Gesundheit : Gebärdensprachdolmetscher: Mit den Händen sprechen

Julia von der Leyen

Sie sind auch in der Öffentlichkeit immer häufiger zu sehen: Meist seitlich vom Geschehen stehend, bewegen sie in Theatern, auf Vorträgen oder im Standesamt permanent ihre Arme und Hände - die Gebärdensprachdolmetscher.

Übersetzt wird in die natürliche Sprache der Gehörlosen. "Es ist ein Kommunikationssystem, bei dem sich die Gehörlosen untereinander verständigen. Über Jahrhunderte hat sich dieses System in der Gemeinschaft der Nichthörenden entwickelt", erklärt Esther Ingwers, die seit vier Jahren in Hamburg als Gebärdensprachdolmetscherin arbeitet.

"In Deutschland gibt es rund 80 000 von Geburt an gehörlose Menschen", erzählt Esther Ingwers. "Behördengänge, Elternabende in der Schule, ein Arztbesuch und sogar die Trauung auf dem Standesamt sind Anlässe, für die sie einen Dolmetscher brauchen." Der Weg zum Diplom-Gebärdensprachdolmetscher ist nicht ganz einfach: Nur vier Hochschulen bieten in Deutschland diese Ausbildung an.

An den Universitäten in Hamburg und Frankfurt sowie an den Fachhochschulen in Magdeburg und Zwickau können die Studenten in acht Semestern den Abschluss machen. Voraussetzungen sind das Abitur oder Fachabitur und zwei fließend gesprochene Sprachen: Deutsch und die Gebärdensprache.

"Beweggründe für das Studium sind das Interesse an der Arbeit mit Sprachen und die Perspektive, flexibel arbeiten zu können", sagt Andrea Schulz, Dozentin an der Universität Hamburg. Studieninhalte sind Fächer wie Gebärdensprache, Linguistik und Soziologie der Gehörlosen. Auf den Beruf des Dolmetschers wird mit Kenntnissen über Fachvokabular sowie Techniken, Theorie und Wissenschaft des Dolmetschens vorbereitet. Einer Zahl von 80 000 Gehörlosen stehen inzwischen rund 500 ausgebildete Dolmetscher gegenüber. "Der Bedarf ist also noch lange nicht gedeckt", so Sabine Broweleit vom Deutschen Gehörlosenbund in Rendsburg. Ein Großteil von ihnen arbeitet freiberuflich - so auch Esther Ingwers. "Ein Mindestgehalt von 60 Mark brutto pro Stunde ist nicht unbedingt üppig."

"Die Tätigkeit eines Dolmetschers ist ein anspruchsvoller Job. Ob es die Nachrichten, die Diagnose eines Arztes oder die Texte eines Theaterstückes sind, das Übersetzen in die Gebärdensprache erfolgt immer simultan." Während Esther dem Erzähler zuhört, muss sie nicht nur gleichzeitig verstehen, sondern auch sofort schon die richtigen Gebärden für den Sachverhalt parat haben.

"Ich kenne kaum einen anderen Beruf im Dienstleistungsbereich, der so vielseitig und abwechslungsreich zugleich ist", sagt sie. "Man macht viele neue Bekanntschaften mit Menschen, lernt viele Unternehmen, Betriebe oder Schulen kennen. Und man kann sich seine Zeit frei einteilen."

Einen anderen Weg hat Asta Limbach gewählt. Auch sie ist Dolmetscherin der Gebärdensprache. Vor fünf Jahren hat sie in Köln die Firma "Loor Ens" gegründet. Sie selbst hat die Gebärdensprache erst als Erwachsene gelernt und anschließend eine Ausbildung zur Gebärdensprachdolmetscherin in einem berufsbegleitenden Modellversuch in Köln gemacht. Damals gab es die akademische Ausbildung noch nicht.

"Früher sind es meist diejenigen gewesen, die schon aus familiären Gründen die Gebärdensprache beherrscht haben und daher immer wieder in die Situation des Dolmetschens kamen", erzählt Sabine Broweleit von den Ursprüngen der Gebärdensprachdolmetscher. "Heute werden es aber immer mehr, die aus Interesse an der Gebärdensprache und der Vielseitigkeit des Berufes den Weg eines Dolmetschers einschlagen.

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