Gesundheit : Fundort Bilzingsleben: Fünf Tonnen Menschheitsgeschichte - Die Spuren der ersten Hominiden

Rudolf Grimm

Vor 400 000 Jahren hatte am Ufer eines kleinen Sees im Herzen des heutigen Deutschlands eine Gruppe von Urmenschen einen Lagerplatz. Die savannenartige Landschaft war von vielen Tieren bevölkert, darunter auch Nashörner und Elefanten. An Jagdbeute fehlte es den Menschen nicht, zwischen Frühling und Herbst auch nicht an pflanzlicher Nahrung.

Über das Leben von Urmenschen wird nirgends besser informiert als durch diejenigen, die hier lagerten - am Nordrand des Thüringer Beckens beim heutigen Bilzingsleben. Seit 1970 ist an dieser Stelle eine einzigartige Fülle von Zeugnissen verschiedenster Art aus jener fernen Zeit ausgegraben worden - insgesamt etwa 250 000 Stücke, wie der Leiter dieser Forschungen, Professor Dietrich Mania (Friedrich-Schiller-Universität Jena), im Gespräch mit dpa sagte.

Ein aufregender Unterkiefer

Besonderes Aufsehen erregte kürzlich der Fund eines 370 000 Jahre alten menschlichen Unterkiefers. Er ist nach dem von Mauer bei Heidelberg aus dem Jahr 1907 der zweite derartig bedeutsame Rest eines Homo erectus - Vorfahre des modernen Menschen - in Deutschland und der sechste in Europa. Der größte Teil des mehr als fünf Tonnen wiegenden gesamten Fundmaterials sind Tier- und Pflanzenreste. Es sind aber auch mehr als 10 000 aus Stein gefertigte Werkzeuge zu Tage gekommen.

Das Besondere dieser Forschungsstätte ist, dass natürliche Vorgänge die Verwitterung und Abtragung von Objekten verhindert haben. Der Lagerplatz auf einer Lössterrasse am See wurde nämlich offenbar schnell überflutet und dann mit seinen frischen Spuren menschlichen Lebens in Seekalk eingebettet. So ist denn diese Stelle mitten in Deutschland und Europa von einzigartigem wissenschaftlichen Wert. Sie informierte umfassend über die damaligen Menschen, sowohl über ihre Fähigkeiten als auch über ihre kulturelle, soziale und ökonomische Lebensweise, ferner über den lokalen Lebensraum. An anderen Plätzen ist jeweils nur ein Teil davon gegeben.

Bislang sind etwa 1500 Quadratmeter freigelegt. Das ist etwa ein Drittel der gesamten Fläche. Professor Mania rechnet mit weiteren zehn Jahren wissenschaftlichen Gewinn bringenden Forschungen am Ort. Die im Juli beginnenden diesjährigen Arbeiten werden vor allem einem mit Travertinplatten und anderem Material gepflasterten Platz gelten, der bei früheren Grabungen überraschenderweise entdeckt wurde. Alles deutet auf einen Gebrauch im Sinne besonderer kultureller Aktivitäten hin.

Die wichtigste bisher gewonnene Erkenntnis ist, dass sich hier Jäger und Sammler mit weit größeren geistigen Fähigkeiten aufgehalten haben, als sie dem Homo erectus zugeschrieben werden. Das zeigen die Spuren verschiedener Werkstätten für Knochen-, Holz- und Steinbearbeitung. Geräte sind zu Tage gekommen, bei deren Herstellung Absichten und geplante Handlungen mit fest umrissenen Vorstellungen maßgeblichen waren. Mania schließt aus einigen Funden, wie etwa Tierknochen mit eingeritzten Strichfolgen und Mustern, sogar auf eine Fähigkeit zum abstrakten Denken, wie sie meist erst vom Homo sapiens angenommen wird. Möglicherweise sollten sie Gedanken und Vorstellungen in optisch wirksamer Form festhalten.

Fundstelle touristisch vermarktbar

Wegen der umfangreichen Fundbestände hat die Universität Jena angeregt, an der Grabungsstätte ein Museum einzurichten. Mania verwies auf die Aragohöhle in den französischen Pyrenäen, wo ähnlich alte menschliche Überreste gefunden wurden und inzwischen ein mit einem Kongresszentrum verbundenes Museum eingerichtet wurde. Ähnliche Einrichtungen gibt es auch in Vertesszölös bei Budapest, in Iserna la Pineta südlich Roms oder in Zhoukoudian bei Peking, wo überall wichtige Funde zu dem vor 1,5 bis zwei Millionen Jahren erstmals in Afrika aufgetauchten und dann über den Vorderen Orient nach Asien und Europa gelangten Homo erectus gemacht worden sind. Eine entsprechende Ausstattung Bilzingslebens wäre für die wissenschaftliche Welt von Bedeutung, ganz abgesehen vom touristischen Aspekt für diesen eher abgelegenen Teil Mitteldeutschlands.

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