Gesundheit : Für eine wahre Bildungsministerin

Von George Turner, Wissenschaftssenator a.D.

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Wenn im politischen Raum von Bildung gesprochen wird, ist generell Ausbildung gemeint. In der Alltagssprache wird der Begriff Bildung häufig synonym mit Erziehung verwendet. Im wissenschaftlichen Gebrauch bedeutet es „das über theoretische Einsicht vollzogene Lernen“; Erziehung ist die im praktischen Umgang „durch Disziplin und Übung bewirkte Formung des Verhaltens“. Demgegenüber ist Ausbildung das Einüben von Leistungsaufgaben. Dabei geht es darum, dass Fertigkeiten erworben werden. Ohne ein bestimmtes Maß an „Handwerk“ ist Bildung im eigentlichen Sinn nicht zu haben. Man muss allerdings den Eindruck gewinnen, dass Bildung im Sinn von Ausbildung sich allein darauf beschränkt, Kenntnisse zu vermitteln. Dabei scheint der Gedanke Pate zu stehen, dass auf diese Weise eine Selbstverwirklichung der Betroffenen stattfinden kann. Und dass dies zur Verwirklichung von Chancen, auch zum Ausgleich von Benachteiligungen geeignet ist, damit sie ihre Belange besser vertreten können. Das ist zwar nicht illegitim, nur verkennt es den Sinn von Bildung.

Die Reduzierung des Begriffs „Bildung“ auf Ausbildung führt im Ergebnis zu einer weit verbreiteten Halbbildung, nämlich das Steckenbleiben in unverarbeitetem Wissen. Zu einer Umsetzung des reinen Faktenwissens zu dem, was als Vorgang geistiger Formung verstanden wird, kommt es oft gar nicht. Davon, dass Bildung die „innere Gestalt“ bedeutet, zu der ein Mensch gelangt, wenn er seine „Kräfte in Auseinandersetzung mit den Gehalten der Kultur entfaltet“, haben manche so genannte Bildungspolitiker womöglich noch nicht einmal etwas vernommen – reden darüber hört man sie jedenfalls nicht. Der Begriff Bildungskatastrophe bekommt damit eine ganz andere Bedeutung.

So wäre es denn, denkt man an politische Programme, zutreffender, nicht von einem Bildungsministerium, sondern von einem Ausbildungsministerium zu sprechen. Nichts gegen eine möglichst gute Ausbildung für alle. Ein bisschen mehr Bildung für möglichst viele wäre ein weiterer Fortschritt. Die für das Amt der Bundesbildungsministerin vorgesehene Annette Schavan bringt für die Vermittlung eines solchen Verständnisses mit ihrer eigenen Biographie gute Voraussetzungen mit. Deshalb muss man ihr wünschen, dass sie Einfluss auch auf das Schulwesen nimmt – selbst wenn dies Sache der Länder ist.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine Email schicken: g.turner@tagesspiegel.de

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