Gesundheit : Ganztags klüger werden

Vier-Milliarden-Euro-Schulprogramm gestartet: Einig präsentieren Bund und Länder das Reformprojekt

Bärbel Schubert

Von Bärbel Schubert

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hat die Länder aufgefordert, Klagen der Wirtschaft über eine schlechte Schulbildung der Jugendlichen ernst zu nehmen. Nur mit grundlegenden Reformen von Schule und Unterricht könne Deutschland bei der Bildung in den nächsten zehn Jahren wieder an die Weltspitze kommen, sagte Bulmahn am Weltbildungstag zum Start des bisher größten bundesweiten Schulprogramms in Berlin. Mit vier Milliarden Euro vom Bund sollen dabei mehrere tausend Ganztagsschulen entstehen – als Reaktion auf das schlechte deutsche Abschneiden beim internationalen Schultest Pisa.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hatte mit Blick auf die Lehrstellensituation beklagt, dass immer mehr Jugendlichen „die einfachsten Ausbildungsvoraussetzungen fehlen“. Wie Pisa gezeigt habe, gehöre jeder vierte Jugendliche in Deutschland zu der „Risikogruppe“, die nicht sicher lesen und schreiben kann. Mangelhaft sei auch die Vorbereitung der jungen Menschen auf die Arbeitswelt. „Unsere Bildungsprobleme sind zu einem veritablen Standortnachteil herangewachsen und bremsen unsere Volkswirtschaft im Wettlauf um einen Spitzenplatz in dramatischer Weise“, unterstrich Hundt seine Forderung nach Schulreformen.

Diese sollen durch das Ganztagsschulprogramm nun an Dynamik gewinnen. Die Vizepräsidentin der Kultusministerkonferenz, Doris Ahnen (SPD), lobte an der Seite von Bulmahn das Vorhaben als „riesiges Schulentwicklungsprojekt“ und Beitrag zu einer neuen Lehr- und Lernkultur. Für den Erfolg komme es jetzt auf die pädagogischen Konzepte an. Rheinland-Pfalz, wo Ahnen Schulministerin ist, gilt bundesweit als Vorreiter beim Ausbau der Ganztagsschulen – sehr zur Zufriedenheit der Eltern, wie eine Umfrage gezeigt hat. In der zusätzlichen Schulzeit sollen die Kinder besser als bisher nach ihren individuellen Möglichkeiten gefördert werden, „damit sie das Erlernte auch einsetzen können“, so Bulmahn. Dabei hatte Pisa bei den deutschen Jugendlichen erhebliche Mängel festgestellt.

Das andere große Defizit des deutschen Schulsystems: Nirgendwo sonst hängt der Schulerfolg so stark von der familiären Herkunft ab wie in Deutschland. Entsprechend will beispielsweise Baden-Württemberg seine Ganztagsschulmittel voraussichtlich hauptsächlich für so genannte Brennpunktschulen einsetzen, also in sozial schwierigen Stadtteilen. Gedacht ist das Programm allerdings für alle Schulformen, von der Grundschule bis zum Gymnasium.

Außer den pädagogischen Verbesserungen sollen mehr Ganztagsplätze natürlich auch zur Entlastung berufstätiger Eltern führen. In Frankreich, England und Schweden beispielsweise ist ganztägige Schule schon seit langem selbstverständlich. Deutschland hinkt dabei weit hinterher, mit rund fünf Prozent Ganztagsangeboten, von denen die Hälfte Sonderschulen sind.

Worauf kommt es beim Ausbau der Ganztagsschule nun an? „Am wichtigsten ist, dass es gelingt, Verbesserungen für das Lernen zu erreichen“, meinte auch GEW-Vorstandsmitglied Marianne Demmer. Ob das in modernen Vermittlungsformen oder im klassischen Unterricht geschehe, sei erst einmal zweitrangig. „Kein Kind darf mehr im Unterricht zurückgelassen werden.“ Bulmahn würdigte ausdrücklich das Engagement der Lehrer und wies politische Schelte zurück. Die Pädagogen hätten die zentrale Rolle für das Gelingen des Vorhabens.

Doch wer eine Schule für sein Kind sucht, steht oft ratlos vor der Frage: Wie erkennt man eine gute Ganztagsschule? Eltern sollten vor allem darauf achten, ob ein Schulmodell zu den Bedürfnissen der Familie passt, rät Stefan Appel, Vorsitzender des Ganztagsschulverbands und Leiter einer solchen Schule in Kassel. So werde eine berufstätige Alleinerziehende beispielsweise von einer Halbtagsschule plus reinem Betreuungsprogramm wahrscheinlich enttäuscht. Wenn eine Mutter dagegen zu Hause sei und ein „Begleitprogramm“ für ihr Kind organisieren wolle, könne die Halbtagsschule eine gute Lösung sein. Für jede Form von Ganztagsschule müsse aber beachtet werden, dass Kinder dort viel Lebenszeit verbringen. „Es muss genug Platz geben, damit die Jugendlichen sich bewegen können – auch bei Regen. Und sie müssen sich zurückziehen können. Das wird besonders oft vergessen.“

Appel teilt den Optimismus der Ministerinnen allerdings nicht so ganz. „Ich bin optimistisch, dass alle Länder die Mittel abrufen werden“, so der Schulleiter. „Nicht so sicher bin ich, ob sie tatsächlich in Konzepte gesteckt werden, die etwas mit Ganztagsschulen zu tun haben“, also mit einem zusammenhängenden Angebot am Vor- und am Nachmittag. „Was wir nicht wollen, ist eine Halbtagsschule mit verlängerter Suppenausgabe.“ Bisher haben bereits die Länder Rheinland-Pfalz, Bremen und Berlin als Erste 5,6 Millionen Euro Fördermittel abgerufen.

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