Gesundheit : „Geben Sie Handlungsfreiheit!“ Von Manfred Dietel und

Wolfgang Hinkelbein Fotos: Wolff/dpa

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Am 9.Januar1727 wurde sie von Friedrich Wilhelm dem I. gegründet, die Charité. Seit damals ist sie innovativer Medizin verpflichtet. Dieses Berliner Wahrzeichen wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit – immerhin begannen acht Nobelpreisträger hier ihren Werdegang – trotzte allen historischen Widrigkeiten, der Niederlage Preußens gegen Napoleon 1806, dem Schwarzen Freitag 1923, dem ideologischen Einfluss der Nationalsozialisten (leider nur zum Teil), der Destruktion durch den 2.Weltkrieg, der Misswirtschaft der DDR und der wenig sensiblen „Verwestlichung“ durch BRDInstitutionen nach der Wende. Hoffentlich wird sie auch stark genug sein, dem gegenwärtigen politischen Aktionismus – vom Sparwahn des Berliner Senats bis zur unklaren Gesundheitspolitik des Bundes – zu widerstehen.

Am 1.Junibrach ein neues Zeitalter für die alte Dame an, die Campi im Norden der Stadt, der Campus Virchow-Klinikum und der Campus Charité Mitte, fusionieren mit dem bisherigen Klinikum Benjamin Franklin. Auf Grund des Koalitionsbeschlusses, 98MillionenEuro in Forschung und Lehre einzusparen, wird nun das größte Regionalunternehmen Berlins mit zirka 15000 Mitarbeitern und über einer Milliarde Euro Umsatz geschaffen. Die Risiken sind erheblich. Sie liegen in der Unüberschaubarkeit des Großklinikums an drei Standorten, dem wegen der behördenähnlichen Organisationsstruktur stark eingeschränkten Gestaltungsspielraum und den unterschiedlichen Denkkulturen der Mitarbeiter.

Dennoch eröffnet die Fusion auch Chancen, die genutzt werden müssen. Dazu gehören: der schrittweise Umbau der neuen Charité zu einem betriebswirtschaftlich geführten Unternehmen mit noch stärkerer Betonung der universitären Einzigartigkeit, das heißt der Sicherstellung einer medizinischen Behandlung auf aktuellstem internationalen Stand; die Bildung von krankheitsorientierten Schwerpunktzentren zur weiteren Verbesserung der Behandlung etwa bei Krebs oder Herzleiden bei gleichzeitiger Kostenreduktion durch optimale Organisation.

Außerdem muss die klinische Forschung gestärkt werden, die auf Grund der Größe der neuen Charité enorme Chancen für internationale Studien eröffnet. Neue Diagnostik- und Therapiefelder müssen in eigenverantwortlich geführten Bereichen eingerichtet, Klinik- und Institutsstrukturen modernisiert und professionalisiert werden ebenso wie die Verwaltung, die wie überall in Berlin mindestens zu 20 Prozent überbesetzt ist. Unter dem Druck der Sparauflagen können diese Umbrüche nur gelingen, wenn die Politik drei Forderungen erfüllt:

1. Sie muss der neue Charité zehn Jahre Ruhe und Planungssicherheit garantieren und nicht nächstes Jahr mit neuen Budgetkürzungen kommen.

2. Sie muss sich aus Detailentscheidungen heraushalten und nicht wie bisher darüber entscheiden, ob etwa eine Zeitprofessur für Epidemiologie vergeben wird oder nicht.

3. Sie muss die Entstaatlichung des Klinikums mit dem neuen Vorstand gemeinsam vorantreiben, sonst verhakt sich das System in staatlichen Reglementierungen.

Wird dies nicht respektiert, so wird der Tanker ins Schlingern geraten mit der Gefahr eines dann politisch zu verantwortenden Defizits. Also frei nach Schiller: „Sir, geben Sie Handlungsfreiheit.“

Manfred Dietel ist Ärztlicher Direktor der Berliner Charité, Wolfgang Hinkelbein bekleidet diesen Posten am Uni-Klinikum Benjamin- Franklin, ebenfalls Berlin.

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