Gesundheit : Fünf Meter laufen, drehen, und wieder zurück

Mike Scheller

Man erkennt sie an ihren blau-grauen Anzügen. Meist sind es Rentner, die in Museen oder Ausstellungen Auskunft geben oder darum bitten, dass die Vorschriften eingehalten werden. Aber auch Studenten versehen diesen Job. An ihren Revers, Jacken- oder Hosentaschen hängen kleine Plastikhüllen mit einem Ausweis. Darauf steht "Aufsicht", es könnte aber auch "Auskunft" heißen. Besucher nehmen selbstverständlich an, dass eine Aufsichtsperson die Ausstellung gut kennt. Ein Problem, wenn man nur einen Tag in der Ostafrikaabteilung aushilft und dann wieder am Berliner Dom oder im Museum Hamburger Bahnhof.

Eine Möglichkeit besteht darin, sich bei einer Wach- oder Sicherheitsfirma zu bewerben. Dann ist man Mitarbeiter der jeweiligen Firma und bewacht je nach Auftragslage Freizeitgelände, Firmen, Ausstellungen oder Museen. Bei Uniformpflicht erhalten studentische Wachleute die grauen Hosen und das dunkelblaue Sakko samt Schlips von der Firma. Zuschläge für Nacht-, Feier- und Sonntagsarbeit auf 630-Mark-Basis erhöhen den Stundenlohn von etwa 10 Mark auf ein erträgliches Maß.

Das Freizeit- und Erholungszentrum in der Wuhlheide, "FEZ" genannt, brauchte zum Beispiel in den Wintermonaten Präsenzkräfte. Die schnelle Dämmerung dieser Jahreszeit verdunkelt schon nachmittags den waldartigen Park, und die Besucher, vor allem Frauen, Kinder und Jugendliche, fühlen sich sicherer, wenn sie wissen, dass zwei Männer im blauen Parka und mit einer großen Taschenlampe die Hauptwege auf- und abgehen. Als "Springer" kann man das Nachtleben städtischer Versorgungsbetriebe kennenlernen, zum Beispiel als Nachtwache bei der GASAG. Die Nachtschicht in der Störungsstelle beschränkt sich auf Öffnen und Schließen des Haupttores, falls keine Notrufe weitergeleitet werden müssen. Nach elf sind die letzten Störungsfahrzeuge im Hof geparkt. Es ist Zeit in Ruhe etwas zu studieren oder fernzusehen.

Im Museum dagegen bewegt sich auch die Aufsicht wie unter Aufsicht. Fünf Meter laufen, drehen und wieder ein paar Schritte, an den Vitrinen vorbei. Schrittfrequenz und -länge sind reduziert, als bewege man sich in Zeitlupe auf Stelzen. Dabei entwickeln Ausstellungs-Aufseher eine unbemerkt-skurrile Eigenart: die Übersicht über die Besucher zu behalten, ohne sie zu mustern. Und immer wenn der Blick auf die Uhr fällt, sind erst zehn Minuten vergangen.

Auch der Berliner Dom zieht nicht nur Gläubige, sondern auch viele Besucher an. Die Eintrittskarten zu kontrollieren, Stativ-Aufnahmen des Dom-Inneren zu verhindern und natürlich den Weg zur Toilette weisen, so vergeht die Schicht. Die meisten Besucher kommen, um die neu eröffnete Hohenzollerngruft und die imposante Innengestaltung des Doms zu besichtigen - und zu zahlen. Die Eintrittskartenkontrolle wird zur unangenehmen Pflicht, wenn heftig irritierte Besucher von den Aufsichten die Rechtfertigung des Eintritts fordern. Auch für den Dom war das eine heikle Entscheidung, wie ein Mitglied der Domgemeinde kurz vor Ende des abendlichen Gottesdienstes zutraulich erzählt. Aber wer den Dom zum Gebet besuchen will, kommt hinein, ohne Eintritt zu bezahlen.

Acht Stunden Präsenz-Zeigen macht kaputt. Die Beine sind schwer, der Kopf ist taub. Und wenn man in die Wohnung kommt, scheint der Fernseher laut "hierher" zu rufen. Ans Studieren kann man sich noch dunkel erinnern, und irgendwie ist es schade um die Zeit. Der Job ist schnell zu bekommen und sicher. Er führt aber Feierabend für Feierabend zu Grübeleien, ob man weitermacht und warum.Adressen gibt es in den Gelben Seiten unter der Rubrik Wach- und Sicherheitsunternehmen.

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