Gesundheit : Gebrauchsanleitung für den Körper

Wer sich richtig bewegt, ist seltener verspannt, kann Haltungsschäden ausgleichen und Schmerzen vermeiden. Der Physiker und Judo-Lehrer Moshe Feldenkrais hat rund 1500 Übungen entwickelt, mit denen sich das trainieren lässt

Daniela Martens

„Es ist ein kleines Wunder, dass der ganze Körper von zwei kleinen Fußsohlen getragen wird“, sagt Kursleiterin Christine Walter. „Spürt, ob ihr den Unterschied zwischen den Füßen wahrnehmt. „Aufrichtung“ ist das Thema dieser Feldenkrais-Gruppenstunde.

„Spürt mal...“ und „Was für ein Gefühl ist das?“, wird sie in der nächsten Dreiviertelstunde noch häufig sagen. „Wie schwer sind die Arme?“ – „Nehmt eure Atmung wahr.“ Und dann beginnen die Übungen, deren Schwierigkeitsgrad sich langsam steigert: Zunächst sollen die Teilnehmer im Liegen ein Bein über das andere legen und mit schnellen Bewegungen das Becken heben und senken. „Versucht zu genießen, was ihr da macht.“ Bei der nächsten Übung tun einige das mit Sicherheit nicht. Die rechte Handfläche sollen sie neben der Schulter auf den Boden legen, den Ellenbogen, der in die Luft ragt, „wie einen Steuerknüppel umfassen“ und hin- und herbewegen. Einige schaffen es nicht, den Arm so zu verbiegen. Christine Walter geht umher und legt stützende Polster unter die Hände, um die Übung zu erleichtern. „Ihr könnt euch die Bewegung auch denken, wenn sie euch gar nicht liegt“, sagt sie. Es gehe darum, bestimmte Partien zu fixieren, um andere anzusprechen. Die Stunde endet, wie sie begann. Aber der Körper fühlt sich ein bisschen ausgeglichener an.

Feldenkrais hat ein wenig Ähnlichkeit mit Yoga oder Pilates. Aber es ist eine eigene Methode, die in den vierziger Jahren von dem Physiker und Judo-Lehrer Moshe Feldenkrais entwickelt wurde. Auf jeden Fall ist es keine Gymnastik. Denn wenn wir Liegestütze machen oder uns im Aerobic-Kurs auf die Choreografie konzentrieren, bewegen wir uns dabei fast unbewusst. Bei Feldenkrais geht es um mehr: Bei den Übungen soll jede Muskelbewegung, jede Drehung im Fußgelenk oder Beuge im Rücken bewusst wahrgenommen werden. So lassen sich Bewegungsabläufe verändern, die sich falsch eingeschliffen haben und so zu Rücken- oder Kopfschmerzen führen. Die Grundlage der rund 1500 Lektionen sind Alltagsbewegungen.

Feldenkrais-Lehrerin Gabriele Lex ist überzeugt, dass die Übungen gegen viele Beschwerden helfen – ob bei Haltungsschäden, Lähmungen nach Schlaganfällen, bei Nervenstörungen und sogar bei psychischen Problemen. „Oft kommen Leute zu uns, die schon viel anderes ausprobiert haben. Wir knüpfen also da an, wo andere aufhören,“ sagt Gabriele Lex. Aber: „Feldenkrais ist keine Therapie, sondern eine körperorientierte Lernmethode, die Ansätze aus der Lerntheorie, Physik, Hirnforschung, Pädagogik, Philosophie und Psychologie vereint“, sagt die gelernte Physiotherapeutin.

Neben den Gruppenkursen, bei denen sich die Teilnehmer unter Anleitung selbst bewegen, wird Feldenkrais auch in Einzelstunden angeboten, in denen der Lehrer den Patienten bewegt.

Michaela Weinert (Name geändert) hat an diesem Tag eine Einzelstunde mit Publikum. Kirsten Jacobs und Florian Schäffler, die in Berlin Mitte ein Studio betreiben, demonstrieren die „funktionale Integration“ – eine Feldenkrais-Variante, bei der während den Übungen kaum gesprochen wird.

