Gesundheit : Für immer jung

Wenn das Kind zum Jugendlichen wird, beginnt die Suche nach dem Sinn des Lebens

Klaus Hurrelmann

Konfirmation, Kommunion oder Jugendweihe – es gibt sie weiterhin, diese Initiationsriten, die Zeremonien, die den Übergang von der Kindheit zur Jugend markieren. Aber sie verlieren nach und nach ihre Bedeutung. Die symbolische Aussagekraft gerade des religiösen Firmungsrituals scheint fade geworden zu sein. Ob es nun mit sieben oder mit vierzehn Jahren erfolgt: Es fällt mit keinem anderen wichtigen, in der subjektiven Wahrnehmung von Jugendlichen bedeutsamen Ereignis zusammen. Auch andere traditionelle Übergangszeremonien wie der Schuleintritt, der Beginn der Berufstätigkeit und selbst die Hochzeit verlieren heute an Bedeutung. Warum? Weil die Jugend nicht mehr das ist, was sie einmal war.

In allen westlichen Ländern verlängert sich die Lebensdauer. Wer heute geboren wird, muss sich als Frau auf rund 80 Lebensjahre, als Mann auf rund 75 einrichten. Hierdurch kommt es nicht nur zu bisher unbekannten Lebensphasen am Ende der Lebensspanne, zu Seniorenphasen und Hochaltersphasen, sondern auch zu einer neuen Unterteilung der gesamten Lebensspanne. Sie gliedert sich in immer mehr Segmente, die jeweils ihre eigene Dynamik haben. Die Lebensphase Jugend hat hieran einen entscheidenden Anteil.

Die „Jugend“ ist kulturhistorisch eigentlich um 1900 entstanden, zuerst in den bürgerlichen Schichten, dann aber wurde sie durch die Pflichtschulzeit immer stärker abgesichert. Seitdem hat sie sich kräftig ausgedehnt, teilweise auf Kosten der Dauer der Kindheit und des Erwachsenseins. Die Jugend hat heute eine Schlüsselstellung im gesamten Lebenslauf gewonnen. Dieser hatte um 1900 eine sehr einfache Struktur und bestand nur aus den Phasen Kindheitsalter und Erwachsenenalter – die Lebensdauer lag bei etwa 55 Jahren. Seit 1950 war die Ausdifferenzierung der Jugendzeit nicht mehr zu übersehen. Als Übergang von der abhängigen, voll auf die Eltern konzentrierten Kindheit in die unabhängige, durch Berufstätigkeit und Heirat gekennzeichnete Erwachsenenrolle wurde „Jugend“ immer bedeutsamer.

Was häufig übersehen wird: Aus biologischen Gründen verkürzt sich gleichzeitig die Kindheit, denn die Pubertät verlagert sich im Lebenslauf immer weiter nach vorn. Sie liegt heute bei jungen Frauen bei elfeinhalb Jahren, bei Männern bei zwölfeinhalb. Dadurch beginnt das Jugendalter so früh wie noch nie in der menschlichen Lebensgeschichte. Und es findet kaum noch ein Ende: Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Situation in fast allen westlichen Ländern verschiebt sich der Übergang in die Berufstätigkeit immer weiter. Die traditionelle Vorstellung von Jugend als Übergang wird damit brüchig. Viele junge Leute gehen erst mit 27 oder 31 in den Beruf. Sind sie bis dahin Jugendliche? Viele erhalten keinen Ausbildungs- und keinen Arbeitsplatz. Bleiben sie damit auch mit 33 Jahren noch Mitglied der Altersgruppe Jugendliche?

Noch eine kulturelle Bewegung führt zu dieser Irritation traditioneller Lebensmuster. Nicht nur der Übergang in den Beruf gilt in unserem Kulturkreis als Ende der Übergangsphase Jugend, sondern auch der Eintritt in eine eigene Familie, also die Heirat und die Zeugung von Kindern. Auch dieses Datum, dieser biografische Meilenstein, wird heute entweder sehr spät oder gar nicht mehr passiert. In der letzten Shell-Jugendstudie gaben nur noch 40 Prozent der Jugendlichen an, dass sie eines Tages heiraten möchten. Nur etwa ebenso viele werden unter den heute gegebenen Umständen anschließend eigene Kinder haben. Verlassen diese Menschen damit die Lebensphase Jugend überhaupt nicht mehr?

Es sind also biologische, demografische, kulturelle und wirtschaftliche Faktoren, die den ganzen Lebenslauf durcheinander rütteln. Die noch vor zwei Generationen geltende Faustregel, nach einer 13- bis 14-jährigen Lebensphase Kindheit folge eine zehnjährige Übergangsphase Jugend, dann ein langes Erwachsenenalter und schließlich ein geruhsames Pensionsalter, gilt heute nicht mehr.

Bisher diskutieren wir das Problem in Deutschland überwiegend als eine der Herausforderungen für die sozialen Sicherungssysteme. Hier steckt aber auch eine Herausforderung für die biografische Gestaltung des ganzen Lebenslaufs. Denn mit der Vielfalt von Lebensabschnitten schwinden auch die symbolischen Regeln und die sozialen Rituale, die einem Menschen anzeigen, wo er sich auf der Wegstrecke vom Jungen zum Alten gerade befindet. Unklarheiten und Unsicherheiten nehmen zu, Zeremonien und gesellschaftliche Bräuche verlieren ihre Aussagekraft.

