen - darauf wies der Leiter der Rechtsabteilung der FU, Hellmut-Johannes Lange hin.

Im Verlauf des Tages hatte sich auch die Vizepräsidentin Gisela Klann-Delius in Vertretung des abwesenden Präsidenten Gaehtgens eingeschaltet und Professor Stein aufgefordet, die Pathologiekurse abzuhalten. Andernfalls drohten disziplinarrechtliche Konsequenzen. Die Studenten hätten ein Recht darauf, die Kurse rechtzeitig angeboten zu bekommen. Die Staatsaufsicht sieht es nicht anders. Staatssekretär Josef Lange erklärte dem Tagesspiegel, in der Hochschulmedizin hätten Forschung, Lehre und die Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses Priorität vor der Krankenversorgung. Der Staatszuschuss für die Hochschulmedizin werde nach den Erfordernissen in Forschung und Lehre vergeben, für die Krankenbehandlung seien die Krankenkassen zuständig. Dieser Vorrang für die Lehrverpflichtung sei auch in dem Numerus-clausus-Fach Medizin durch die ständige Rechtsprechung der Gerichte gesichert.

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