Gesundheit : Für die Physiker Sokal und Bricmont sind die französischen Theoretiker Hochstapler (Interview)

Befinden Sie sich noch immer im "Wissenschaftskrie

Alan Sokal (44) und Jean Bricmont (47), Physiker attackieren in ihrem Buch "Eleganter Unsinn" (Verlag C.H. Beck) die Postmoderne. Sie werfen Autoren wie Lacan vor, zum Zweck intellektueller Einschüchterung naturwissenschaftliche Begriffe zu übernehmen, ohne diese zu verstehen. Das Interview führte Hartmut Wewetzer.

Befinden Sie sich noch immer im "Wissenschaftskrieg" mit den Philosophen der Postmoderne?

SOKAL: Ich mag den Begriff "Wissenschaftskrieg" überhaupt nicht. Es handelt sich um eine intellektuelle Debatte, nicht um Krieg. Es gibt nicht nur zwei Seiten, sondern viele verschiedene Sichtweisen, und die sind noch nicht einmal klar zwischen zwischen bestimmten Gruppen geschieden. Der Begriff "Wissenschaftskrieg" führt also extrem in die Irre. In unserem Buch gibt es zwei Hauptthemen: das eine ist der Missbrauch wissenschaftlicher Begriffe durch manche postmoderne französische Intellektuelle wie Lacan, Kristeva, Deleuze usw. mit der Intention, den Leser einzuschüchtern. Eine ganz andere Geschichte ist der erkenntnistheoretische Relativismus. Es ist wichtig, diese beiden Debatten zu trennen. Die zweite Debatte ist die interessantere, die erstere hat den größeren Skandal in Frankreich hervorgebracht. Wir zeigten, dass der Kaiser nackt ist, oder einige der Kaiser teilweise unbekleidet sind.

BRICMONT: Oder nicht gut angezogen. Gerade ist ein Buch eines Philosophen vom Collêge de France herausgekommen, es ist eine Verteidigung unserer Kritik an der postmodernen Philosophie. Die Debatte geht in Frankreich also immer weiter. Es gab auch etliche negative Reaktionen und auch unsere Arbeit, darunter zwei Bücher. Eines erschien unter dem Titel "Wissenschaftliche Hochstapler", es ist ein Sammelband mit verschiedenen Autoren. Ich empfehle allen Leuten, dieses Buch zu lesen, und dann frage ich sie: Wo sind unsere Argumente wirklich widerlegt worden? Man diskutiert nur Nebenaspekte, man sieht nicht die Substanz.

Waren die Reaktionen in Frankreich feindseliger als in der englischsprachigen Welt?

SOKAL: Im Allgemeinen schon. Sowohl in England als auch in Amerika mussten wir uns nicht nur gegen unsere Kritiker, sondern auch gegen unsere übereifrigen Unterstützer verteidigen. Viele der Besprechungen in England hatten den Tenor: Bricmont und Sokal haben selbstverständlich Recht, aber sie sind nicht weit genug gegangen. Wir sagen: Moment mal, wir behaupten nicht, dass das gesamte Werk Lacans Unfug ist. Das mag sein oder auch nicht, aber wir sagen dazu nichts.

Sie sagen nichts über den "Kern" der postmodernen Philosophie?

SOKAL: Richtig. Uns geht es um die Benutzung von Mathematik und Physik im Werk postmoderner Autoren, die alles andere als nebensächlich ist, aber auch nicht der dominante Teil. Dieser Teil ihrer Arbeit ist unserer Meinung nach Scharlatanerie. Ob der Rest ebenfalls Scharlatanerie ist oder tiefsinnig ist oder irgend etwas dazwischen, behaupten wir nicht zu wissen. Aber es ist fair, die Frage danach aufzuwerfen. Es ist ein wenig so, als wenn sie einen Politiker bei Korruption erwischen. Heißt das, dass er notwendig in allen Dingen korrupt war? Natürlich nicht. Aber es wirft natürlich die Frage nach weiteren Untersuchungen auf.

