Gastroenterologie : Der Darm im Fokus

Wie Gentechnik und Immunologie helfen, die Ursachen chronischer Erkrankungen zu erforschen.

Justin Westhoff

Eines weiß Anna, fast fertige Medizinstudentin, schon jetzt: Sie will Gastroenterologin werden. Andere Spezialisierungen im gewünschten Fachgebiet, der Inneren Medizin, nennt sie burschikos „langweilig“. Mittel gegen Bluthochdruck verschreiben und Herzkatheter anordnen, so sehe zum Beispiel die Kardiologie in der Praxis aus, meint sie. Magen-DarmKrankheiten hingegen seien nicht nur vielfältig, hier gebe es auch noch viel zu erforschen. Annas Ausbilder im „Praktischen Jahr“, Professor Zeitz, kann ihr da nur zustimmen: Oft geht es um chronisch entzündliche Darmerkrankungen, und „die betreffen schon junge Menschen, die lebenslang darunter leiden.“ Zudem spiele sich ein sehr wichtiger Teil der körpereigenen Abwehr im Darm ab, „viel wichtiger als zum Beispiel die Haut“.

Martin Zeitz ist Chef der Gastroenterologie und Infektiologie am Charité-Campus Benjamin Franklin. Gegen die beiden wichtigsten entzündlichen Darmerkrankungen, Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, gibt es bis heute keine ursächlich wirkende Behandlung. Aber die Erkenntnisse über die Ursachen wachsen, und auch die Therapie macht Fortschritte. Zeitz berichtet von seinem 48 Jahre alten Patienten H., der seit langer Zeit zwei bis drei Mal im Jahr in die Klinik muss, weil die Bauchschmerzen, die häufigen Durchfälle und die Komplikationen wie Abszesse oder Fisteln immer wieder unerträglich werden. Die Behandlung mit Cortison hat in den unvermeidlich hohen Mengen die gefürchtete Nebenwirkung, das „Cushing-Syndrom“ mit aufgedunsenem Gesicht und weiteren Folgen. Seit Kurzem erhält H. ein Medikament, das eigentlich zur Behandlung von bestimmten Rheumaleiden eingesetzt wird, einen „TNF-Alpha-Blocker“. Die Phasen, in denen H. beschwerdefrei ist, treten nun schneller ein und dauern länger, und es besteht die Hoffnung, auf umfassende Operationen verzichten zu können.

300 000 Deutsche leiden an chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Dass sie in Industriestaaten zunehmen, hat wenig mit Ernährung zu tun, sondern einen verblüffenden Grund: zu viel Hygiene. Die bakterielle Darmflora – die der Körper braucht und die normalerweise nicht krank macht – wird einfach in der Kindheit zu wenig trainiert. Natürliche Keime stimulieren das Immunsystem, und sogar die früher häufigeren Wurminfektionen trugen dazu bei. Hinzu kommen aber immer Änderungen im Erbgut.

„Dieses Wechselspiel zwischen genetischen und Umweltfaktoren ist faszinierend“, sagt Zeitz. Wieso ist die ausgeglichene Antwort auf Fremdkörper im Organismus bei manchen Menschen gestört? Normalerweise regulieren wichtige Immunzellen den Umgang mit Antigenen. Warum funktionieren solche „regulatorischen T-Zellen“ nicht mehr, so dass es zu Entzündungen im Darm kommt? Wunschvorstellung der Forscher ist, eines Tages Patienten Blut abzunehmen, daraus im Reagenzglas gut funktionierende T-Zellen zu gewinnen, diese zu vermehren und dem Kranken „zurückzuspritzen“. So weit ist man noch nicht – aber die deutsche Forschung, gerade auch die an der Charité, gehört zu den Vorreitern.

Martin Zeitz ist Sprecher eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Sonderforschungsbereichs. Hier arbeiten Wissenschaftler aus der Klinik zusammen mit Grundlagenforschern, etwa aus dem Berliner MaxPlanck-Institut für Infektionsbiologie, dem Deutschen Rheumaforschungszentrum oder dem Max-Delbrück-Centrum in Berlin-Buch. Ohne Gentechnik und Immunologie geht heute nichts mehr.

Denn der Darm ist, sagt Zeitz, „das größte Immunorgan mit der entscheidenden Barrierefunktion, um den menschlichen Körper vor Krankmachern zu schützen.“ Ziel der Forschung ist, schützende Faktoren gegen überschießende Immunreaktionen zu finden, vielleicht eines Tages sogar eine Impfung gegen Keime, wie sie gegen den Auslöser von Magenschleimhautentzündungen und indirekt von Magenkrebs (Helicobacter pylori) schon existiert.

Zusätzlich ist die Charité eine der Universitätskliniken, die am vom Bundesforschungsministerium geförderten „Kompetenznetz chronisch entzündliche Darmerkrankungen“ beteiligt sind. Neben der Verbesserung der Versorgung geht es auch hier um die Aufklärung der genetischen und immunologischen Vorgänge bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Mehrere Gene, die das Risiko für Morbus Crohn erhöhen, sind bereits identifiziert worden.

Schon heute aber gibt es konkrete Fortschritte, in der Diagnostik zum Beispiel das „konfokale Laserendomikroskop“. Nur wenige solche Geräte gibt es in Deutschland, eines steht in Steglitz, gekauft mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Sonnenfeld-Stiftung. Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen müssen ihr Leben lang ständig kontrolliert werden, um das Entstehen eines Tumors frühzeitig zu entdecken. Dazu mussten bisher zahlreiche Gewebeproben aus dem Darm entnommen werden (Biopsie). Das konfokale Laserendomikroskop ist viel schonender. Es erstellt „virtuell“ ein genaues Gewebebild, so dass Biopsie und pathologische Überprüfung nur noch bei Verdacht auf bösartige Veränderungen notwendig sind.

Dass die erwähnten, zur Gruppe der modernen „Biologika“ gehörenden TNFBlocker mit oft guten Erfolgen gegen chronisch entzündliche Darmkrankheiten eingesetzt werden, ist genauso Ergebnis der biomedizinischen Forschung. Seitdem klarer wurde, dass und welche Entzündungsvorgänge im Magen-Darmtrakt ausschlaggebend sind, lag es fast auf der Hand, die Schleimhaut mit solchen Entzündungshemmern besser zu schützen. Andere Wirkstoffgruppen wie etwa Interleukine werden derzeit auf ihren Nutzen bei diesen Krankheiten untersucht.

Anna, die angehende Ärztin, wird es womöglich sogar erleben, dass wirklich „kausale Therapien“ entwickelt werden. Bis dahin hat sie allenfalls mit dem „Image“ ihres künftigen Berufes zu kämpfen. Sie selbst findet es keineswegs „ekelig“, sich mit dem Darm, auch mit seinen „Produkten“ zu befassen. Nur ihre nicht-medizinischen Altersgenossen schauen mitunter etwas pikiert, wenn sie versucht zu vermitteln, was sie daran so spannend findet.

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