Gesundheit : Gabriele Behler formuliert die Inhalte sozialdemokratischer Bildungspolitik neu

Uwe Schlicht

Gibt es eigentlich noch eine sozialdemokratische Bildungspolitik? Oder gibt es nur noch eine gute oder schlechte Schulpolitik? Diese Frage stellt sich, wenn man die Vorstellungen der sozialdemokratischen Vordenkerin Gabriele Behler hört, die im größten deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen für die Schul- und Wissenschaftspolitik zuständig ist. Auf dem Potsdamer Kongress der Gesellschaft für Chancengleichheit, der am Wochenende zu Ende ging, bekannte sich Gabriele Behler zwar zu den traditionellen sozialdemokratischen Zielen der sozialen Gerechtigkeit und Chancengleichheit, aber sie forderte deren zeitgemäße Interpretation.

Im Rausch der Erfolge der Bildungsexpansion sind gerade Linke dem Irrglauben verfallen, durch zentrale Planung könne die gesamte Gesellschaft gesteuert werden. Die Ministerin machte deutlich, dass sie von einer "solch flächendeckenden Beglückungsphilosophie" nichts hält. Auf der anderen Seite möchte sie nicht in das typische deutsche Lamento verfallen, trotz unbestreitbarer Erfolge in der Bildungsexpansion eher die Misserfolge herauszustellen. Schließlich gibt es gegenüber der früher schmalen Eliteausbildung für nur fünf Prozent eines Jahrgangs an den Gymnasien und Universitäten heute 30 Prozent eines Jahrgangs an den Hochschulen und bis zu 40 Prozent an den Gymnasien.

Vor einem eher linken Publikum warf die Ministerin einige wesentliche Fragen auf, die im Kern um die Begriffe Leistung und Förderung kreisen. Trotz aller Erfolge in der Bildungsexpansion seit den 60er Jahren hätten "viele gut gemeinte Rezepte versagt". Die kompensatorische Erziehung habe nicht zu einem Abbau sozialer Ungerechtigkeit beigetragen. Erst wenn alle Beteiligten durch eine neue Schulforschung Genaueres wissen, könnten Ziele wie soziale Gerechtigkeit und mehr Chancengleichheit erfolgreicher verfolgt werden.

Radikal war die Absage der SPD-Politikerin an das in den Gewerkschaften der Lehrer verbreitete Denken, vor jeder Neuerung, vor jeder zusätzlichen Anstrengung mehr Geld und mehr Stellen zu fordern. Den Ruf nach zusätzlichen Lehrern, ob 10 000 oder 20 000, tat sie als beliebig ab. Gabriele Behler geht es vielmehr darum, mit Hilfe genauer Aufklärung der offenen Fragen über die Schulwirklichkeit und über die richtige Förderung unterschiedlicher Begabungen ganz andere Ansätze in der Pädagogik zu finden. Dazu nutzt sie die Debatte über die international vergleichende TIMS-Studie.

Das Ergebnis, dass deutsche Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften nur durchschnittlichen Leistungen erbringen, führte in vielen Bundesländern zu einer Erkenntnis: Trotz jahrzehntelanger Forschung ist viel zu wenig über die Schule bekannt - nämlich über die entscheidende Frage: Was lernen unsere Kinder und Jugendlichen wirklich? Die jetzt anlaufenden weiteren Tests in der Sprach- und Lesefähigkeit in Deutsch und einer Fremdsprache mögen zwar bei vielen Lehrern unbeliebt sein, sind aber für Gabriele Behler unentbehrlich.

Allen Lehrern, die vor Leistungsanforderungen an die Schüler aus besonders gefährdeten Milieus zurückscheuen, hielt Gabriele Behler den Satz entgegen: "Ein schulisches Laisser-faire ist für Kinder aus bildungsfernen Schichten tödlich. Auch diese Schüler müssen durch Leistung gefordert werden." Den Kindern sei in dem hochselektiven deutschen Schulwesen bereits an der Grundschule mehr Basiswissen zu vermitteln: Die gute Beherrschung der Kulturtechniken Lesen, Rechnen und Rechtschreibung müsse bereits in den dritten Klassen durch Leistungskontrollen festgestellt werden, sonst könne nicht mehr rechtzeitig vor dem Abschluss der Grundschule korrigierend eingegriffen werden, fordert die Ministerin. Bereits an den Grundschulen will sie dafür Sorge tragen, dass Kinder aus bildungsfernen deutschen Familien und aus Migrantengruppen eine Betreuung über mehr als fünf Stunden am Tag erhalten, damit Defizite in der Schule ausgeglichen werden können. Von Eltern aus bildungsfernen Schichten, die zu Hause keine Bücher besitzen, sei ein solcher Ausgleich nicht zu erwarten.

Die gelernte einstige Schulleiterin und heutige Minsterin machte deutlich, dass sie noch eine großen Wissensbedarf hat. Wenn sich in den USA herausgestellt hat, wie viel jüngere Schüler durch die Hilfe älterer Schüler lernen können, dann müsse man prüfen, ob solche Erfahrungen auch auf Deutschland und damit in ein ganz anderes Milieu übertragen werden können.

Von der Forschung erwartet Gabriele Behler Antworten auf die Frage, welcher Unterricht den wirklich benachteiligten Kindern helfen kann und wo das Geheimnis des Erfolgs jener Kinder liegt, die trotz ihrer Herkunft aus benachteiligten Familien gute Abschlüsse erreichen. Ein anderes Problem: Warum führen die verschiedenen Integrationsbemühungen von Ausländerkindern nicht zu deutlich besseren Ergebnissen? Diese Fragen bedürften deswegen dringend der Aufklärung, weil Politiker, Lehrer und Eltern über das, was in Schule und Gesellschaft passiert, viele Meinungen und Vorurteile besäßen, aber wenig exaktes Wissen.

Entscheidendes Gewicht legt die Ministerin auf den Zugang aller Kinder zum Computer als Bildungsinstrument. Weil viele Familien sich einen Rechner mit Internetanschluss nicht leisten können, dürften die Computer in den Schulen nicht in verschlossenen Räumen aufgestellt werden, zu denen nur besonders vertrauenswürdige Schüler Zugang hätten, sondern die Arbeit mit dem Computer müsse in jeder Klasse schon in der Grundschule beginnen. Die Minsterin machte deulich: "Ohne die Hilfe der Wirtschaft wird sich ein solch umfangreiches Ausstattungsprogramm nicht umsetzen lassen."

Natürlich gibt es einige Felder, die ein sofortiges Eingreifen der Politik auch ohne genaue Forschung geradezu herausfordern. Gabriele Behler nannte ein Beispiel: In Bonn, das von Beamtenfamilien und dem Bildungsbürgertum geprägt ist, erreichten 52 Prozent eines Jahrganges das Abitur. In dem vom Arbeitermilieu geprägten Ruhrpottzentrum Duisburg nur 26 Prozent. Da setzt die Minsterin Prioritäten und stattet eine solche Stadt mit einer größeren Dichte an Lehrern aus, die aus anderen Regionen abgezogen werden. Das wiederum ist unverkennbar sozialdemokratisch.

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