Gesundheit : Ga-ga! Ba-ba-ba!

Das Hirn besteht aus zwei Hälften, die nicht ganz gleich sind – das steht schon Säuglingen ins Gesicht geschrieben

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Von Bas Kast

Forschung kann ga-ga sein: Ga-ga-ga-ga! Ba-ba-ba! Örö-rörö! So hat es Laura Petitto gern. So klingt für sie Hirnforschung vom Feinsten. Die Psychologin vom Dartmouth College im US-Bundesstaat New Hampshire interessiert sich nämlich für nichts so sehr, wie für die ersten Sprachversuche von Säuglingen.

Doch wo unsereins nur noch in ein schwärmerisches „süüüß“ verfällt, da stockt die Forscherin schon: Ist das kryptische Gestammel, ba-ba-ba, örö-rörö – ist das überhaupt ein erster Sprachversuch? Könnte es nicht auch sein, dass das Ganze nicht mehr als ein bloßes Training der Mundmuskulatur ist?

„Es gibt eine Gruppe von Leuten, die seit Jahrzehnten behauptet, das Baby-Brabbeln habe mit dem Anfang der Sprache absolut nichts zu tun“, sagt Petitto. „In ihren Augen ist das schlicht der Versuch des Hirns, mehr und mehr Kontrolle über den Mund und die Zunge und die Lippen zu bekommen.“ Andere Wissenschaftler dagegen sind überzeugt: Das Gebrabbel markiert den Beginn unserer Sprachentwicklung.

Das rechte Lächeln

Um das Rätsel zu lüften, rekrutierten Petitto und die Studentin Siobhan Holowka von der McGill Universität im kanadischen Montreal zehn Babys im Alter zwischen fünf und zwölf Monaten. Die eine Hälfte der Babys hatte Englisch, die andere Französisch sprechende Eltern.

Der Versuchsaufbau war einfach: Die Forscherinnen filmten die Gesichter der Säuglinge mit einer Videokamera – beim Brabbeln, beim „Nichtbrabbeln“ (für die Wissenschaftlerinnen Geräusche wie „aaaah“) und beim Lächeln.

Anschließend zeigten sie den Film in Form von Bilderfolgen zwei Laien, die von Sinn und Zweck der Untersuchung keine Ahnung hatten. Die Laien sollten unabhängig voneinander die Gesichter der Babys beurteilen. Die Ergebnisse der Studie sind im Fachblatt „Science“ veröffentlicht.

Es zeigte sich, dass ein Baby beim Brabbeln die rechte Mundseite ein bisschen weiter öffnet als die linke. „Wenn Babys brabbeln, dann brabbeln sie mit der rechten Seite des Mundes“, sagt Petitto. Genau das Umgekehrte geschah beim Lächeln: Da öffneten die Babys die linke Mundhälfte etwas mehr als die rechte.

Beim sprachlosen „aaaaaah“ schließlich konnten die Gutachter keinen Unterschied zwischen links und rechts feststellen – in diesem Fall öffnete sich der Mund der Säuglinge auf beiden Seiten in gleichem Maße. Die drei Befunde zeigten sich bei allen Babys, egal, ob sie von Englisch oder Französisch sprechenden Eltern erzogen wurden.

Brabbeln mit rechts, Lächeln mit links – was soll das?

Was uns kurios vorkommt, ist für Hirnforscher ein gefundenes Fressen. Denn Links- Rechts-Unterschiede sind meist auf eines ihrer theoretischen Lieblingskinder zurückzuführen: die Asymmetrie der beiden Hirnhälften.

Das Hirn besteht – einer Riesenwalnuss ähnlich – aus zwei Hälften, einer linken und einer rechten. Diese beiden Hemisphären machen nicht genau das Gleiche, sie haben sich auf unterschiedliche Aufgaben konzentriert. Sprache ist eine Spezialität der linken Hemisphäre, während die rechte Experte im Erkennen von Gesichtern ist.

Das Hirn steuert auch unsere Muskeln. Deshalb führt ein Schlaganfall im Hirn oft zu Lähmungen. Auch hier teilen sich die beiden Hemisphären die Aufgabe: Die linke steuert den rechten Teil des Körpers, die rechte kontrolliert die linke Körperhälfte. So kann ein Schlaganfall in der linken Hirnhälfte zu einer Lähmung des rechten Arms, Beins – oder der rechten Gesichtshälfte führen.

