Gesundheit : Für Windkraft-Anlagen werden die Stellplätze rar Die Wahl des richtigen Standorts entscheidet mit über Akzeptanz

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Von Gideon Heimann

Windkraftanlagen brauchen Gegenwind, sonst drehen sich die Rotoren nicht. Aber so viel Gegenwind, wie jetzt aus Teilen der Bevölkerung gegen sie anstürmt, bedroht womöglich den weiteren Ausbau dieser Technik. Selbst einige ihrer generellen Befürworter räumen inzwischen schon ein, dass diese Anlagen offenbar doch allzu sorglos in die Landschaft gestellt worden sind.

Die Wissenschafts-Pressekonferenz hatte jüngst mit Peter Ahmels, dem Präsidenten des Bundesverbands für Windenergie, und Marcus Bollmann vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland die Befürworter an einen Tisch mit dem Rechtsanwalt Thomas Mock geholt. Mock vertritt Bürger vor Gericht, die sich gegen den Aufbau einer Anlage in ihrer Umgebung wehren. Matthias Freude, Leiter des Landesumweltamtes Brandenburg, nimmt die mittlere Position ein: Windkraft ja, aber nur dort, wo sie weder Mensch noch Natur stört oder gar gefährdet.

Dabei ist Brandenburg mit dem Ausbau dieser regenerativen Energie recht weit: Die tausendste Anlage werde demnächst fertig gestellt, so um die 8,6 Prozent des Stromverbrauchs im Lande decke das schon, hieß es. Aber auch hier werden die Stellplätze rar, denn die Behörden suchen die Aufstellorte sehr genau aus. Etwa 1,3 Prozent der Landesfläche sei für Windenergie überhaupt geeignet, sagt Freude. Und dieses Kontingent werde in etwa zwei Jahren erschöpft sein.

Nein, er wolle andere Umweltbelange nicht gegen die Windkraft ausspielen, aber alles gehöre an seinen eigenen Platz. Naturschutzgebiete werden ausgespart, ebenso Gegenden, in denen die Flugrouten von Zugvögeln oder stark genutzte Brutreviere liegen. „Wer schon einmal einen erschlagenen Milan gesehen hat, weiß, warum er die Anlagen dort nicht akzeptiert.“

Brandenburg hat wohl auch gleich besser aufgepasst, wenn es um die Belange der Anwohner geht: Vorgeschrieben ist ein Kilometer Mindestabstand zu Wohnbebauung. Das sehen andere Bundesländer nicht so streng - und dort formiert sich denn auch der Ärger der Nachbarn stärker. Thomas Mock hat jetzt zwei Prozesse gewonnen, Fälle, in denen zwischen dem geplanten Aufstellort und einem Wohnhaus noch nicht einmal 300 Meter Abstand vorgesehen waren.

Zum Nachbarstreit kommt es vor allem wegen des „Disco-Effekts“. Denn wenn die Sonne schräg steht, zerhacken die Rotorflügel das einfallende Licht. Und wegen stärkerer Geräusche dürfen einige Anlagen nachts nicht laufen. Mehr als 45 Dezibel braucht ein Anwohner nicht zu akzeptieren.

Deutschland habe in der EU ohnehin die schwächsten Windverhältnisse, insofern bezweifelt Mock generell die Wirtschaftlichkeit dieser Technik. Er sieht die Zukunft der Windkraft allenfalls noch auf hoher See.

Auch Marcus Bollmann muss einräumen, dass die zu geringen Abstände Probleme schaffen. Aber Anwohner von Kraftwerken würden schließlich auch belästigt, und der Flächenverbrauch des Braunkohleabbaus sei im Vergleich zur Windenergie geradezu horrend. Ihm geht es um eine dezentrale, nachhaltige Stromversorgung. Und da gehören die Windgeneratoren ebenso dazu wie später wohl auch die Heizkraftanlagen auf Basis von Brennstoffzellen. Forscher erwarten von dieser Technik, dass sie später zu „virtuellen Kraftwerken“ zusammengeschaltet werden können, um Großanlagen zu ersetzen.

Peter Ahmels vom Bundesverband für Windenergie sieht nicht nur die Vorteile durch die CO2-freie Stromproduktion, sondern auch die Wirkung auf den Arbeitsmarkt: Rund 35 000 Beschäftigte werkeln inzwischen an den Windgeneratoren, bis 2010 sollen es 20 000 mehr werden.

Für Mock jedoch sind auch das keine Argumente. Etwa die Hälfte aller in Deutschland errichteten Anlagen seien von ausländischen Herstellern produziert worden, moniert er. Und über die garantierte Einspeisevergütung von 9,1 Cent pro Kilowattstunde werde eine Branche subventioniert, die sich allein nie behaupten könnte.

Die Diskussion bleibt stürmisch, aber vielleicht beflügelt das die Techniker, die an noch effektiveren Anlagen arbeiten. Die Windenergie hat in den vergangenen Jahren immerhin so viel Auftrieb bekommen, dass sie sich zur zweitstärksten Kraft der „Erneuerbaren“ entwickeln konnte – gleich nach der schon reichlich ausgeschöpften Wasserkraft.

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