Gesundheit : Für Adels- und Bürgertöchter war das Studium die Alternative zur Ehe

Hans Rieveler

Zu Zeiten Kaiser Wilhelms II. erzählte man von einem Professor, der ein Schild mit der Aufschrift "Hunde und Damen nicht erwünscht!" an der Hörsaaltür anbringen ließ. Die bürgerliche Frauenbewegung musste die Öffnung der Hochschulen im deutschen Kaiserreich gegen starke gesellschaftliche Widerstände erkämpfen. Der große Durchbruch gelang am 28. Februar 1900: Die liberale badische Regierung erlaubte als erste in Deutschland den Abiturientinnen, sich an den Universitäten in Heidelberg und Freiburg als ordentliche Studierende einzuschreiben.

Zuvor waren Frauen an Hochschulen lediglich als Gasthörerinnen zugelassen. Um sich als ordentliche Studenten einschreiben und Prüfungen ablegen zu können, mussten sie sich ins Ausland begeben. In Europa hatte dabei die Schweiz die Vorreiterrolle inne. Schon seit 1867 durften Frauen an der Universität Zürich studieren. Viele "höhere Töchter" aus Deutschland zog es daher in die Eidgenossenschaft, darunter auch die Historikerin Ricarda Huch und die Nationalökonomin Rosa Luxemburg.

Besonders engagiert kämpfte neben dem seit 1865 bestehenden "Allgemeinen Deutschen Frauenverein" der 1888 gegründete "Frauenverein Reform" für die Einrichtung von Mädchengymnasien sowie die Öffnung der Hochschulen und der akademischen Berufe für Frauen. Hedwig Kettler, die Gründerin des drei Jahre später in "Frauenbildungsreform" umbenannten Vereins, zog in ihren Schriften gegen die Behauptung von der angeborenen geistigen Unterlegenheit der Frau zu Felde: "In der Wiege waren unsere Töchter nicht unwissender als unsere Söhne, sie sind es erst jetzt, nachdem sie erzogen wurden."

Mit privaten Mitteln richteten die Frauenvereine gymnasiale Bildungskurse für Mädchen ein. Kettlers Verein eröffnete 1893 in Karlsruhe ein humanistisches Mädchengymnasium, das 1899 die ersten vier Abiturientinnen entließ. Das Großherzogtum Baden ließ Mädchen auch zu den höheren Jungenschulen zu. Da sie die Hochschulreife erwerben durften, stellte sich die Frage, ob man sie nicht studieren lassen sollte. Die badische Regierung beantwortete dies positiv und führte den Dammbruch herbei.

Ab 1903 durften Frauen in Bayern studieren, ein Jahr später auch in Württemberg. Erst 1908 zog Preußen nach. Letztlich war das Einlenken der Politik aber weniger der Begeisterung für die Emanzipationsbewegung zu verdanken als der Sorge, "dass gerade in den mittleren und höheren Ständen viele Mädchen unversorgt blieben", wie das preußische Kultusministerium zur Begründung schrieb.

Aufgrund der rasanten wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung im Deutschen Reich hatte die Zahl unverheiratet bleibender Adels- und Bürgertöchter zugenommen. Um diese Frauen vor dem sozialen Abstieg zu bewahren, sollten nun höher qualifizierte Tätigkeiten für sie erschlossen werden. Besonders hoch im Kurs standen anfangs die Berufe der Oberlehrerin und der Ärztin.

Am Ende der Kaiserzeit waren unter den rund 60 000 Studenten in Deutschland mehr als 6000 Frauen. Bis 1931 verdoppelte sich ihre Zahl. Im März 1923 erhielt dann die Botanikerin Margarethe von Wrangell als erste Frau in Deutschland eine ordentliche Professur an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim.

Doch die Vorurteile blieben noch lange in der Gesellschaft verwurzelt: Frauen sollten kochen lernen und vielleicht noch die Kunst der Konversation beherrschen, nicht aber Paragraphen reiten oder Leichen sezieren. Viele meinten, nur zum Heiraten zu hässliche Frauen sollten studieren. Manche behaupteten, die geistige Anstrengung im Studium lasse die Gebärorgane verkümmern und führe zur Unfruchtbarkeit. Die Nazis versuchten dann die Frauen wieder aus den Hörsälen zu verdrängen und zurück an den heimischen Herd zu schicken.

Erst in der Nachkriegszeit stieg der Frauenanteil in den Hochschulen wieder an. Im Wintersemester 1998/99 lag er nach Angaben des Statistischen Bundesamts bei 45,1 Prozent. In den höheren Positionen der akademischen Hierarchie finden sich aber auch heute noch kaum Frauen. Immerhin 33 Prozent der Promotionen und 15 Prozent der Habilitationen entfielen 1998 auf Frauen. Bis an die Spitze des Elfenbeinturms sind aber bislang erst wenige vorgedrungen: Nur 5,9 Prozent der C4-Professoren waren 1998 Frauen.

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