Geburtshäuser in der Krise : Kinder zur Welt bringen? Nur noch im Krankenhaus

Nicht nur Hebammen, auch Ärzte in der außerklinischen Geburtshilfe müssen hohe Abgaben an die Berufshaftpflichtversicherung zahlen. Deshalb schließen viele Einrichtungen. Zwei Fallbeispiele aus Berlin.

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Frauenarzt Peter Rott mit Hebamme und einer Patientin
Frauenarzt Peter Rott mit Hebamme und einer PatientinFoto: Mike Wolff

Eigentlich sollten bei der Geburt ihres ersten Kindes nur ihr Partner und ihre Hebamme dabei sein. Doch dann kam alles anders, die Herztöne des Kindes waren schwach, Frau V. musste sich auf einen Kaiserschnitt vorbereiten. Für Frauen, die eigentlich im Geburtshaus entbinden wollen, bedeutet das: Verlegung ins Krankenhaus, fremder Arzt, fremde Hebamme. „Ich kenne die Leute nicht und es ist einer der wichtigsten Tage in meinem Leben?“ Für Frau V. kam das nicht infrage – und sie hatte vorgesorgt. Das Personal schob sie schnell durch einen Tunnel hinüber in die Klinik, wo ein vertrauter Arzt den Kaiserschnitt machte, eine vertraute Hebamme nur für sie da war und ein Doppelzimmer auf sie, ihren Partner und ihr Kind wartete. Es ist das Konzept der Gemeinschaftspraxis Fera, die auf dem Gelände des Wenckebach-Klinikums in Tempelhof Geburtshilfe anbietet – in Geburtshaus-Atmosphäre, aber mit anwesenden Ärzten, für den Fall, dass eine ärztliche Betreuung erforderlich wird. „Gerade wenn es Komplikationen gibt, ist es doch wichtig, vertraute Menschen um sich zu haben“, sagt Peter Rott, einer der drei Praxisärzte. In 14 Jahren kamen in der Fera-Praxis mehr als 3000 Kinder zur Welt. Doch damit ist bald Schluss, die Praxis wird die Geburtshilfe zum August einstellen. Rott, 55, erklärt die Entscheidung mit der drastisch gestiegenen Berufshaftpflichtversicherung für Geburtshilfe. Die Fera-Ärzte zahlen jeweils rund 35 000 Euro im Jahr, ohne Geburtshilfe läge der Beitrag bei etwa 7500 Euro. „Nicht nur, dass wir oft nachts aufstehen müssen, wir zahlen bei jeder Geburt auch noch drauf“, sagt Rott.

Für Klinikärzte übernehmen die Krankenhausträger die Versicherung, doch Rott und seine Kollegen müssen sie als Selbstständige aus eigener Tasche bezahlen. „Das ist auf ärztlicher Seite das Problem, das wir als Hebammen auch haben“, sagt Susanna Rinne-Wolf, Vorsitzende des Berliner Hebammenverbands. Seit Jahren protestieren die Hebammen gegen die gestiegenen Versicherungsbeiträge. Bisher finden in Berlin etwa vier Prozent der Geburten außerhalb einer Klinik statt. Die Befürchtung ist: Die geburtshilfliche Landschaft wird verarmen, wenn sich die Geburtshilfe für Selbstständige nicht mehr lohnt. Mit dem Entschluss der Fera-Ärzte, die Geburtshilfe einzustellen, wird dieses Szenario ein Stück mehr Wirklichkeit.

„Hätte ich das gewusst, hätte ich die Babyplanung vorverlegt“, sagt Frau V., halb im Scherz, halb im Ernst. Die 35-Jährige ist schwanger mit ihrem zweiten Kind. Geburtstermin ist im September. V. wird also nicht mehr in der Fera-Praxis entbinden können. Zur Vorsorge geht sie weiter in die Praxis. Bislang gibt es dort noch einen eigenen Trakt für die Geburtshilfe, mit Küche, geräumigem Bad und zwei Entbindungszimmern: großes Bett auf Rollen, blau gekachelte Badewanne, im Regal stehen Teelichter und eine Stereoanlage. Die einzigen medizinischen Geräte sind in der Kinderintensiveinheit nebenan sichtbar. „Das beruhigt, falls doch etwas mit dem Kind sein sollte“, sagt Rott. Im Geburtszimmer sind für eine mögliche Anästhesie die Anschlüsse für die Betäubungsgase hinter den Vorhängen versteckt, unter dem Bett befindet sich in Rollkästen weiteres medizinisches Gerät wie Zangen und Saugglocken. Wenn es nicht gerade ein Kaiserschnitt ist, muss die Patientin meist auch nicht durch den Tunnel in die Klinik umziehen, sondern kann die Entbindung vor Ort zu Ende bringen.

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