Gesundheit : FU-Medizin: Keine Volluniversität mehr - die FU will klagen

Uwe Schlicht

Das Klinikum Benjamin Franklin soll vom Jahr 2006 an in ein städtisches Krankenhaus umgewandelt oder in private Trägerschaft überführt werden. Als Universitätsklinikum wird es dagegen aufgegeben. Das hat die rot-rote Koalition beschlossen. Im Herbst 2002 soll dieser Schritt in einem Gesetz vorbereitet werden. Die rot-rote Koalition verspricht sich von dieser Lösung Einsparungen von 190 Millionen Mark an jährlich zu zahlendem Staatszuschuss für Forschung und Lehre sowie an Investitionskosten in Höhe von 250 Millionen Mark, die für die Sanierung des FU-Klinikums anfallen könnten.

Die Studenten sollen ihre Ausbildung zu Ende führen können, verlautet aus der Koalition - ob an der Freien Universität oder an der Chartié der Humboldt-Universität, ist bisher offen. Dies soll eine Expertenkommission klären, die bis zum September nächsten Jahres entsprechende Vorschläge erarbeiten müsse. Unklar ist außerdem, was mit der Forschung der FU-Mediziner geschieht. Teile der Forschung könnten mit der Lehre an die Charité verlagert werden oder wenn das nicht geht, ist an eine Eingliederung der medizinischen Forschung in die naturwissenschaftlichen Fachbereiche der Freien Universität gedacht. Die in den Hochschulverträgen vereinbarte Höhe des Staatszuschusses für die Medizin soll bei den Hochschulen verbleiben, aber die Gelder könnten im Laufe der Jahre durch die Strukturveränderungen umverteilt werden, erklärte der SPD-Abgeordnete Christian Gaebler gegenüber dem Tagesspiegel. Die rot-rote Koalition möchte auch die Ausbildungskapazität für die Medizinstudenten in Berlin beibehalten. Sie liegt bei 600 Studienanfängern im Jahr.

Die amtierende Wissenschaftssenatorin Adrienne Goehler, die den Grünen nahesteht, hat den Beschluss der SPD-PDS-Koalition scharf kritisiert. Die neue Koalition habe sich eine "schwere unnötige Hypothek aufgebürdet". Formal sollten die Hochschulverträge nicht angetastet werden, aber das sei ein Trick, denn der eigenliche Sinn der Hochschulverträge "wird aufgegeben", bis zum Jahre 2005 Planungssicherheit zu bieten. "Damit ist die Glaubwürdigkeit von Verträgen mit dem Senat untergraben." Auch die in den Verträgen vorgesehene Einberufung einer Expertenkommission stehe jetzt unter anderen Vorzeichen: Die Experten sollten ergebnisoffen beraten, jetzt sollen sie die Politiker bei der Schließung eines Klinikums beraten. Das laufe auf eine Verletzung der Hochschulverträge hinaus.

Die Senatorin macht folgende Rechnung auf: Das Land verliere durch den Schließungsbeschluss Drittmittel in Höhe von 50 Millionen Mark, weitere 50 Millionen durch Einnahmeverluste aus der überregionalen Patientenversorgung. Mögliche Rückzahlungen der Hochschulbaumittel an den Bund könnten sich auf mindestens 150 Millionen Mark belaufen. Frau Goehler spricht von einem "nicht wieder gut zu machenden Imageverlust für den Wissenschaftsstandort Berlin". "Wir zerstören mehr an Zukunft, als wir es für 190 Millionen Mark wieder einkaufen können."

Die Freie Universität wird die erzwungene Aufgabe des Klinikums Benjamin Franklin nicht hinnehmen. Präsident Peter Gaehtgens erklärte, die Freie Universität wolle gegen die Schließung klagen, schon allein aus dem Grunde, um diesen politischen Beschluss "öffentlich zu skandalisieren". Sowohl dem FU-Präsidenten als auch dem Dekan des Klinikums Benjamin Franklin ist es unverständlich, dass das Klinikum zu einem Zeitpunkt aufgegeben werde, da die Fusion der Länder Berlin und Brandenburg ansteht. Da Brandenburg wegen der Ausstattung Berlins mit drei Universitätsklinika auf eine eigene Hochschulmedizin verzichtet hat, werde das neue Land Berlin-Brandenburg in der Medizinerausbildung der Studenten unter den Bundesdurchschnitt sinken. Dekan Martin Paul rechnet damit, dass langfristig ein neues Klinikum in Brandenburg errichtet werden müsse.

Gaehtgens zeigte sich zutiefst enttäuscht. Das Signal, das die rot-rote Koalition mit der Umwandlung des Klinikums in ein städtisches oder privates Krankenhaus aussende, "ist für Berlin tödlich". Die Stadt des Wissens setze damit nicht auf das Rezept, über die Wissenschaft neue Arbeitsplätze zu schaffen. Dekan Paul sagte voraus, dass "die Balance zwischen den Universitäten in Berlin schwer geschädigt wird, weil die Freie Universität ihren Status als Volluniversität damit verliert. Die Freie Universität steht jetzt auf der Verliererseite und es ist von den Politikern demnächst zu erwarten, dass sie diese Universität nach der Salamitaktik bei neuen Sparproblemen weiter beschädigen werden."

In der Charité der Humboldt-Universität herrscht ebenfalls tiefe Betroffenheit. Seit langem betrachtet die Charité die FU-Medizin nicht als lästige Konkurrenz, sondern als Partner im Wettbewerb. Der ärztliche Direktor Manfred Dietel spricht von einem "schlechten Signal für die Hochschulmedizin und Biotechnologie" in Berlin. "Die Situation für die Kollegen an der Freien Universität ist schrecklich, sie stehen zwischen allen Stühlen. Sie bekommen keine Drittmittel mehr, und die Besten werden sich an andere Universitätsklinika bewerben." Zornig prangert Dietel die Maßstäbe der Koalition an: "Das Land Berlin übernimmt die Sanierungskosten für die Landesbank und opfert das FU-Klinikum."

Dietel und Charité-Dekan Joachim Dudenhausen haben erste Überlegungen angestellt, wie sie das Problem lösen könnten, wenn auf die Charité die Übernahme der gesamten Studentenausbildung zukommt. Langfristig gesehen könne die Charité die im Medizingesetz vorgegebene Zahl von 600 Studienanfängern pro Jahr ausbilden, weil die Vorklinik inzwischen entsprechend saniert worden ist. Kurzfristig dagegen könnten lediglich maximal 200 Studenten zusätzlich verkraftet werden.

Dekan Dudenhausen spricht von "einem Tod auf Raten" für die FU-Medizin mit der "Gefahr, dass die Drittmitteleinwerbungen in Berlin zurückgehen werden". Dudenhausen warnt davor, jetzt "Teile aus dem FU-Klinikum wie bei einem Flickenteppich herauszunehmen und an die Charité zu verlagern". Dietel ergänzt: Die Charité sehe sich jedoch in der Pflicht, Kollegen von der FU zu übernehmen, soweit deren Forschung und Lehre in das Programm der Charité passe.

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