Gesundheit : Gabriels Kampf um die Schulen

Klaus Wallbaum

Lasst viele Blumen blühen - dieses Motto passte auch auf die regen Schulreformdebatten der 70er Jahre. So manches Modell hat sie hervorgebracht, über das noch heute mit Herzblut gestritten wird. Dazu gehört Niedersachsens Orientierungsstufe, in der die Fünft- und Sechstklässler für ihre weitere Schullaufbahn eingestuft werden. Diese Schulstufe will Niedersachsens Minister Sigmar Gabriel (SPD) jetzt ersatzlos abschaffen.

Doch die Anhänger der mittlerweile 30 Jahre alten Orientierungsstufe melden sich lautstark zu Wort - zum Ärger Gabriels auch in der SPD. Auch viele Eltern äußern sich zufrieden über diese Schulform. So gerät Niedersachsen in den Strudel einer heftigen bildungspolitischen Debatte, angefacht noch durch den Streit über die schlechten Ergebnisse deutscher Schüler bei der neuen Pisa-Studie. Diese hat nämlich ergeben, dass die Länder, die die Schüler möglichst lange gemeinsam unterrichten, deutlich besser abschneiden.

Das niedersächsische Bildungssystem hat bislang drei Altersstufen. Von der ersten bis vierten Klasse besuchen alle Kinder die Grundschule. Die Orientierungsstufe schließt sich an - meist als eigenständige Schule mit eigenem Personal und eigenem Direktorium. Nach zwei Jahren müssen die Schüler wieder auf eine andere Schule wechseln - zum Gymnasium, zur Real- oder Hauptschule. In kurzer Zeit müssen die Schüler mindestens dreimal den Klassenverband, die Lehrer und das Schulgebäude wechseln. Die ständige Umorientierung überfordert viele Schüler, führen die Kritiker an. Für schwache Schüler herrsche extremer Leistungsdruck, weil in A- und B- Kurse eingeteilt wird, stärkere dagegen würden häufig unterfordert.

Die Grünen wollen alternativ die Grundschulzeit auf sechs Jahre verlängern und so den Übergang auf die weiterführenden Schulen ebnen. Die CDU will den Übergang nach der vierten Klasse. Die SPD lehnt eine "zu frühe Selektion" strikt ab. Gabriel schlägt nun vor, zwar nach der vierjährigen Grundschule die Entscheidung über Gymnasium, Real- oder Hauptschule zu fällen, den Schülern dann aber in der fünften und sechsten Klasse einen raschen Wechsel zu einer anderen Schulform zu ermöglichen, wenn sie den Anforderungen eines Gymnasiums nicht gewachsen sind oder sich an der Hauptschule unterfordert fühlen. Dafür sollen an allen weiterführenden Schulen so genannte "Förderstufen" eingerichtet werden.

Der ganze SPD-interne Streit dreht sich nun darum, ob die Förderstufen selbstständig arbeiten sollen, also den alten Orientierungsstufen gleichen, oder ob sie in die weiterführenden Schulen eingegliedert werden. Die Entscheidung soll auf einem SPD-Landesparteitag Anfang März fallen. Eines jedenfalls scheint klar: Gabriels anfängliche Hoffnung, er könne frühzeitig einen Kompromiss mit der CDU erreichen und so die eigenen Parteifreunde disziplinieren, ist zerstoben.

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