Geburten in Berlin : Tage der Liebe, Tage des Todes

Neun Monate nach Weihnachten und Neujahr werden besonders viele Kinder geboren. Es gibt allerdings auch andere Häufungen – so im März nach der WM. In Berlin schwankt der Geburtentrend von Klinik zu Klinik. Nur beim Sterben ist die Statistik eindeutig: Im Winter enden besonders viele Leben.

Alles neu macht der ...? Im Mai werden statistisch weniger Babys geboren.
Alles neu macht der ...? Im Mai werden statistisch weniger Babys geboren.Foto: dpa

Wer wird an diesem Donnerstag der erste Neuberliner oder die erste Neuberlinerin sein? Die Geburtskliniken der Stadt sind darauf vorbereitet, der Öffentlichkeit die ersten Neujahrs-Babys und ihre stolzen Eltern zu präsentieren. Am ersten Tag eines beginnenden, ebenfalls noch ganz unbeschriebenen Jahres sein Leben zu beginnen, ist an sich schon etwas Besonderes. Noch ein bisschen besonderer wird es durch die Tatsache, dass in den Wintermonaten merklich weniger Kinder auf die Welt kommen als zwischen Juli und September. Diesen sommerlichen Geburtengipfel beobachten Statistiker seit einigen Jahrzehnten.

Und der Spitzenreiter ist bundesweit der Monat September: Im Jahr 2010 kamen in Deutschland an jedem Septembertag 97 Kinder mehr zur Welt als am Durchschnitt aller Tage des Jahres. Die zweite Stelle in der Geburtenstatistik nimmt knapp dahinter der Monat Juli ein, gefolgt vom August. Bevölkerungsforscher rätseln seit Jahren über die Gründe für den sommerlichen Babyboom.

Vom „Weihnachtseffekt“ spricht der kanadische Soziologe Frank Trovato, der die kanadische Statistik analysiert hat: „Der Geburtenanstieg im September spiegelt wahrscheinlich den Einfluss der Weihnachtsferien wider, während derer wegen der festlichen Atmosphäre signifikant mehr Kinder gezeugt werden, mit dem Ergebnis, dass es neun Monate später einen Geburtenanstieg gibt. Dieses Phänomen ist auch in anderen Industrienationen beobachtet worden.“

Der Mensch ist eigentlich beim Zeugen nicht auf bestimmte Jahreszeiten festgelegt

Allerdings noch nicht so lange: Noch in den 60er Jahren kamen, anders als in den USA und in Kanada, in Europa die meisten Kinder im Frühjahr auf die Welt, nicht im Sommer. „Der September-Peak hat sich erst in den vergangenen Jahrzehnten herauskristallisiert“, sagt die Bevölkerungswissenschaftlerin Gabriele Doblhammer von der Universität Rostock, die dasselbe Phänomen anhand der Daten verschiedener Regionen in Österreich festgestellt hat. „Eine bemerkenswerte Veränderung, denn es bestand vorher ein ziemlich stabiles Muster.“

Über die Gründe kann die Forscherin bisher nur spekulieren. Auch beim Menschen, der im Unterschied zu anderen Primaten für das Zeugen und Gebären nicht auf Jahreszeiten festgelegt ist und der noch dazu heute über sichere Methoden der Empfängnisverhütung verfügt, könnten biologische Gründe mitspielen, etwa die Abnahme der Qualität des männlichen Samens bei Hitze. Dass es innerhalb einiger Jahrzehnte in diesem Punkt so große Veränderungen gab, ist allerdings unwahrscheinlich. „Vermutlich werden die biologischen Gründe stark von Lebensstilfaktoren überlagert“, sagt die Forscherin.

Als eindrückliches Beispiel für die Macht der äußeren auf die anderen Umstände gilt gemeinhin der Babyboom vom März 2007: In Berlin gab es in diesem Monat tatsächlich 20 Prozent mehr Geburten als in den Monaten zuvor. Die Kinder, die zu diesem Zeitpunkt geboren wurden, wurden während der Fußball-WM 2006 gezeugt. Doch so plausibel die Erklärung des Kindersegens als Fortsetzung des Sommermärchens auch wirken mag, es könnte auch ein zweiter Grund hinzugekommen sein: Im Sommer 2006 war klar, dass ab dem 1. Januar 2007 die neue Regelung für das Elterngeld in Kraft treten würde, das Bundeselterngeld- und -elternzeitgesetz. Auch das könnte ein Anreiz gewesen sein.

Auch die Beliebtheit einer Klinik spielt eine Rolle

Kamen danach die Kinder wieder eher im Sommer? Und kommen sie auch in Berlin am häufigsten im September? Fragt man in Berliner Geburtskliniken nach, so hört man zumindest aus den vergangenen Jahren nichts von drastischen Unterschieden zwischen den einzelnen Monaten des Jahres. „Bei uns sind die Sommermonate etwas geburtenstärker“, berichtet Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe am St.-Joseph-Krankenhaus in Tempelhof. „Ob dies mit den kuscheligen Winterabenden zusammenhängt, kann ich nicht sagen. Die an Weihnachten und Silvester gezeugten Kinder scheinen aber nicht ins Gewicht zu fallen, da wir im September keine wesentlichen Veränderungen sehen.“

„Es gibt keine wirklich bedeutsame Jahresschwankung“, sagt Wolfgang Henrich, Direktor der Kliniken für Geburtshilfe der Charité in Mitte und im Virchow-Klinikum. „Das lässt sich die Natur nicht vorschreiben.“ Schwankungen der Geburtsraten in den einzelnen Kliniken unterlägen zudem auch anderen Mechanismen: Welche Klinik ist bei den jungen Paaren gerade besonders beliebt, welche renoviert womöglich gerade einen Kreißsaal oder eröffnet einen neuen?

0 Kommentare

Neuester Kommentar