Manche Wissenschaftshistoriker bezweifeln, dass es eine "absolute Wahrheit" in der Naturwissenschaft gibt. Sie sagen, dass es naiv ist, dies zu behaupten.

SOKAL: Es wäre naiv zu behaupten, dass unsere gegenwärtigen Theorien exakt wahr sind. Wir sind sicher, dass sie nicht die exakte Wahrheit enthalten. Sie sind nur gute Annäherungen, aber wir wissen, dass sie nicht vollständig sind, dass sie in der Zukunft revidiert werden müssen. Ich weiß nicht, ob das menschliche Gehirn dazu imstande ist, die Kosmologie und Quantengravitation exakt zu verstehen. Das ist zu unterscheiden von der Frage, ob ein objektiver Standard der Wahrheit existiert. Der Punkt ist: Es gibt eine physische Welt außerhalb des Menschen. Diese Welt ist unabhängig davon, was irgendein Mensch von ihr denkt.

BRICMONT: Nehmen wir die Theorie, dass die Erde nicht flach, sondern eine Kugel ist. Das ist eine Annahme, die man wissenschaftlich überprüfen kann. Die andere Frage ist: Ist das eine absolute Wahrheit? Ich glaube nicht, dass jemand ernsthaft widersprechen wird, dass die Erde kugelförmig ist. Aber es ist keine absolute Wahrheit in dem Sinne, in dem ein radikaler Skeptiker argumentieren würde. Was die relativistischen Philosophen nicht verstehen, ist, dass der Empirismus mit einem Begriff wie "absoluter Wahrheit" nicht viel anfangen kann, wie er in der Philosophie nun einmal existiert, bei Fragen wie der nach der Existenz Gottes oder nach der absoluten Wahrheit.

Welche Resonanz haben Sie bei den Sozial- und Geisteswissenschaftlern hervorgerufen?

SOKAL: Eine der angenehmen Seiten dieser Affäre war die, so viele E-mails von Leuten aus den Sozialwissenschaften zu bekommen, die sagten: danke, danke, dass Sie gezeigt haben, dass unser hiesiger Säulenheiliger nackt ist, uns hat man einfach nicht zugehört. Wir sind Freunde von Historikern und Sozialwissenschaftlern geworden, die wir sonst nie kennen gelernt hätten. Wir sind kritisiert worden, dass wir die Methoden der Naturwissenschaften in anderen Wissenschaften anwenden wollten. Das ist gar nicht unser Ziel. Wir glauben aber, dass es Standards der Rationalität und der Bewertung von Beweisen gibt, die für alle gelten. Nicht nur für Naturwissenschaftler, sondern auch für Historiker, Detektive und Klempner.

Sie bezeichnen sich selbst als Linke. Arbeiten Sie aber nicht eher den Konservativen in die Hände?

SOKAL: Ja, politisch gesehen sind Jean und ich Linke, aber wir finden, dass der Postmodernismus schädlich für die Linke ist, ebenso wie der erkenntnistheoretische Relativismus. Unser Ziel ist es, den Standard intellektueller Maßstäbe zu verbessern und die geistige Konfusion bei unseren politischen Freunden der Linke abzumildern. Aber mehr und mehr sehen wir, dass dieselben Methoden auf verschiedenen Seiten des politischen Spektrums angewandt werden. Es ist eine Ironie, dass in den USA bei der Debatte über die Lehre der Evolution in öffentlichen Schulen die fundamentalistischen christlichen Kreationisten immer öfter Argumente nutzen, die denen der Postmoderne gleichen. Sie missbrauchen die Erkenntnistheorie auf ähnliche Weise. In Alabama tragen die Biologiebücher nun einen Vermerk: Niemand war zugegen, als die Evolution passierte. Deshalb ist sie eine Theorie, keine Tatsache. Das ist eine ziemlich naive Erkenntnistheorie. Natürlich ist die Evolution eine Theorie und kein Faktum. Aber so wird der Unterschied zwischen Theorien, die durch überwältigende empirische Hinweise belegt sind, und Theorien, die nur durch heilige Bücher gestützt werden, bewusst verwischt.

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