Gesundheit : „Gebt uns Entscheidungsfreiheit“

Die Unis garantieren Qualität – wenn sie sich ihre Studenten aussuchen dürfen, sagt der Präsident der Rektoren

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PETER GAEHTGENS (66)

war Präsident der Freien Universität Berlin und leitet seit dem vergangenen Sommer die Hochschulrektorenkonferenz.

Foto: ddp

Herr Gaehtgens, woran erkennen Sie einen zukünftigen Spitzen-Studenten?

Daran, dass er ein ziemlich klares Konzept von seiner universitären Ausbildung und seiner Berufsorientierung hat und gut informiert ist über die Universitäten, an denen sein Wunschfach angeboten wird. Und er sollte die Wahl des Fachs gut auf seine eigenen Talente abgestimmt haben.

Und trotzdem wollen Sie, dass die Universitäten die Bewerber mit den besten Abiturnoten ohne weitere Tests und Auswahlgespräche zulässt?

Ja. Wenn die hundertprozentige Studentenauswahl auf die Hochschulen zukommt – und ich bin unbedingt dafür –, kann durch die Auswahl der Abiturbesten der Arbeitsaufwand begrenzt werden. Tests, mit denen die Universitäten feststellen können, ob Studierende spezifische Eignungen mitbringen, wären wünschenswert. So geht es ja etwa bei Ärzten und Lehrern auch um Fähigkeiten, die sich nicht in der Abiturnote abbilden. Aber wir sollten uns davor hüten, uns den gläsernen Menschen zu wünschen. Durch die Schulnote lässt sich eben auch der künftige Studienerfolg prognostizieren. Und darum geht es doch bei der Reform der Studentenauswahl: ein erfolgreiches Studium zu gewährleisten, die hohen Abbrecherquoten zu senken.

Wie müssten Tests jenseits der Bestenauswahl aussehen?

Es gibt internationale Vorbilder, wir müssen das Rad nicht neu erfinden. Oxford und Cambridge machen es über schriftliche Tests. In Deutschland halte ich ein gestuftes Verfahren für sinnvoll: Erstens über die Abiturnote, zweitens schriftliche Tests – da lässt man die besten zwanzig bis fünfzig Prozent zu. Und drittens Auswahlgespräche, deren Volumen man aber realistisch gestalten sollte, um die Universitäten nicht zu überfordern. In solchen Gesprächen sollte dann auch nach der Motivation der Abiturienten gefragt werden, ein Fach studieren zu wollen. Auswahlverfahren sind letztlich auch eine Beratung für die Bewerber.

Schon heute können die Universitäten zwanzig Prozent der über die ZVS verteilten Studienplätze zusätzlich durch Auswahlgespräche vergeben? Warum wird diese Möglichkeit kaum genutzt?

Für so einen kleinen Prozentsatz lohnt sich der riesige Aufwand nicht. Nur wenn eine Hochschule die berechtigte Hoffnung haben kann, dass sie ihre Abbrecherquote reduziert, wird sie in das Verfahren richtig einsteigen. Deswegen sind auch die von einigen Ländern gewünschten Modelle, nur 25 Prozent auszuwählen, nicht sinnvoll.

Wie sollen die Hochschulen das Auswahlverfahren organisatorisch meistern?

Wir werden das ab Mai mit den Hochschulrektoren beraten. Ich werde vorschlagen, am Ende jedes Semesters eine 14-tägige Auswahlphase anzusetzen. Dann müssen alle verfügbaren Kräfte bereitstehen, Tests auszuwerten und Gespräche zu führen. Das sollte dann auch auf das Lehrdeputat angerechnet werden. Im Übrigen wünsche ich mir größtmögliche Freiheit für die Hochschulen, die Auswahlverfahren zu regeln. Das beste Modell wird sich im Wettbewerb durchsetzen.

Was halten Sie von der Idee, das Abitur durch einen Standardtest wie in den USA ergänzen, mit dem man sich dann an der Universität bewerben kann?

Das Abitur zu entwerten, wäre ganz falsch. Sinn des Abiturzeugnisses ist es ja, vergleichbare und verwertbare Aussagen über die Befähigung zu einem Studium zu machen. Deswegen wird eine Aufnahmeprozedur für die Universität sich darauf zu beschränken haben, die Eignung dieses spezielle Studium zu hinterfragen.

Studentenauswahl, Studiengebühren und Stipendien für besonders Begabte – ist das ein Paket, das jetzt geschnürt werden muss, um den Leistungsgedanken an den Unis zu fördern?

Ich bin im Prinzip für all dies. Aber momentan wäre ich schon dankbar, wenn an einem einzelnen Punkt etwas in Bewegung käme. Bislang wird ja von einigen Ländern alles blockiert, was zu einer Verbesserung der Situation an den Hochschulen führen könnte. Jetzt erheben sich gegen die Studentenauswahl auch schon wieder viele Stimmen. Zumindest in diesem Punkt sollten die Länder ihren Universitäten Gedanken- und Entscheidungsfreiheit geben – dann bekommen sie auch deutlich niedrigere Abbrecherquoten.

Wenn man Spitzenforschung- und lehre will, muss man einzelnen Universitäten auch erlauben, weniger Studenten als andere zuzulassen – damit intensivere Betreuung möglich wird.

Viele Hochschulen werden ständig mit Klagen überhäuft, weil sie die Kapazitätsvorgaben nicht erfüllen. Die Vorgaben stammen aber aus den Siebzigerjahren, als die Rede war von „unzulässiger Niveaupflege“. Wir müssen endlich weg von der Studentenauswahl durch die Verwaltungsgerichte. Die Universitäten stehen wegen der schlechten Qualität der Lehre in der Kritik. Das können wir so lange nicht akzeptieren, wie der Staat unsere Arbeitsbedingungen diktiert. Wir sind staatliche Universitäten, aber für die Qualität wollen wir die volle Verantwortung haben. Und wir sind auch bereit, sie zu übernehmen – durch die Auswahl der Studenten.

Der Wissenschaftsrat will auch, dass Schüler in Zukunft bei der Studien- und Berufswahl besser beraten werden, damit die Abbrecherquoten sinken. Wie müsste eine solche Beratung an den Schulen aussehen?

Die Hochschulen beraten bereits intensiv Schüler, beispielsweise bei den Berliner Studieninformationstagen. Da kommen tausende Schüler an die Unis. In den Schulen müssen vor allem die Lehrer gut über Studienangebote informieren und dafür müssten sie mit Hochschullehrern kooperieren. Da gibt es gute Modelle, aber dafür braucht man eben Geld und Personal.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

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