Gesundheit : Geächteter Trieb

Von narzisstischen Männchen und träumenden Mädchen: Der Neid im Wandel der Zeiten

Bodo Mrozek

Ein Mann erschlägt seinen Bruder, weil er nicht dieselbe Aufmerksamkeit vom Vater erhält. Ein Jugendlicher wird für ein Paar Turnschuhe erstochen. Spektakuläre Fälle über die Zeiten hinweg, die eng mit einem Gefühl zusammenhängen, das viel beschworen, stets geleugnet und kaum erforscht ist: dem Neid.

Dabei ist der Neid eine der ältesten Triebkräfte der Menschheitsgeschichte. Den Brudermord dokumentiert bereits das Buch der Bücher: Kain erschlägt Abel, weil er sich vom Vater ungerecht behandelt fühlt. Diese Ur-Szene enthält bereits das Muster aller späteren Neider: Es geht nicht um die Gaben selbst, die der Herr nicht würdigt. Kain mangelt es an Aufmerksamkeit, sein Selbstwertgefühl ist abhängig von der Anerkennung.

Neid ist ein Dauerbrenner in der Familie der geächteten Triebe. Die Wörterbücher des 19. Jahrhunderts unterschieden noch verschiedene Formen wie Abgunst, Missgunst oder Scheelsucht. Frühere Zeiten waren gewillt, feine Unterschiede anzuerkennen. In seiner Schrift „Über den Neid“ unterteilte Lessing unterschiedlich stark ausgeprägte Vorstufen: „Die verschiedenen Staffeln wären also Gunst, Abgunst, Missgunst, Neid.“ Heute ist man weniger gewillt, so fein zu unterteilen. Dafür sind andere Formen hinzugekommen: etwa der Sozial- oder der Jobneid.

Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigte die Anglistin Aleida Assmann (Konstanz) jetzt bei einer Tagung des Potsdamer Einsteinforums anhand der Darstellung der sieben Todsünden des Malers Hieronymus Bosch. Mit scheelem Blick guckt der geplagte, hart arbeitende Mensch auf den Nichtstuer und neidet ihm den Reichtum. In Zeiten der Arbeitslosigkeit hat sich dieses Verhältnis gewendet: Der Neologismus Jobneid bezeichnet das Missgönnen von Arbeit. Soll man also Gesellschaften in Neid verhindernde und Neid forcierende unterscheiden, wie Assmann vorschlägt?

Für den Schriftsteller Peter Schneider (Zürich) ist der Neid eine archaische Kraft. Darwin habe ihn schon 1871 als Antrieb seines Weltbildes beschworen. Früher lebte der Mensch demnach wie andere Säugetiere auch in einer Urhorde, über die ein erwachsenes, narzisstisches Männchen herrschte. Erst als sich die anderen Männchen neidisch über diesen Herrscher erheben, entsteht so etwas wie eine moderne Gesellschaft.

Das „einig Volk von Brüdern“ beruht auf Gleichheit und Regelung des Sexualtriebes in Paarbildung. Diese Neidunterdrückung griff Sigmund Freud in seiner berühmten Schrift „Totem und Tabu“ auf: Übrig bleiben der Sexualneid der Männchen in Form der Kastrationsangst und der angebliche Penisneid der Frauen. Dem berüchtigten, männlich geprägten Theorem konnte Schneider kein neues Leben einhauchen, und so bleibt für ihn der Neid „der konstitutive Sprung in der Schüssel der Theorie“.

Diese Schüssel füllte der Kulturjounalist Nils Minkmar mit Leben. Für kein Gewerbe sei der Neid so wichtig wie für die Medien. Noch der Starkult der 40er und 50er Jahre war auf puren Neid ausgerichtet. Heute sei die Bewunderung der hermetischen Welt der Stars der Schadenfreude gewichen. Als Paradebeispiele führt Minkmar die Berichterstattung über Lady Di, die Lewinsky-Affäre und den Michael-Jackson-Prozess an. Im Falle des erdrosselten Modemachers Mooshammer sei die Häme gar in Hass umgeschlagen.

Die Haltung zu den Schönen und Reichen schwanke zwischen Mitleid und Verachtung – wie in den erniedrigenden Dschungelshows. Neuerdings aber wende sich der Neid gegen die unteren Schichten. Mit Viagra-Kalle und Florida-Rolf wurden erstmals Sozialfälle zum Ziel der vom Boulevard medial inszenierten Neid-Presse. Und die Besserverdienenden schlagen zurück, indem sie die Vermögenssteuer als Neidsteuer diffamieren. Denn früher wie heute gilt: Zum Neid will sich niemand gerne bekennen.

Elke Schmitter brach dieses Tabu großmütig. Die Schriftstellerin und Essayistin stellte die Objekte ihrer kindlichen Begierde auf den Tisch: ein Paar schwarze Lackschuhe. Schmitter gestand, wie sie sich beim Neid ertappt, und entfernte sorgfältig das „Furnier“ vor dem unguten Gefühl. Denn was anderes verbirgt sich hinter Gedankengängen wie: „Eine schöne Villa – aber wer will schon so weit draußen wohnen?“ Schmitter empfahl, „die Kurzschrift des Neides zu dechiffrieren“ und ihn autopädagogisch zu nutzen: Was verrät mir dieses Gefühl über mich, das ich noch nicht wusste? Meistens neide man gerade die Dinge anderen, die man sich selbst verbietet.

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