Gesundheit : Gebühren vertreiben Langzeitstudenten

Neue Hochschulstatistik: mehr Naturwissenschaftler, Ausländer und Privathochschulen

Anja Kühne

Die Zahl der Langzeitstudierenden ist in einer Reihe von Bundesländern eingebrochen, seit dort Gebühren von dieser Gruppe verlangt werden. Im Wintersemester 2004/2005 sank die Zahl der Studierenden, die im 15. oder einem höheren Fachsemester studierten, um 35 000, das entspricht einem Rückgang von 28 Prozent, wie Johann Hahlen, der Präsident des Statistischen Bundesamtes, am Dienstag in Berlin erklärte.

In der Statistik machen sich besonders die rückläufigen Studierendenzahlen in Nordrhein-Westfalen und Hessen bemerkbar. Nordrhein-Westfalen senkte die Zahl seiner Langzeitstudierenden um 43, Hessen um 42 Prozent. Welche Motive die Abbrecher hatten – ob sie sich das Studium nicht mehr leisten konnten oder ob sie ohnehin nur als Karteileiche immatrikuliert waren –, können die Statistiker nicht sagen. Mit der Einführung der Gebühren ist auch die Zahl der Studierenden im Zweitstudium stark gesunken: um 44 200, das entspricht 36 Prozent.

Der Einbruch bei den Langzeit- und Zweitstudierenden ist die Ursache dafür, dass die Zahl der Studierenden in Deutschland insgesamt leicht zurückgegangen ist. Noch vor zwei Jahren waren so viele Studierende eingeschrieben wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik: über zwei Millionen. Ein Jahr später, als die Langzeitgebühren sich auf die Statistik auszuwirken begannen, sank die Zahl um drei Prozent auf 1,96 Millionen, um jetzt wieder leicht um ein Prozent auf 1,98 Millionen anzusteigen. „Der Rückgang ist kein Drama“, sagte Johann Hahlen bei der Präsentation der neuen Zahlen für die Hochschulen. Denn in den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Studienanfänger um 35 Prozent gestiegen. Zur Zeit nehmen 37,5 Prozent eines Jahrgangs ein Studium auf. Die neue Bundesregierung schreibt das Ziel der Vorgängerregierung fort, diese Quote auf 40 Prozent zu erhöhen.

Immer mehr Studierende aus den neuen Bundesländern kommen an die Hochschulen im Westen. 28 Prozent der Studienanfänger aus dem Osten (14 700) schrieben sich im Jahr 2004 an einer westdeutschen Hochschule ein. Noch vor zehn Jahren lag dieser Anteil bei 23 Prozent. Dagegen bleibt der Anteil von westdeutschen Studienanfängern im Osten niedrig. Nur vier Prozent (9200), gerade einmal ein Prozent mehr als vor zehn Jahren, nahmen ein Studium an einer ostdeutschen Hochschule auf.

In den neuen Studiengängen Bachelor und Master , die bis zum Jahr 2010 in Europa fast flächendeckend eingeführt sein sollen, studierten im vergangenen Jahr erst acht Prozent aller Studierenden. Erst fünf Prozent der Absolventen dieses Jahrgangs hatten einen Bachelor-Abschluss. Allerdings haben sich von den Erstsemestern des Jahres 2004 bereits 12 Prozent für einen Bachelor-Studiengang eingeschrieben. Der Anteil von ausländischen Studierenden ist im Masterstudium besonders hoch. Die Hälfte aller 5600 Masterabsolventen kommt aus dem Ausland. Bachelorstudierende beendeten ihr Studium im Schnitt nach sechs Semestern mit 26 Jahren, Diplomstudierende nach 11,3 Semestern mit 28,1 Jahren.

Insgesamt stieg der Anteil ausländischer Studierender in den vergangenen zehn Jahren um fünf Prozentpunkte auf 13 Prozent. Die meisten dieser Studierenden (15 Prozent oder 26 000) kommen aus China. Die beiden anderen Haupt-Herkunftsländer sind Bulgarien und Polen. Die Zahl der deutschen Studierenden, die ein Studium oder einen Teil davon im Ausland absolvieren, ist ebenfalls gestiegen. Noch im Jahr 2003 hielten sich nur 2,3 Prozent der deutschen Studierenden im Ausland auf, im Jahr 2003 waren es 3,5 Prozent. Das beliebteste Gastland war das Vereinigte Königreich, gefolgt von den USA, der Schweiz, Frankreich und Österreich. Osteuropäische Länder sind noch immer wenig populär.

Die beliebteste Fächergruppe bleiben die Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Hier schrieben sich 32 Prozent der Erstsemester ein. 20 Prozent der Erstsemester wählten Sprach- und Kulturwissenschaften. In den Ingenieurwissenschaften stieg die Zahl der Studierenden erstmals seit 1998 wieder. Der Anteil der Erstsemester liegt jetzt bei 19 Prozent. In der Fächergruppe Mathematik/Naturwissenschaften sind 18 Prozent der Studierenden eingeschrieben. Der Zuspruch wächst. Noch vor zehn Jahren lag der Anteil der Erstsemster an dieser Fächergruppe bei 13 Prozent.

Das Interesse an Informatik , das im Jahr 2000 so groß wie nie war, ist wieder gesunken. Seit Mitte der neunziger Jahre war die Zahl der Studienanfänger um 121 Prozent auf 38 100 gestiegen. Nun, nach dem Einbruch des Neuen Marktes, ist sie auf 30 400 gesunken.

In Deutschland gibt es zwar immer mehr Privathochschulen (69 gegenüber 24 vor zehn Jahren), und die Studierendenzahlen an den Privaten haben sich verdreifacht. Doch besuchen immer noch nur zwei Prozent aller Studierenden (45100) eine private Hochschule.

Die Hochschulausgaben sind „kontinuierlich gestiegen“, sagte Hahlen. Vor zehn Jahren lagen sie bei knapp 25 Milliarden Euro, im Jahr 2003 bei 30,6 Milliarden Euro. Das entspricht einem preisbereinigten Zuwachs von 14 Prozent. Die Drittmittelfinanzierung der Hochschulausgaben ist zwischen 1995 und 2003 von acht auf elf Prozent gestiegen. Die Drittmitteleinnahmen je Professorenstelle haben sich deutlich gesteigert. Im Jahr 2003 lagen sie bei 84 600 Euro. Gegenüber 1995 ist das eine Steigerung um 59 Prozent. Die Unis werben 95 Prozent der Drittmittel ein.

Im Vergleich zu 1994 hat die Zahl der Beschäftigten an den Hochschulen um fünf Prozent zugenommen – jedoch nur wegen der wachsenden Zahl Teilzeitbeschäftigter. Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten sank um ein Prozent. Eine halbe Million Menschen ist an deutschen Hochschulen beschäftigt, knapp die Hälfte zählt zum wissenschaftlichen Personal. Von den 38 400 Professoren an deutschen Hochschulen sind nur ein Prozent Juniorprofessoren.

Der Anteil von Frauen an der Studierendenschaft wächst – 2004 lag er bei 49 Prozent. Auf den höheren Qualifikationsstufen sind Frauen aber weiterhin unterrepräsentiert. Im Jahr 2004 waren 39 Prozent der Promovierten, 31 Prozent der Juniorprofessoren, 23 Prozent der Habilitierten und 14 Prozent der Professoren Frauen. Am niedrigsten ist der Anteil auf der höchsten Besoldungsstufe C4: 91 Prozent dieser Stellen haben Männer inne.

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