Gesundheit : Geburtsmedizin: Für zu leicht befunden

Adelheid Müller-Lissner

Eine junge Frau wird in der 31. Schwangerschaftswoche von ihrem Frauenarzt in die Klinik überwiesen. Die 24jährige leidet unter einer schwangerschaftsbedingten Stoffwechselentgleisung mit hohem Blutdruck. Die Untersuchungen in der Praxis haben ergeben, dass das Wachstum des Fötus höchstwahrscheinlich verlangsamt ist. "Wie lange können wir noch mit der Entbindung warten?", fragen sich die Mediziner im Krankenhaus nach weiteren Tests. Das ist, wie Ulrich Büscher von der Klinik für Geburtsmedizin der Charité, Campus Virchow, erklärt, eine Abwägung zwischen drohendem akuten Versorgungsnotstand im Bauch der Mutter und der Unreife des Kindes. Wer zu spät handelt und wer zu früh eingreift: beide bestraft das Leben. Man entscheidet sich zunächst für die Förderung der Lungenreife des Ungeborenen durch Medikamente, Blutdrucksenkung bei der Mutter und sorgfältige Überwachung. Weil die Ärzte schließlich feststellen, dass das Wachstum des Kindes ganz zum Stillstand gekommen ist, entschließen sie sich 48 Stunden später zum Kaiserschnitt. Mit einem Gewicht von 940 Gramm ist das Kind sehr klein, die Tests nach der Geburt fallen jedoch zufriedenstellend aus.

Heute überleben schon weit jüngere, leichtere und kleinere Frühgeborene. Doch die Mehrheit dieser "Frühchen" war nicht Thema des diesjährigen Symposiums der Stiftung für das behinderte Kind. Es ging gezielter um das Schicksal derjenigen Ungeborenen und Neugeborenen, deren Wachstum im Verhältnis zum Entwicklungszeitpunkt verzögert und verlangsamt ist. Solche Kinder kommen deutlich untergewichtig auf die Welt, auch wenn sie das genau zu dem Termin tun, den Gynäkologe und Eltern dafür errechnet haben. Werden sie früher "geholt", so ist das oft eine Entscheidung der Ärzte, weil die Entwicklungschancen im Mutterleib schlechter sind.

Wachstum, so betonte der Lübecker Humangenetiker Eberhard Schwinger, ist ein genetisch gesteuerter, sehr komplexer Vorgang. Zahlreiche Gene sind daran beteiligt. Abweichungen von der Norm gesunden Wachstums sind um so schwerwiegender, je früher sie einsetzen. Oft sind sie auch lebensbedrohend. Das ist vor allem bei denjenigen Entwicklungsstörungen der Fall, die auf Chromosomenstörungen beruhen. "60 Prozent aller Fehlgeburten gehen auf solche Fehlverteilungen zurück", so Schwinger. Am häufigsten sind dabei dreifache statt zweifacher Chromosomensätze (Triploidie) und Trisomie einzelner Chromosomen wie 18 oder 21. Häufig setze die biologische Selektion hier schon vor der Einnistung in die Gebärmutter ein: "Wir müssen Abschied nehmen von der Vorstellung, dass schon der frühe Embryo ein stabiles Gebilde wäre."

Weltweit jedes 4. Baby zu klein

Beginnen die Wachstumsverzögerungen erst später, so liegen die Ursachen meist bei der Mutter oder im Bereich des Mutterkuchens. Die Plazenta übernimmt schließlich für das Ungeborene die wichtige Funktion des Ernährungs-, Atmungs- und Ausscheidungsorgans. Mütterliche Krankheiten wie Diabetes oder hoher Blutdruck, Nierenerkrankungen oder Blutarmut müssen deshalb unbedingt behandelt werden, aber auch Schädigungen durch Drogen und Alkohol können das Wachstum bremsen. Dass auch heute noch Mangelernährung der Mutter das Wachstum des Kindes im Uterus schwerwiegend behindern kann, zeigen die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Weltweit kommen demnach 23 Prozent der Neugeborenen zu leicht zur Welt. Durch energiereiche Nahrungsergänzung für die Schwangeren konnte, wie Renate Bergmann von der Klinik für Geburtsmedizin berichtete, in Gambia das Risiko entscheidend gesenkt werden.

Nach der Geburt ist für zu kleine Kinder häufig die Atmung das größte medizinische Problem, weil Bronchien und Lunge nicht ausreichend entwickelt sind. "Doch wir müssen diese Gruppe auch über die Geburt hinaus als Risikogruppe betrachten und ihnen besondere Aufmerksamkeit schenken", so Ludwig Gortner vom Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin der Universität Gießen. Neuesten Erkenntnissen zufolge besteht nämlich nicht nur die Gefahr, dass die weitere Entwicklung in der Wachstumsphase sich verzögert. Einige Studienergebnisse sprechen dafür, dass Menschen, die zu klein und zu leicht auf die Welt kamen, später eher unter Erkrankungen der Herzkranzgefäße, unter Diabetes, Hochdruck und Übergewicht, dem sogenannten "metabolischen Syndrom", leiden. Auch wenn die Wissenschaftler die Zusammenhänge noch nicht vollkommen verstehen, spricht Gortner von einem "Paradigmenwechsel bei der Einschätzung des Wachstums im Mutterleib".

Joachim Dudenhausen, Leiter der Klinik für Geburtsmedizin und Vorstand der Stiftung für das behinderte Kind, die jetzt, "dank der Gastfreundschaft der Charité" ihren Geschäftssitz auf das Gelände des Virchow-Klinikums verlegen konnte, ging auf die Möglichkeiten zur Vorbeugung ein. Hauptaufgabe des Gynäkologen beim Thema "vorgeburtliches Wachstum und gesundheitliches Schicksal" sei es schließlich, "auf die Schwangere einzuwirken, damit sie eine optimale Situation für das Gedeihen des Ungeborenen schafft". Unter den beeinflussbaren Faktoren ist Nikotin der Hauptfeind eines gesunden Wachstums im Mutterleib, weil es akut dazu führt, dass die Blutgefäße in Mutterkuchen und Gebärmutter sich zusammenziehen. Langfristig schadet es, weil es die Sauerstoffversorgung verschlechtert. Mit einem Projekt zur Raucherentwöhnung für Schwangere, vor allem aber für solche, die es werden wollen, will man am Virchow-Klinikum ein Zeichen setzen. Dudenhausen nannte neben Virusinfektionen, Bluthochdruck, der während der Schwangerschaft entsteht, und einem unzureichend behandelten Diabetes auch körperliche und seelische Überforderung in Beruf und Privatleben, Unter- und Fehlernährung und mangelhafte Gewichtszunahme während des Verlaufs der Schwangerschaft als Risikofaktoren. Neben rechtzeitiger Röteln-Impfung und ausreichender Versorgung mit Folsäure und Jod sollten seiner Ansicht nach nicht zuletzt diese "Lifestyle"-Faktoren vor einer geplanten Schwangerschaft bedacht werden.

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