Gesundheit : Gedächtnis auf Rezept

Neue Wirkstoffe sollen Kranken helfen, die gegen Vergesslichkeit kämpfen. Können sie auch Gesunden nützen?

Hartmut Wewetzer

„Die Erinnerung macht uns zu dem, was wir sind. Sie ist der Klebstoff, der unser geistiges Leben zusammenhält“, sagt der Hirnforscher Eric Kandel. Der Nobelpreisträger von der New Yorker Columbia-Universität weiß, wovon er spricht. Denn sein Leben lang hat er erforscht, wie das Gehirn Erinnerungen speichert. Aber damit nicht genug. Kandel gehört auch eine Firma, die „Gedächtnis-Medikamente“ herstellen will. „Memory Pharmaceuticals“ entwickelt damit Präparate, die einen wachsenden Markt bedienen – den des Vergessens. Viele Firmen sind auf der Jagd nach dem Klebstoff für unser Ich.

Im Zentrum der Suche steht die Bekämpfung der Alzheimer-Krankheit. An dem Leiden, das zu einem Synonym für Gedächtnisverlust geworden ist, sind in der Bundesrepublik etwa 700000 Menschen erkrankt. Daneben gibt es noch andere Formen geistigen Verfalls (Demenz), die ebenfalls mit schweren Gedächtnis-Störungen einhergehen.

Auch viele weitere Leiden des Nervensystems, wie die Schüttellähmung (Parkinson), Multiple Sklerose, Schlaganfälle und Verletzungen schwächen das Erinnern. Schließlich ist da die „leichte kognitive Beeinträchtigung“. Menschen mit dieser häufigen Störung haben Gedächtnisprobleme, können aber ein normales Leben leben. Häufig erkranken sie später an Alzheimer.

Noch eine ganz andere Gruppe von Menschen hofft auf die Gedächtnis-Pille: Vor allem in den USA sind Mittel beliebt, die das geistige Leistungsvermögen steigern und - etwa vor Prüfungen - einen entscheidenden Vorsprung beim Pauken verschaffen. Neben altbewährten Stimulanzien wie Traubenzucker, Koffein, Nikotin und Alkohol sind Aufputschmittel wie Amphetamine und Psychopharmaka wie Methylphenidat (Ritalin) und Antidepressiva (Prozac) beliebt, um die Konzentration zu schärfen.

Inzwischen glauben Forscher, wichtige Grundlagen der Gedächtnisentstehung verstanden zu haben. Stets geht es darum, dass dabei durch Lernen Schaltkreise von Nervenzellen verstärkt werden (siehe Infokasten). Lernen ist verbesserte Kommunikation zwischen Nervenzellen, lautet die Hypothese.

Nervenzellen verständigen sich über bestimmte Kontakte, die Synapsen. Diese mikroskopisch kleinen Saugnäpfe einer Nervenzelle kleben an der Außenhaut der Nachbarzelle und sind so etwas wie Lautsprecher. Mit ihnen flüstert, tuschelt, spricht oder schreit die Nervenzelle.

Wissenschaftlich ausgedrückt: An den Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen werden verschiedene Botenstoffe eingesetzt. Wer das Gleichgewicht dieser Botenstoffe beeinflusst, der kann auch das Lernen und damit das Gedächtnis stärken.

Zu den Hirnzellen, die bei der Alzheimer-Krankheit schon zu Beginn zu Grunde gehen, gehören solche, die mit dem Botenstoff Acetylcholin arbeiten. Das führte zu intensiver Suche nach Arzneien, mit denen der Abbau von Acetylcholin verhindert werden kann. Heute sind diese Präparate weit verbreitet, allen voran Donezepil (Handelsname „Aricept“), Galantamin („Reminyl“, ein Wirkstoff aus Schneeglöckchen) und Rivastigmin („Exelon“). Sie können die Krankheit bei jedem dritten bis vierten Patienten lindern, aber nicht wirklich stoppen. Ein Etappensieg also, kein Durchbruch.

Beim Entstehen von Gedächtnis spielt offenbar der Botenstoff Glutamat eine wichtige Rolle. An den Nervenkontakten stimuliert er Andockstellen namens „Ampa“ und „NMDA“. Diese setzen ihrerseits eine Signalstaffette in Gang, die schließlich Lerninhalte im Gedächtnis verankert.

Eine neue Wirkstoffgruppe namens Ampakine soll die Impulse des Botenstoffs Glutamat verstärken. Tests mit diesen oder ähnlichen Wirkstoffen stimmen die Hersteller optimistisch. Das gilt auch für Memantine, das als „Axura“ vom deutschen Pharma-Hersteller Merz vermarktet wird. Es fördert das Glutamat-System nicht, sondern dämpft es paradoxerweise. Auf diese Weise sollen nur die wichtigen Signale übermittelt werden. Memantine erwies sich bei Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Alzheimer-Krankheit als hilfreich.

Eine Stufe tiefer setzt der Gedächtnisforscher Kandel an. Seine Firma testet zusammen mit dem Pharmariesen Roche den Wirkstoff MEM1414. Das Mittel wirkt dort, wo die Erinnerungen gefestigt werden. Hier, im Inneren der Nervenzelle, findet sich der Türsteher des Gedächtnisses, ein Molekül namens Creb. Nachdem es durch die Glutamat-Signalkaskade angeregt wurde, kurbelt Creb die Bildung von Eiweißstoffen an. Diese Proteine verstärken ihrerseits das Nervenwachstum und damit die ErinnerungsSchaltkreise. Vieles spricht also dafür, dass Creb eine Schlüsselrolle beim Gedächtnis spielt. MEM 1414 – und andere zurzeit getestete Substanzen – sollen diesen molekularen Schalter lange auf „an“ gestellt lassen.

Noch lässt sich schwer sagen, ob alle theoretisch oder im Tierversuch erfolgreichen Behandlungsansätze auch beim Menschen funktionieren. Und noch ist auch zuwenig darüber bekannt, wie das Gehirn Erinnerungen verwaltet und bei Bedarf heranzieht.

Trotzdem ist abzusehen, dass es bessere Gedächtnis-Pillen geben wird. Natürlich stellt sich die Frage, ob auch Gesunde dann „Hirn-Doping“ betreiben sollen, weil sie es ihrer Karriere schuldig sind oder sie ganz einfach älter werden. Konrad Beyreuther, Alzheimer-Spezialist an der Uni Heidelberg, sieht den Trend skeptisch: „Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Den Leuten passt ihr eigenes Gehirn nicht mehr. Aber mit diesen Präparaten setzt man seine Kreativität aufs Spiel.“

„Mehr bedeutet nicht automatisch besser“, gibt der britische Hirnforscher Steven Rose zu bedenken. Und bringt damit die Geschichte des Mannes in Erinnerung, der nichts vergessen konnte. Der russische Journalist Solomon Schereschewskij merkte sich komplizierte Formeln und Wortlisten über Jahrzehnte. Er besaß ein für ihn selbst quälendes fotografisches Gedächtnis und musste seinen Beruf deshalb aufgeben.

Vergessen kann gesund sein. Manchmal.

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