Gesundheit : Für eine sinnvolle Orthografie Rat für Rechtschreibung sucht neuen Kompromiss

Amory Burchard

Der Rat für deutsche Rechtschreibung ist uneins über eine mögliche Korrektur der Rechtschreibreform. Einige der 33 stimmberechtigten Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wollten zur alten Orthografie zurückkehren, andere die im Jahr 2004 leicht modifizierte Neuregelung beibehalten, sagte die Geschäftsführerin des Rates, Kerstin Güthert, nach der ersten Konferenz des Rates am Freitag. Die „ganz große Mehrheit“ sei jedoch für eine Regelung, die der Sprachbedeutung vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung mehr Gewicht verleihe. Ein Beispiel: Der Lehrer muss Schüler auseinander setzen, wenn sie sich untereinander streiten. Aber er muss sich mit ihnen auseinandersetzen dürfen, wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt.

Eine siebenköpfige Arbeitsgruppe werde jetzt bis zur nächsten Konferenz am 8. April einen Kompromissvorschlag ausarbeiten, der dem Votum der starken „Konsens-Gruppe“ im Rat gerecht werde, sagte Güthert dem Tagesspiegel. Die Arbeitsgruppe soll paritätisch mit den verschiedenen Strömungen im Rat besetzt sein, als auswärtigen Experten wolle man den Potsdamer Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg gewinnen. Eisenberg ist einer der profiliertesten Kritiker der Rechtschreibreform; er hatte die „Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung“ 1998 unter Protest verlassen.

Nach immer wieder aufflammender Kritik an der Reform löste der neue Rat für deutsche Rechtschreibung die „Zwischenstaatliche Kommission“ im Oktober 2004 ab. Sie hatte seit 1996, als Deutschland, Österreich, die Schweiz und andere deutschsprachige Regionen die Rechtschreibreform beschlossen, kleinere Anpassungen vorgeschlagen. Im Rat für deutsche Rechtschreibung sitzen weiterhin Wissenschaftler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, darunter aber auch Reformkritiker aus Schriftstellerverbänden, Akademien, Verlagen und dem Buchhandel. Die Akademie für Sprache und Dichtung und das P.E.N.-Zentrum Deutschland aber haben aus Protest gegen die Reform bislang keine Vertreter entsandt. Peter Eisenberg, den der Rat jetzt als externen Experten berufen will, ist Mitglied in der Akademie für Sprache und Dichtung, soll aber laut Güthert „als Individuum“ berufen werden.

Kritiker der Reform stören vor allem die Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung. Warum, fragten sie, muss es jetzt heißen: weit gereist, Dienst habend, allein Erziehende oder Leid tun? Es muss schon jetzt nicht mehr so heißen. Nach den neuesten amtlichen Regeln, die die KMK im Juni 2004 beschloss, ist die Zusammenschreibung als Variante wieder erlaubt. Alleinerziehende können einem jetzt wieder leidtun. Den Reformgegnern reichten diese Zugeständnisse nicht. „Was ist mit den unsinnigen vermehrten Großschreibungen (des Öfteren, vor Kurzem, der Eine, der Andere), was mit den Etymogeleien (gräulich, Stängel, verbläuen), was mit der s-Schreibung?“, fragt etwa der Erlanger Sprachwissenschaftler Horst Haider Munske.

Wie weitgehend die Änderungen sein werden, die der Rat für deutsche Rechtschreibung der KMK vorschlägt und ob es lediglich um die Zulassung weiterer Varianten gehe, sei noch nicht abzusehen, sagte Geschäftsführerin Güthert. Auf jeden Fall aber wolle der Rat die wesentlichen Streitpunkte vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung bis zum 1. August 2005 ausgeräumt haben. Dann tritt die Rechtschreibreform nach einer langen Übergangsfrist offiziell in Kraft und wird für die Schulen verbindlich.

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