Gesundheit : Gar nicht grün

Die Pflanzen-Biotechnik ist umstritten – zu Unrecht, finden Forscher

Adelheid Müller-Lissner

Schon der Begriff missfällt Bärbel Höhn. „Grüne Gentechnik, über diesen Ausdruck habe ich mich oft geärgert“, bekannte die Grünen-Politikerin beim Max-Planck-Forum zur „Gentechnik in der Pflanzenzucht“ am Montag in Berlin. Die Ministerin für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen machte ihren Standpunkt deutlich: „Wir brauchen die Gentechnik in der Landwirtschaft heute nicht und werden sie auch in zehn Jahren nicht brauchen.“

Doch wer ist „wir“? Heinz Saedler, Direktor am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln, mahnte, in dieser Hinsicht über den Rand des gut gefüllten europäischen Tellers hinauszuschauen: „Grüne Gentechnik wird in der Dritten Welt unverzichtbar sein.“ Saedler argumentierte mit Zahlen: Weltweit geht in jedem Jahr landwirtschaftlich nutzbare Fläche in einer Größenordnung verloren, die 60 Prozent der deutschen Ackerfläche entspricht. Die Weltvorräte an Weizen haben, nicht zuletzt durch Änderungen der Essgewohnheiten in Ländern wie China, um ein Drittel abgenommen. Krankheiten, Insektenfraß und Unkräuter schmälern die Erträge.

Die wirtschaftlichen Erträge der kleinen Produzenten in den armen Ländern würden aber von Großunternehmen abgeschöpft, bei denen sie jedes Jahr ihr transgenes Saatgut neu kaufen müssten, wandte die streitbare Ministerin ein. Saedler konterte mit Hinweis auf den Anbau gentechnisch veränderter Baumwolle in China: „Vier Millionen Kleinbauern haben dadurch ihr Einkommen verdoppelt.“ Möglich wurde das, weil mit öffentlichen Mitteln Saatgut entwickelt und so durch Konkurrenz der Preis gedrückt wurde. „Es gibt also auch im Bereich des gentechnisch veränderten Saatguts Alternativen!“

Bleiben, weniger bei der Baumwolle als bei den Nahrungsmitteln, die Risiken, denen der Konsument sich ausgesetzt sehen könnte. Schließlich entstehen in den Pflanzen durch das Einschleusen von Genen aus Bakterien und Viren neue Eiweißstoffe. Das sind natürliche Proteine, doch sie gehörten zuvor nicht unbedingt zur menschlichen Ernährung. „Theoretisch könnten wir damit Allergie-Gene einbauen“, sagte Klaus-Dieter Jany, Leiter des molekularbiologischen Zentrums an der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe. Doch Jany hält das Risiko wegen guter Tests und strenger Zulassungsbedingungen für extrem gering. Dass Gene ganz von selbst von einer Pflanzenart zu anderen wandern, habe zudem Jahrhunderte lang wenig Besorgnis erregt.

Aber machen transgene Pflanzen, weil die Technik noch relativ neu ist, nicht auch mehr Angst? „Die Tests, die wir haben, gehen vom heutigen Wissen aus“, mahnte Höhn. Weiß man also noch gar nicht, nach welchen Gefahren man fahnden sollte? „Wir beginnen mit dieser Technik ja nicht erst heute“, widersprach Saedler. Und verwies auf Millionen US-Bürger, bei denen seit Jahren „Gen“-Mais auf dem Speisezettel steht. Pflanzen wie der Bt-Mais, der gegen Schädlinge wie den Maiszünsler unempfindlich ist, sind zudem außerhalb der Ackerflächen nicht lebensfähig. „Biologisch ein Nullrisiko“, sagte Saedler.

Trotzdem trifft die „grüne“ Gentechnik in der Landwirtschaft, ganz im Unterschied zu deren „roter“ Anwendung in der Medizin, in Europa auf viel Skepsis. Das komme auch daher, dass der Konsument im Moment den Nutzen der Anwendung von Gentechnik in der Landwirtschaft noch nicht sehe, erklärte Manuela Zweimüller, die bei der Münchner Rückversicherung das Kompetenzzentrum Biotechnologien leitet. In Ländern, die Hungersnöte kennen, sehe das aber anders aus, gab Saedler zu bedenken.

„Wir sind auch verantwortlich für das, was wir nicht machen, das müssen wir uns immer vor Augen führen.“ Diesen Appell bezog der Biologe Jany nicht zuletzt auf die Forschung, die unter der Abwanderung guter Köpfe in die USA zu leiden habe. Hier zu Lande, so prognostizierte Saedler, wird sich die Stimmung nicht so schnell ändern. Dafür jedoch die Forschung: Man werde das methodische Repertoire der Gentechnik nutzen, um Gene von Pflanze zu Pflanze zu übertragen. „Eine Reihe von Forschungsinitiativen gehen dahin, natürliche Resistenzen gegen Schädlinge in domestizierte Pflanzen zu versetzen.“ Gentransfer also, der im Bereich der Gattung Pflanze bleibt. Ob die Nutzung der Gentechnik damit auch für ihre Kritiker im „grünen Bereich“ bliebe?

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