Auch wenn wir sprechen, brabbeln oder lächeln kommen die Kommandos für die Muskelsteuerung aus unserem Kopf. Der Links- Rechts-Unterschied, der den Babys ins Gesicht geschrieben steht, kann so Aufschluss über die Arbeitsteilung der Hirnhälften geben: „Die Entdeckung demonstriert erstmals, dass das Brabbeln der Babys auf eine Spezialisierung der linken Hirnhälfte zurückgeht“, sagt Petitto. Da die Sprache auch bei Erwachsenen links lokalisiert ist, liegt der Verdacht nahe, dass das Brabbeln tatsächlich eine erste Sprachübung der linken Hirnhälfte darstellt.

Umgekehrt lächeln Babys eher mit ihrer linken Mundhälfte. Das heißt: Die rechte Hirnhälfte spezialisiert sich schon im Baby- Alter darauf, Emotionen auszudrücken. Weil sie die linke Körperhälfte kontrolliert, öffnet sich die linke Mundhälfte beim Lächeln mehr – worauf sich unsere Hirnhälften spezialisieren, lässt sich also an unseren Lippen ablesen!

Wenn aber die rechte Hirnhälfte die linke Körperhälfte kontrolliert, wie ist es dann möglich, dass auch die rechte Mundhälfte mitlächelt? Warum dämmert sie beim Lächeln nicht wie gelähmt vor sich hin?

Der Grund liegt darin, dass die beiden Hemisphären im Kopf zwar getrennte Funktionen übernehmen. Aber über eine Verbindungsstruktur können sie diese Informationen zum Teil miteinander austauschen. Die Struktur, die die beiden Hirnhälften miteinander verknüpft, heißt „Corpus callosum“ oder Balken, und besteht aus über 200 Millionen Nervenfasern.

Das ist zwar eine Menge, doch gemessen am ganzen Gehirn, das aus 100 Milliarden Nervenzellen besteht, reicht der Balken nicht, um alle Informationen auszutauschen. Und so bleibt ein Unterschied. Wie bei unserer Händigkeit: Weil die Sprache bei den meisten von uns im linken Hirn liegt, schreiben wir am liebsten mit der rechten Hand – auch wenn wir im Notfall ein bisschen mit links schreiben können.

Sprache-Intuition, Ratio-Emotionen, Yin- Yang – so hat man den Unterschied zwischen linkem Hirn und rechtem Hirn oft auf eine Formel gebracht. Auch die neue „Science“-Studie scheint ja genau das nahe zu legen. Und doch ist diese Formel falsch. So hat sich inzwischen herausgestellt, dass auch die rechte Hirnhälfte etwas Sprache verstehen kann. Umgekehrt ist die linke Hirnhälfte nicht gefühllos, im Gegenteil.

Mit links zum Glück

Wie es scheint, ist die rechte Hirnhälfte ein ausgesprochener Pessimist. Patienten mit einem Schlaganfall in der linken Hirnhälfte zum Beispiel verfallen – nun auf die Stimmungslage ihrer rechten Hirnhälfte angewiesen – nicht selten in tiefe Depressionen. Bei Patienten mit einem Schlaganfall in der rechten Hirnhälfte zeigt sich eher das Umgekehrte: Häufig legen sie eine heitere, ja manchmal sogar leicht euphorische Stimmung an den Tag. Hören wir ein Musikstück, das uns gefällt, schlägt die linke Hirnhälfte aus. Mögen wir die Komposition oder den neuen Hit von Madonna nicht, erregt sich vor allem die rechte Hemisphäre. Emotionen sind also nicht das Exklusivprivileg der rechten Hirnhälfte. Es ist vielmehr so, dass die linke Hirnhälfte für gute Gefühle sorgt, während die rechte Spezialist für schlechte Stimmung ist.

Auch diese Arbeitsteilung scheint schon früh ihren Anfang zu nehmen. Versuche mit Säuglingen haben gezeigt, dass besonders die rechte Hirnhälfte reagiert, wenn man den Babys etwas Saures, beispielsweise Zitronensaft, in den Mund einflößt. Bei süßen Getränken dagegen springt vor allem die linke Hirnhälfte an. Wer hätte das gedacht: links zum Glück, rechts nur Trübsal! Leider haben wir in diesem Fall nicht die Wahl.

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