Gesundheit : Gas in der Flasche

Warum der indonesische Vulkan Merapi besonders gefährlich ist

Paul Janositz

Der „Merapi“ macht seinem Namen alle Ehre und speit Feuer und Rauch. „Feuerberg“ bedeutet der javanische Name des Vulkans Merapi. Er liegt auf der indonesischen Hauptinsel Java, etwa 25 Kilometer nördlich der Stadt Yogyakarta. „Der Merapi ist ein Hochrisikovulkan, einer von weltweit 16“, sagt der Vulkanexperte Martin Zimmer vom Geoforschungszentrum in Potsdam.

So ist es nicht verwunderlich, dass nach einer Wochenend-Ruhepause jetzt wieder gewaltige Massen heißer Gase aus dem knapp 3000 Meter hohen Krater quellen. Flüssiges Gestein und Asche wälzen sich die Hänge herunter.

Die meisten Bewohner rings um den Berg sind bereits evakuiert. Doch rund 8000 der etwa 30 000 Menschen, die in der höchsten Gefahrenzone wohnen, sind in ihren Häusern geblieben. Sie sollen, wenn sich die Lage verschlimmert, notfalls zum Auszug gezwungen werden. Dies kündigte jetzt Indonesiens Präsident Susilo Bambang Yudhoyono an, als er die Katastrophenregion besuchte.

Anzeichen, dass dies notwendig werden könnte, erkennt das Vulkan-Beobachtungszentrum in Yogyakarta genügend. Allein am Dienstag wurden mindestens 21 heiße Gaswolken registriert, die bis zweieinhalb Kilometer weit entlang der Flüsse strömten. Sie könnten Vorboten großer und verheerender Wolken sein, warnt Geologe Ratdomo Purbo. Beim letzten größeren Ausbruch des Merapi 1994 hatten solche glühend heißen Gaswolken 66 Menschen getötet. Die bisher schlimmste Katastrophe hatte im Jahre 1930 nahezu 1400 Opfer gefordert.

Die hohe Zahl von Toten und Verletzten erklärt sich auch aus der dichten Besiedelung der Gegend. In der Risikozone wohnen rund 80 000 Menschen, im weiteren bedrohten Bereich einige Hunderttausend und in Yogyakarta dürften es mehr als eine Million sein.

„Die Menschen sehen im Vulkan nicht nur eine Gefahr“, erklärt Zimmer. Denn die Asche, die der Merapi so zuverlässig ausstößt, wird zu fruchtbarem Boden, der das Überleben garantiert. Doch die feurigen Ausbrüche bedrohen auch Leib, Leben und wirtschaftliche Existenz der Anwohner. Und so ziehen einmal jährlich Prozessionen zum Gipfel. Opfergaben werden in den Krater geworfen, um die Götter milde zu stimmen.

Auf himmlisches Wohlwollen verlässt sich die moderne Wissenschaft natürlich nicht. Vor allem, nachdem in dem großen Forschungsvorhaben „Merapi“ der Vulkan unter die Lupe genommen worden ist. Das fünfjährige Projekt endete 2002. Unter Federführung des Potsdamer Geoforschungszentrums hatten deutsche und indonesische Wissenschaftler die Anzeichen studiert, mit denen der Berg seine Ausbrüche ankündigt.

Gemessen werden Erschütterungen der Erde, Menge und Zusammensetzung der vulkanischen Gase oder Veränderungen elektrischer und magnetischer Felder. Die seismologischen Geräte schlagen in Indonesien besonders oft aus, befindet sich doch der Inselstaat auf unruhigem Grund. Rund 300 Kilometer vom Merapi entfernt liegt die Subduktionszone, entlang der zwei Erdplatten tief unterm Meeresboden zusammenstoßen. „Die indoaustralische Platte taucht unter die eurasische“, erklärt Zimmer. Um jährlich etwa sieben Zentimeter verschieben sich die Kolosse.

Die Folge sind nicht nur Erdstöße. Auf dem „pazifischen Feuerring“ – so Zimmer – gibt es viele aktive Vulkane, mehr als hundert allein in Indonesien. Die abtauchende Ozeankruste besteht aus Basalten und wasserreichen Tonen. Das eingeschlossene Wasser senkt den Schmelzpunkt des Gesteins. „Etwa ab 120 Kilometer Tiefe fängt das Schmelzen an“, sagt Zimmer. Aus dem flüssigen Gestein, dem Magma, lösen sich immer mehr Gase, die nach oben steigen. Auch das Magma bewegt sich nach oben, da es eine geringere Dichte hat als kaltes Gestein. Je weiter es aufsteigt, desto mehr Gas wird frei.

Ähnliche Prozesse laufen auch bei Vulkanen in anderen Gebieten ab, etwa beim Ätna, der auf den Zusammenstoß von europäischer und afrikanischer Platte reagiert. Doch der Merapi ist weit gefährlicher als sein behäbiger sizilianischer Kollege. Das liegt daran, dass das Magma am Merapi viel zähflüssiger ist, sagt Zimmer. Denn bei dem Gestein unter Java handelt es sich um kieselsäurereiches Andesit, das eine dickflüssige Schmelze ergibt.

Diese zähe Masse kann nicht, wie es dem dünnflüssigen Feuerbrei am Ätna möglich ist, durch Spalte und Kanäle seitlich abfließen. Am Merapi setzt sich das zähe Magma am Kraterrand fest. Wie ein Pfropfen hält es Gas und Feuerwolken in der vulkanischen Flasche. Doch wenn der Deckel zusammenkracht, können Asche, Gas und Gesteinsschutt frei werden. „Die Feuerwolken sind bis zu 150 Kilometer pro Stunde schnell und bis 500 Grad heiß“, sagt Zimmer. Wer dann noch am Berg ist, hat wenig Chancen zu überleben.

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