An die Stelle der traditionellen Rituale, die den Übergang von der Kindheit zur Jugend und zum Erwachsensein markieren, treten neue, meist informelle. So hat der Erwerb des Führerscheins heute für die meisten Jugendlichen eine größere Bedeutung, jedenfalls in der persönlichen Wahrnehmung, als der Schulabschluss. Der Führerschein ist der Freibrief für Autonomie, ausgedrückt in der räumlichen Mobilität und der Freiheit, sich selbst zu bestimmen. Davor liegt im Lebenslauf der erste Besuch einer Diskothek, die erste nächtliche Party mit dem Initiationsritus, Alkohol und andere Drogen zu konsumieren. Überhaupt ist der Konsum von legalen und illegalen Drogen zu einer Ersatzhandlung für fehlende Rituale geworden. Kein Wunder, dass die erste Zigarette, demonstrativ in der Öffentlichkeit geraucht, eine größere Bedeutung für die Selbstbestimmung der Position im Lebenslauf erringen kann als die familiäre Konfirmationsfeier.

Der neue Lebensrhythmus ermöglicht also ein hohes Maß von individueller Definition. Die Gestaltung des Lebenskonzeptes und eines eigenen Lebensstils ist heute schon für Kinder und Jugendliche möglich. Aber Voraussetzung dafür ist eine hohe persönliche Kompetenz, das eigene Leben zu gestalten. Im Grunde wird schon an das Grundschulkind und an den Jugendlichen die Anforderung gestellt, eine inhaltliche Sinngebung für die erreichte Lebensphase vorzunehmen. Die traditionellen Festlegungen in unserer Gesellschaft durch Herkunft, Religion, Geschlecht und Stadt/Land spielen da keine große Rolle mehr.

In der Jugendphase spiegeln sich diese gesellschaftlichen Entwicklungen wie in einem Brennglas. Sie dauert heute im Durchschnitt 15 Jahre, von etwa zwölf bis 27. Sie ist alles andere als eine Übergangsphase; sie ist heute ein Lebensabschnitt mit eigener Dynamik und mit riesigem biografischen Stellenwert im lang gewordenen Lebenslauf. Typisch ist: Einerseits haben Jugendliche heute ebenso wie früher noch keine vollen gesellschaftlichen Bürgerrechte und Bürgerpflichten, weil sie sich im Erziehungsprozess der Familie und in der Ausbildung befinden. Zugleich werden sie von den Älteren als unreif und unmündig empfunden.

Ihre starke Hinwendung zu Freizeit- und Konsumaktivitäten, ihr Drogenkonsum und ihr Herumhängen werden als Verfall von Arbeitstugenden wahrgenommen. Ihr geringes Engagement im politischen und sozialen Bereich gilt bei vielen Erwachsenen als Abwendung von der Gesellschaft. Dabei wird aber übersehen, wie die tatsächliche Ausgangslage der Lebenssituation Jugend ist, wie zerklüftet und unstrukturiert dieser Lebensabschnitt daherkommt. Die Suche nach Orientierung und Sinngebung ist in der Jugend so charakteristisch wie in keinem anderen biografischen Abschnitt davor und danach. Jugendliche setzen sich in kritischer und selbstkritischer Reflexion mit den gesellschaftlichen Deutungsangeboten und den Handlungsanforderungen auseinander. Sie müssen aber einen eigenen Weg finden, der ihre persönlichen Neigungen berücksichtigt.

Viele soziale Meilensteine und Rituale werden ihnen dafür heute nicht mehr angeboten, jedenfalls nicht solche, die für sie eine direkte Bedeutung haben. Deshalb ein Plädoyer: Jugendlichen sollte eine viel größere Möglichkeit der Gestaltung ihres eigenen Lebensabschnittes und auch ihrer Übergangsrituale gegeben werden. Sie sollten aber auch viel stärker als heute in die Pflicht genommen werden. Die Lebensphase Jugend ist keine spielerische Übergangsphase mehr zur verantwortlichen Erwachsenenphase. Sie ist ein ernsthafter und selbstständiger Lebensabschnitt, der neu definiert werden will.

KURZE KINDHEIT

Die Pubertät verlagert sich im Lebenslauf immer weiter nach vorn; bei Mädchen beginnt sie mit elfeinhalb, bei Jungen mit zwölfeinhalb.

EWIGE JUGEND

Die Jugendzeit hat sich auf Kosten der Kindheit und des Erwachsenseins ausgedehnt. Wer spät oder gar nicht in den Beruf geht, nicht heiratet und keine Kinder hat, verlässt seine Jugend womöglich nie.

ERWACHSEN WERDEN

Trotz allem gilt laut Hurrelmann: Mit 27 beginnt das Erwachsenenalter. Doch wie wird dieser Übergang vorbereitet? Die Jugendlichen suchen nach Orientierung; sie sollten mehr Verantwortung bekommen.

LANGES ALTER

Um 1900 lebte man 55 Jahre, bald sind es, für Frauen, 80 Jahre. Die Lebensspanne des modernen Menschen gliedert sich in immer mehr Segmente.

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