Michaela Weinert liegt entspannt auf dem Rücken. Es ist ganz still. Sanft aber bestimmt drückt Kirsten Jacobs ihre Hände auf die Hüften der 43-Jährigen. Mit langsamen Bewegungen umfasst sie das rechte Bein, winkelt es an und drückt mit beiden Händen auf das Knie. Es sieht aus wie eine besondere Choreografie, fast in Zeitlupe. Auf der Liege daneben „bearbeitet“ Florian Schäffler eine zweite Versuchsperson, den 40-jährigen Carsten Grefe. Man sieht deutlich den Unterschied in der Behandlung: Bei ihm wirken die Bewegungen kraftvoller, er drückt stärker zu. Aber schließlich sind auch ihre „Klienten“, wie es beim Feldenkrais heißt, ganz unterschiedlich: Carsten Grefe ist gesund, sagt lediglich, dass er gern „beweglicher“ wäre. Michaela Weinert dagegen hofft, dass sie hier ein Mittel findet, um mit den Schmerzen umzugehen, die sie durch ihre chronische Darmerkrankung hat.

Ganz ohne Worte geht es aber auch bei der nonverbalen Methode nicht: „Normalerweise kommt der Klient mit einer Fragestellung. Wenn er sich allgemein unwohl fühlt, arbeiten wir das Problem gemeinsam heraus“, sagt Kirsten Jacobs. In der Probestunde zeigen die Lehrer ihren Probanden, wie sie lernen können, den Kopf besser zu drehen – um über die Schulter zu schauen, etwa beim Autofahren. Michaela Weinert und Carsten Grefe sollen sich in die Mitte des Raums stellen und die Bewegung zunächst ausprobieren: Beide sehen automatisch über die rechte Schulter. Er dreht den ganzen Oberkörper, sie tatsächlich nur den Kopf. Bei Michaela Weinert sieht es beweglicher aus. Dann fordert Schäffler sie auf, den Kopf jetzt auch nach links zu drehen. „Links ist schwieriger“, sagt Michaela Weinert. Grefe bestätigt das. Die Übungen sollen die Bewegungen weicher machen, so- dass sie schließlich leichter fallen.

Neben Alltagssituationen orientiert sich Feldenkrais auch an der Entwicklung von Babys. „Ein Neugeborenes muss lernen, Gleichgewicht und Muskelspannung zu regulieren“, sagt Stephanie Hendrikoff. Die Therapeutin legt sich auf den Teppich in ihrer Kreuzberger Praxis und demonstriert das: „Am Anfang kippen Babys steif mit dem ganzen Körper zur Seite und erschrecken sich dabei selbst. Später können sie sich mit einer geschmeidigen Bewegung zur Seite drehen.“ Stephanie Hendrikoff hat sich darauf spezialisiert, Feldenkrais mit Babys zu machen, „weil man in diesem Alter besonders viel für die Entwicklung tun kann. Säuglinge reagieren schnell auf die Berührungen.“ So wie Melissa, die schon mit acht Monaten zum ersten Mal von ihrer Mutter in Stephanie Hendrikoffs Praxis gebracht wurde. „Sie war ein bisschen bewegungsfaul“, sagt die Mutter, „konnte die Ärmchen nicht richtig nach oben strecken, war verspannt und schlaff und hat oft laut geröchelt.“ Unter den sanften Berührungen der Feldenkrais-Lehrerin hat sich Melissa zu einem ganz normalen Kind entwickelt. Sie begann, „sich viel weicher zu bewegen.“ Und gleichzeitig wurde auch ihre Atmung leichter. Eine Verspannung in der Bauchgegend wirke sich auf den ganzen Körper aus, sagt Hendrikoff. 20 Mal kam Melissa in die Praxis. Inzwischen kann sie schon richtig gut laufen.

Auf ähnliche Weise, wie Babys lernen, ihren Körper zu benutzen, lässt sich durch Feldenkrais-Übungen auch bei Erwachsenen der Bewegungsspielraum erweitern. Die Berührung des Lehrers soll die Wahrnehmung des Klienten erreichen, ihm ein sicheres Gefühl geben, ihn festhalten. „Gemeinsam werden dann nur Bewegungen erforscht, die wirklich leicht gehen“, sagt Stephanie Hendrikoff. „Und wenn man so am Körper arbeitet, können Schutz- und Abwehrspannungen nachlassen und neue Verhaltensweisen werden möglich.“ Deshalb könne die Feldenkrais-Methode auch zur Unterstützung einer Psychotherapie angewendet werden.

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