Gesundheit : Fünf Milliarden moderne Nomaden pro Jahr - eine Trendwende ist nicht in Sicht

Heik Afheldt

Die Nomaden auf der Reise in die Erlebnisgesellschaft. Eine anschwellende Luftkarawane auf den Flügeln des Dampfes. Ein großes Wachstumsfeld: Reisen - nicht nur im Netz.

"Das Luftschiff kommt, es ist mit Reisenden überfüllt, denn die Fahrt geht schneller als zur See; der elektromagnetische Draht unter dem Weltmeer hat bereits telegraphiert, wie groß die Luftkarawane ist." So gut hat der Märchenerzähler Hans Christian Andersen schon Mitte des 19. Jahrhunderts die Zukunft des Reisens beschrieben. Und doch wäre er erstaunt, wenn er heute sehen könnte, wie gewaltig die Karawanen der Touristen zu Luft, zu Erde und zu Wasser in den vergangenen 150 Jahren angeschwollen sind. Im vorigen Jahr hat die Zahl der Reisenden, so wird geschätzt, mehr als 5 Milliarden erreicht, davon mehr als 650 Millionen Reisen über die Grenzen. Ganze 1,5 Milliarden Mal haben im Jahr 1998 Menschen die modernen Luftschiffe bestiegen. Der Himmel ist ständig von rund fünfhunderttausend fliegenden Menschen bevölkert, die von irgendwo nach irgendwo auf dem Globus unterwegs sind. Touristen mit wichtigen Mienen und schwarzen Ledertaschen, Business people oder solche, die gerne mal woanders baden, reiten, golfen, flirten, sonnen oder Musicals hören wollen. Oder jene, die auf der Flucht sind vor sich und der Zeit, von der ihnen zusehends mehr gegeben ist, als sie verwenden können. Sie meinen mit Gottfried Benn, Zürich sei eine andere Stadt. Sie geben Milliarden an Dollars, D-Mark oder Franken aus, um auf einem oder zwei Brettern beschneite Hänge herunter zu wedeln. Mehr als 8 Milliarden in der kleinen Schweiz. Alleine in Deutschland ist der gesamte Reisemarkt zwischen 300 und 400 Umsatz-Milliarden DM groß, etwa so bedeutend wie der Maschinenbau oder die Chemische Industrie. 2,8 Millionen Menschen finden in diesem Land Arbeit an den Wegen der Karawanen der Reisenden und erwirtschaften damit 8 bis 12 Prozent (so die Schätzungen) des Bruttosozialprodukts. Sie versorgen die Reisenden mit Fahrausweisen und Routenplänen, versorgen deren Reittiere und Karossen, beherbergen, beköstigen und unterhalten die Touristen, massieren ihre müden Rücken, führen sie zu Denkmälern, zu versunkenen Städten und alten Stätten. Sie verkaufen ihnen allerhand Tand und Cremes gegen Sonnenbrand. Weltweit arbeiten heute mehr als 220 Millionen Menschen rund um den Globus in der Tourismusindustrie. Da sind 12 Prozent aller Arbeitsplätze auf dieser Erde. Tourismus ist mittlerweile zum drittgrößten Wirtschaftszweig überhaupt geworden. Viele Länder und Regionen auf dieser Erde leben heute zu einem großen Teil vom "Export" ihrer Berge und Strände, ihres milden Klimas und ihrer kulturellen Eigenarten. In der Karibik, auf den Bahamas, den Malediven oder den Fidschi-Inseln macht Tourismus die Hälfte der ganzen Wirtschaft aus. Das Herr der Nomaden wird von Jahr zu Jahr noch größer. Ihre Ziele suchen sie in immer entfernteren Ländern und Regionen. Weil der Wettbewerb zwischen den Reiseanbietern, den Transporteuren und den Hotels hart ist und der technische Fortschritt die Transportkosten weiter senkt, kann man auch mit kleinen Beuteln immer größere Sprünge machen. Aber die Ansprüche an Komfort, Zerstreuung und Betreuung wachsen - und mit ihnen die Bereitschaft, für Reisen auch mehr Geld auszugeben.

Gar nichts spricht dafür, daß dieser Reiseboom nun plötzlich ein Ende finden soll, dass die Menschen nur noch in der virtuellen Welt surfen und nicht mehr in der Karibik, sich im Netz erregen und erholen und auf die Abenteuer realer Welten verzichten. Es wird gehen wie mit dem papierlosen Büro. Es kommt und kommt nicht - im Gegenteil. Alles spricht dafür, daß die Ströme der Karawanen weiter anschwellen werden und immer mehr Menschen - auch geringer qualifizierte -ihr Geld in der Fremdenverkehrsindustrie verdienen können, das andere dort ausgeben. Warum? Mit der längeren Lebenserwartung nimmt das Volumen an arbeitsfreier Zeit weiter zu. Reisen ist eine der schönsten Freizeitaktivitäten. Immer mehr Menschen erreichen ein Wohlstandsniveau, das ihnen das Reisen erlaubt. Unvorstellbar heute, aber morgen doch wahrscheinlich: Die 1,2 Milliarden Chinesen aus dem großen Reich der Mitte machen sich auf, um jenseits der großen Mauer die weite Welt zu erkunden. Immer häufiger werden Zweitwohnungen in der Sonne gekauft und genutzt. Eine wachsende Zahl von Kongressen und Weiterbildungsveranstaltungen - Antwort auf die Notwendigkeit, lebenslang zu lernen, seine Wissensbatterien neu aufzuladen und neue Fähigkeiten zu erwerben - löst weitere Reisen aus. Festivals und Ausstellungen in allen Erdteilen finden gebildete und interessierte Besucher rund um den Globus. Das Netz ist kein Ersatz für das Reisen in der Erlebnisgesellschaft. Das Netz regt an, es hilft bei der Orientierung in der immer komplexeren globalen Reisewelt, es vereinfacht das Suchen und Buchen und macht es billiger. Das Netz fördert das Wachstum der Reisemärkte, es bedroht sie nicht. Es bedroht nur die Reisebüros, wenn sie die Reise in die eigene Zukunft verschlafen. Der elektromagnetische Draht Hans Christian Andersens hat bereits telegraphiert, wie groß dies Risiko ist.

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