Gesundheit : Für den Duden ein neues Regal

JOSEFINE JANERT

Für Sehbehinderte bleibt das Studium beschwerlich, obwohl es viele Arbeitserleichterungen gibt / Langes Warten auf die BücherVON JOSEFINE JANERTDen täglichen Weg zur Freien Universität hat ihm ein Mobilitätstrainer gezeigt: Treppen, U-Bahnhöfe, Ampeln, Räume.Doch wenn ein Seminar mal verlegt wird, muß Alain Forotti seine Kommilitonen bitten, daß sie ihn vom Eingang des Gebäudes abholen.Auch wenn der Publizistikstudent die Mensa am Kiebitzweg aufsucht, ist er auf Hilfe angewiesen.Die Menschenschlangen, die sich in verschiedenen Richtungen durch den Raum schlängeln, machen die Orientierung fast unmöglich. "In keinem anderen Lebensbereich hatte ich wegen meiner Behinderung so viele Nachteile wie an der Universität", sagt Alain Forotti, der seit seiner frühen Kindheit sehbehindert ist.Eine Erkrankung kostete ihn das Augenlicht.Er kann noch zwischen Hell und Dunkel unterscheiden und mit einem speziellen Vergrößerungsgerät seine Post lesen.Obwohl es mittlerweile viele Arbeitserleichterungen gibt, bleibt das Studium für Sehbehinderte beschwerlich.Der Hochschul-Dschungel macht ihnen noch mehr zu schaffen als ihren sehenden Kommilitonen.Und für die Seminare müssen sie nun mal lesen, lesen, lesen. Die Literaturliste für das Seminar holt sich Alain Forotti möglichst schon Wochen vor Semesterbeginn.Die Bücher für sein Referat besorgt er sich per Fernleihe aus verschiedenen Blindenbibliotheken in ganz Deutschland.Manches liegt in Punktschrift vor, anderes als Hörausgabe.Nur hat Forotti leider selten Zugriff auf Neuerscheinungen.Bis ein neues Fachbuch in die Blindenschrift übertragen wird, können durchaus ein paar Monate ins Land ziehen.Auch die Auswahl der Bücher, die in den Blindenbibliotheken erhältlich sind, ist beschränkt.Die Auseinandersetzung mit den Ansichten verschiedener Autoren macht jedoch das Studium erst interessant.Gerade, wenn Forotti Literatur über sehr spezielle Themen sucht, findet er oft nichts. Während viele Studenten mit einem kurzen Blick auf einen Text feststellen, was die Hauptaussage ist, braucht Alain Forotti dafür wesentlich mehr Zeit.Eine Seite in Originalschrift entspricht ungefähr drei Seiten in Blindenschrift. Ein Duden in Blindenschrift umfaßt 18 dicke Bände.Würde er ihn kaufen, müßte sich Alain Forotti ein neues Regal anschaffen.Hinzu käme noch die Schlepperei zur Universität, wenn er das Nachschlagewerk für eine Klausur benötigt.Forotti verzichtet auf den Duden und fragt bei Bedarf Freunde und Bekannte, wie ein Wort geschrieben wird.Er könnte auch zur Universitätsbibliothek fahren.Dort gibt es zwei Arbeitsplätze für Sehbehinderte.Mit Hilfe von CD-ROM können sie in den Bücherbeständen und in Datenbanken recherchieren. Die Servicestelle für blinde und sehbehinderte Studenten an der FU überträgt ihm Seminarliteratur in Blindenschrift."Leider müssen wir uns auf einzelne Kapitel und Aufsätze beschränken", sagt Elisabeth Wunderl, die die Arbeit koordiniert."Unsere Kapazität reicht nicht aus, um ganze Bücher zu übertragen." Immerhin studieren an der Freien Universität zwölf Blinde und etliche Sehbehinderte. "Dadurch, daß in den neunziger Jahren immer mehr Informationen auf CD-ROM, Disketten und im Internet zugänglich sind, wird den Sehbehinderten die Lektüre erleichtert", sagt Georg Classen, der Behindertenbeauftragte der Freien Universität.Wenn sie sich die notwendigen Geräte auf den eigenen Schreibtisch stellen wollen, geht das allerdings mächtig ins Geld.Ein Computer mit einer Braille-Zeile kostet zum Beispiel rund 20 000 Mark: Mit Hilfe einer Punktleiste können Sehbehinderte Texte "ertasten", die auf dem Bildschirm erscheinen.Sie können mit diesem Spezial-Computer also nicht nur schreiben, sondern auch "lesen". Die Geräte werden in der Regel von den Sozialämtern finanziert, die sich bei der Entscheidung über die Anträge schon mal Zeit lassen.Classen erinnert sich an eine Studentin, die zwei Jahre darauf wartete, daß ihr ein Computer mit Braille-Zeile bewilligt wurde.In solchen Konfliktfällen setzt er sich für die Blinden ein. Der Behindertenbeauftragte will den Sehbehinderten den Weg in sämtliche Institute ebnen.In der Studienberatung einiger Fächer werden sie nämlich mit der Behauptung konfrontiert, daß sie hier völlig fehl am Platze seien."Grundsätzlich können Behinderte alles studieren", sagt Georg Classen und räumt gleichzeitig ein, daß es zum Beispiel mit Chemie und Medizin Probleme geben könnte.Da müssen die Studenten chemische Reaktionen beobachten und im Notfall ausweichen können, wenn es pufft und zischt.Classen verweist darauf, daß es in den USA und Frankreich durchaus blinde Chemiestudenten gibt.An der FU wählen die meisten Sehbehinderten eher Fächer wie Jura, Psychologie oder Politologie.Da müssen sie "nur" lesen und keine chemischen Reaktionen beobachten. Alain Forotti entschloß sich zum Publizistikstudium, weil er seit vielen Jahren begeistert Musiksendungen im Radio verfolgt und sein Hobby zum Beruf machen wollte.Er hat bereits für verschiedene Radiosender gearbeitet, Sänger interviewt und über Shows und Wettbewerbe berichtet.Freunde und Bekannte begleiten ihn, wenn er zu den Veranstaltungen fährt.Weil ihm der christliche Sender "Radio Paradiso" einen Vertrag anbot, hat Forotti sein Studium jetzt unterbrochen."Die Arbeit fällt mir leichter als das Studium und macht vor allem mehr Spaß". Kontakte: Interessengemeinschaft behinderter Studierender in Berlin, Telefon 2510 537. FU: Behindertenbeauftragter Georg Classen, Telefon 8385 292 Servicestelle für blinde und sehbehinderte Studierende, Telefon 8382 122 Behindertenberatung des AStA, Peter Dietrich, Telefon 8386 203, auch erreichbar über E-mail pedie@zedat.fu-berlin.de TU:Beauftragte für behinderte Studenten, Brigitte Lengert, Telefon 3142 5607 HU:Beratung behinderter Studierender, Telefon 2093 2145

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