Gesundheit : Gast-Studierende: "Ihr seid frei, aber kalt"

Tanja Cummings

Was denken wohl andere Menschen über uns? - In der Rubrik "Gästebuch" werfen ausländische Gast-Studierende einen kritischen Blick auf die deutschen Unis.

Während die lettischen Computerspezialisten sich noch zieren, hat es schon einige Studentinnen nach Deutschland verschlagen. Da ist zum Beispiel Dace, die vor zwei Jahren nach Berlin kam, um an der Humboldt-Universität Kunst- und Kulturwissenschaften zu studieren. Deutschland ist für sie ein Vorbild, wenn es um Kulturmanagement geht. Den Kunstmarkt hält sie für schwierig und bar objektiver Kriterien. Kaum noch jemand überblicke die moderne Kunst. "Deswegen sind die Galeristen und Kulturmanager für die Orientierung sehr wichtig", meint Dace. Und dies habe man in Deutschland schon längst erkannt.

Bereits in Lettland hat Dace an verschiedenen deutsch-lettischen Projekten teilgenommen. Auf Einladung der Robert Bosch Stiftung war sie in einem Begegnungsseminar zum Thema "1848 und die liberale Tradition in Deutschland". Nach dem Abschluss der Kulturakademie Lettlands (Kunst - Baccalauréat im Fach Interregionale Kulturbeziehungen: Lettland - Deutschland), bewarb sie sich um ein Stipendium des DAAD, und ein halbes Jahr später landete sie in Berlin. Es ist nicht einfach, ein Stipendium in Lettland zu bekommen. Wichtig sind ausgezeichnete Deutschkenntnisse, gute Noten in allen Fächern und genügend Überzeugungskraft. Dace verdankt ihr Germanistikstipendium vor allem einer Arbeit über Bertolt Brechts Stück "Herr Puntila und sein Knecht Matti".

Doch erste Eindrücke von Deutschland sammelte sie bereits vor ihrem Studium als Au-pair-Mädchen in einer Familie in Süddeutschland. Danach war ihr nicht mehr danach, in Deutschland zu bleiben und zu studieren. Deutschland fand sie zwar schön, aber langweilig. Ganz anders dachte sie jedoch über Berlin. Am meisten reizte sie, dass sich hier Ost und West aneinander reiben. Sie mag das internationale Flair, die ständigen Veränderungen und die Tatsache, dass man Berlin niemals überblicken könne. Dies reizt Dace auch an der Kunst. So ist sie regelmäßiger Gast bei Performances und Videoinstallationen im "Tacheles" und Flaneur im "Hamburger Bahnhof". In Lettland gehöre die Kunst in die klinischen Räume, hier in Deutschland jedoch auch auf die Straße.

Der Entschluss, in Berlin zu studieren, fiel ihr nicht schwer, denn in Lettland können die Studierenden nicht einmal ihre Fächer selbst wählen. Alles wird für sie geregelt. So gefällt es Dace sehr, dass Studenten in Berlin für sich selbst verantwortlich sein dürfen. Dagegen findet sie die Anonymität unangenehm: "Man kennt nur wenige Professoren, jedes Semester sieht man neue Gesichter." Mit kulturwissenschaftlich geschultem Blick stellt Dace fest, dass die Studenten hier echte Individualisten sind. Freundschaften entstünden und pflege man außerhalb der Universität. Amüsiert bemerkt sie: "Die Leute hier kümmern sich nicht so sehr um das Äußere. Das Ausgefallene oder Verrückte wird akzeptiert. Es ist alles locker." Da wird Dace euphorisch: "Das frei sein ist hier real." Allerdings überrascht sie immer wieder, dass hier kaum Interesse für Ostdeuropa gezeigt wird. "Die Leute wissen einfach zu wenig über das Baltikum."

Ihr Studium finanziert sie sich selbst, sie jobbt als Servicekraft im Bankettbereich oder als Hostess auf der Messe. Zwar stresst sie die Doppelbelastung. "Aber eigentlich bin ich zufrieden, dass ich das schaffe." Das Jobben gebe ihr Autonomie, die sie während des Studiums in Lettland vermisst habe. Sobald sie ihre Magisterarbeit über die "Berliner Dadaisten" fertig hat, ist ihre Zeit in Berlin zu Ende. In Deutschland will sie nicht länger bleiben, denn Dace hält die Deutschen für emotional kalt. Doch im nächsten Moment stellt sie fest, dass alles doch offen sei. Ihr Ziel ist es, die Beziehungen zwischen Deutschen und Letten verbessern. Deswegen wäre ein Job in der lettischen Botschaft in Berlin vielleicht nicht schlecht, meint sie.

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