Gesundheit : Gananath Obeyesekere über Kannibalismus als Fiktion

Philipp Lichterbeck

Nachdem James Cook am Morgen des 14. Februar 1779 am Strand der Insel Hawaii in einem Handgemenge von Eingeborenen erstochen worden war, herrschte große Ratlosigkeit an Bord der Schiffe Discovery und Resolution. Insbesondere war die Trauer darüber groß, dass man den Leichnam des Kapitäns nicht hatte bestatten können. Da näherte sich von der Insel ein Kanu mit mehreren Hawaiianern, die den Engländern ein Bündel überbrachten. Darin befanden sich etwa zwei Kilogramm Fleisch und Knochen des Weltumseglers. Entsetzt fragten die Engländer nach dem Rest von Cook. Die Priester antworteten, sie hätten den Kapitän an die Häuptlinge verteilt. "Habt ihr ihn gegessen", wollten die Engländer wissen. "Nein, ist das denn bei euch so üblich?", lautete die Gegenfrage der Hawaiianer.

Ein "dialogisches Missverständnis" nennt der aus Sri Lanka stammende Anthropologe Gananath Obeyesekere die Szene: Die Europäer versuchten den Eingeborenen Kannibalismus nachzuweisen, worauf diese die Europäer für Kannibalen hielten. Die "Netzwerke der Modernen", die im Haus der Kulturen der Welt stattfinden, wollen das klassische Verständnis der Moderne als ausschließlich europäische Angelegenheit hinterfragen. Die Kategorisierung anderer Kulturen als traditionell und damit vormodern soll ersetzt werden durch ein Bild, das sich nicht aus fixen Vorurteilen und Fiktionen speist. Zum Tag der Deutschen Einheit hatte man deshalb den in Princeton lehrenden Kannibalismus-Experten Obeyesekere eingeladen. Der Inder gehört zu der Riege von Counter-Historikern, die die Revision der euro-zentristischen Geschichtsschreibung insbesondere Polynesiens betreiben. Anhand des Disputs, den Obeyesekere mit seinem US-Amerikanischen Kollegen Marshall Sahlins über die Deutung von Cooks Tod unterhält, lässt sich die Brisanz seiner Arbeit ablesen. Sahlins hatte in "Der Tod des Kapitän Cook" dargelegt, dass die Hawaiianer ihn für den Gott Lono hielten. Der Mord an Cook bedeutete die Erfüllung einer mythischen Geschichtserwartung. Obeyesekere hielt dem in "Die Apotheose des Kapitän Cook" entgegen, die Vorstellung von Cook als Gott sei nur die Projektion der Engländer gewesen, die den Weltumsegler selbst in den Stand eines Halbgottes erhoben hätten. Cook starb, weil er ein Tabu brechender Eindringling war. Sahlins nannte Obeyesekere darauf einen "Pidginanthropologen.

Ohne Beschimpfungen kann Obeyesekere im Haus der Kulturen der Welt seine These vorbringen, dass es niemals Kannibalen gegeben habe, der Kannibalismus allerdings eine unerschöpfliche Quelle menschlicher Fantasien darstelle. Auffällig auch, dass häufig dann Kannibalismus unterstellt wurde, wenn es zu Verständnisschwierigkeiten zwischen "Entdeckern" und "Entdeckten" gekommen sei. Europäer und Polynesier kommunizierten über Gesten. Welche Verrenkungen vollführten die englischen Seeleute wohl, um von den Hawaiianern zu erfahren, ob sie Cook verspeist hatten? Und wieso schlossen diese daraus, dass die Engländer selbst Menschen aßen? Obeyesekere vermutet, dass die Reaktion der Hawaiischen Priester mit dem in der Südsee herrschenden Vorurteil zusammenhing, dass alle Europäer Kannibalen waren. Auf der anderen Seite machten die Eingeborenen den Europäern vor, sie wären Kannibalen; sie hatten beobachtet, dass die Eindringlinge dadurch leicht zu vertreiben waren.

Obeyesekere schreibt den Polynesiern die Fähigkeit zur Parodie zu. Während Tzvetan Todorov in "Die Entdeckung Amerikas. Das Problem des Anderen" die Manipulation des Gegners als moderne europäische Vorgehensweise ausmachte, beschreibt Obeyesekere die angeblich unschuldigen Eingeborenen als interessegeleitete Subjekte. Der "Primitive" wird bei Obeyesekere zu einem Menschen, der den Anderen erkennt. Woher aber rührt die bis heute gängige Vorstellung, dass in der Südsee Kannibalen hausten? Obeyesekere macht die Selbsterfindung der Europäischen Reisenden verantworlich. Sie hätten sich blühende Geschichten über Begegnungen mit Menschenfressern ausgedacht, um ihr Prestige zu steigern. Je präziser die Reiseberichte jedoch seien, umso weniger könne man ihnen trauen. Obeyesekere geht soweit, sie als historisch unbrauchbare Quellen zu bezeichnen, er lese die Berichte lediglich als Fiktion. Dass sie in Europa auf fruchtbaren Boden fielen, führt der Inder auf die Faszination der Europäer für den Kannibalismus zurück, denn psychologisch gesehen hause in jedem von uns ein kleiner Kannibale. Er plädierte deshalb dafür, den Ausdruck Kannibalismus aus dem Wörterbuch der Ethnologie zu streichen und ihn durch Anthropophagie zu ersetzen.

Ein Beobachtung Obeyesekeres sorgt für Heiterkeit: die gruseligsten Berichte über Menschenfresser stammten von Calvinisten und Anglikanern. Ist es möglich, dass diese ihrer Verachtung für das katholische Verständnis vom Abendmahl über einen Umweg ausdrückten? Die Oblade und der Wein werden im katholischen Ritus ausdrücklich als Leib und Blut Christi angesehen und nicht als dessen Symbole, wie bei den Protestanten; der Vorwurf, Katholiken seien Kannibalen, ist also nicht ganz abwegig. Ist die Vorstellung vom Primitiven als Menschfresser also nichts weiter als die Projektion europäischer Ängste auf die Fremden?

Ende Februar 1779 gaben die Hawaiianer die fehlenden Körperteile James Cooks an die Engländer zurück, welche sie vor Hawaii in der See bestatteten - so glaubten sie. Wenige Jahre später tauchten die Gebeine wieder auf. Zu Ehren Lonos trugen Hawaiische Priester die Knochen ihres "Entdeckers" alljährlich einmal rund um ihre Insel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben