Gesundheit : "Gedächtnis und Geschlecht" - Grausamkeitsroboter und Schmerzensmütter

Gerwin Klinger

Ein wissenschaftlicher Kongress, ein Familientreffen, eine Weltreise, alles in einem: das gibt es. Die internationale Fachtagung "Gedächtnis und Geschlecht" besaß diese wunderliche Dreieinigkeit. Ihre Fragestellung lautete: Welche männlichen und weiblichen Geschlechtsvorstellungen kommen im Gedenkarrangement der ehemaligen KZ vor, in ihren Gedenkformen, ihrem Bilder- und Skulpturen-Programm? Zum festlichen Teilnehmerempfang versammelten sich die Expertinnen, manche aus den USA, aus Israel, England und den Niederlanden angereist, in den Berliner Räumen der Heinrich-Böll-Stiftung. Alte Bekannte treffen sich. Wangenküsse, freudiges Hallo. Die Germanistin Sigrid Weigel hält einen Vortrag über die Bedeutung der Generationenfolge für das Erinnern. Regine Hildebrandt spricht ein munteres Grußwort, Gastgeber Ralf Fücks warnt: "Von Übel sei die Instrumentalisierung der Geschichte für das aktuelle Weltbild" - ein Stepptanz zwischen den Fettnäpfen namens zum Beispiel des Kosovo-Krieges. Schließlich gibt es Wein, Buffet und Panoramablick von den Dachterassen der Hackeschen Höfe: Lichterpracht und das Ambiente der Neuen Mitte, leises Gläserklirren und das sanfte Klappern der Klöppelarbeiten am internationalen Frauennetzwerk.

Zwei Stunden später befindet sich die Gesellschaft in einer anderen Welt. Per Bustransfer war es nach Fürstenberg gegangen, wo die Tagung am authentischen historischen Ort, in der Gedenkstätte des Frauen-KZ Ravensbrück, stattfinden soll. "Ein unheimlicher Ort", empfindet eine junge Engländerin, die in den schummrig beleuchteten Gassen der Stadt ihr Quartier sucht. Aber auch ein Ort mit "idyllischen" Ecken. Das Areal vor der Lagermauer ist 1959 als Gedenkort gestaltet worden: die Namen der Häftlingsnationen sind dort angebracht, ein Massengrab ist als Rosenbeet gestaltet. Dort steht auf einem hohen Podest "Die Tragende", die - einen Frauenkörper auf ihren Armen - über den See blickt.

An dieser Skulptur von Will Lammert entzündet sich die Diskussion. Die Religionswissenschaftlerin Susanne Landwerd möchte den Bedeutungsgehalt der Figur mit dem Begriff der "Sakralisierung" analysieren: wie ein säkulares, historisches Geschehen durch die Einbindung in religiös aufgewertete Formen seinen "Sinn" zugesprochen bekommt. Die Tragende folge demnach dem Muster der Pieta, diesem allgemein-menschlichen Bild für Leid, Schmerz und Tod. Sie sei eine "sozialistisch umformulierte Pieta" oder "eine antifaschistische Widerstandskämpferin, die als Pieta rezipiert wird". Genau so sei sie aber nicht gesehen worden, widerspricht eine Diskutantin, sondern als "Kameradin, nicht als Mutter, schließlich trage sie eine Gefährtin und kein Kind". Weigel meldet grundsätzliche Einwände an: Sakralisierung sei hier ein zu allgemeiner Terminus, den man durchaus auch auf Yad Vashem anwenden könne. Der Begriff erfasse nicht, dass die Pieta, als Mutter Christi, jüdisches Gedenken ausschließe.

Wie massiv und subtil um christliche und jüdische Präsenz an den Gedenkorten gekämpft wird, beleuchten Beiträge von Stefanie Peter und Constanze Jaiser über die Heiligsprechung von Maximilian Kolbe, Elise Rivet und Edith Stein. Kolbe opferte sich bei einer Selektion für einen Familienvater, kämpferisch und mit dem Bekenntnis "Ich bin katholischer Priester", Schwester Elise Rivet für eine Familienmutter, still und unbemerkt. Insofern fügen sich die Heiligenbiografien in religiös tradierte Geschlechtsbilder. Weit schwerer wiegt, wie mit der Verehrung dieser Vorbilder der katholische Einfluss auf die Gedenkorte verstärkt wird. Hanna-Renate Lauriens Deutung der Figur Edith Steins, die vom Judentum zum Katholizismus konvertiert war, wird so zitiert: "Sie ging als Christin bewusst für ihr Volk, das jüdische Volk, in den Tod." Das klingt im Vortrag allerdings, als werde die Ordensfrau von der katholischen Politikerin vereinnahmt, um Claims der Zuständigkeit abzustecken, und doch war genau das die Selbstdeutung der Edith Stein, die bei der Abholung durch die Gestapo zu ihrer Schwester sagte: "Komm, wir gehen für unser Volk."

Wie die KZ-Traumatisierungen der Überlebenden in der nächsten Generationen fortwirken können, zeigte Ilany Kogan, Psychoanalytikerin aus Tel Aviv am Fall einer 28-jährigen Frau, deren Stiefvater von Mengele kastriert wurde. Sie hält sich selbst für "unfruchtbar", "geschlechtslos", leidet so sehr unter einem "Gefühl der Leere in den Brüsten", dass sie sich schließlich Silikonkissen implantieren lässt. Auf dem Operationstisch - wie der Vater - "dem Tod nahe" gewesen zu sein, erlebt sie als "Sieg". In diesen Kontext passt dann auch der Heirats- und Baby-Boom, der 1946 / 47 bei den Überlebenden in den Camps für Displaced Persons einsetzte. Die amerikanische Historikerin Atina Grossmann erklärt ihn als "Bestätigung des Lebens" und zugleich als eine "manische Verschiebung gegen die Katastrophe".

Die Spannungen, durch die dirigistische Tagungsleitung Silke Wenks lange Zeit niedergehalten, brechen auf bei der Frage nach den Täterinnen. Die Historikerinnen Alexandra Przyrembel und Julia Duesterberg rekonstruieren, wie im Zuge der Prozesse gegen Ilse Koch, die Frau des Kommandaten im KZ Buchenwald, und Dorothea Binz, Aufseherin im KZ Ravensbrück, ein "hybrides Täterbild" entsteht. Besonders Koch wird als sexuell motivierte Exzesstäterin und "lüsterner weiblicher Grausamkeitsroboter" stilisiert. "Das ist Vergangenheit. Wie stehen Sie zur Gegenwart? Wie stehen Sie dazu, dass gleich um die Ecke eine KZ-Aufseherin lebt?" Die Frage von Irith Knebel, Historikerin aus Tel Aviv, wirkt wie ein Sprengsatz. Ordnungsrufe, Bekenntnisse, Glaubenssätze gehen durcheinander: "Darum geht es hier nicht!" "Ich wünsche, dass sie vor Gericht gestellt wird." "Wir müssen uns darauf verlassen, daß wir in einer Demokratie leben." Das feministische Wir liegt in Scherben. "Wir müssen anerkennen, das wir Feministinnen aus der Gesellschaft der Täter und Feministinnen aus der Gesellschaft der Opfer sind", konstatiert Atina Grossmann. "Wir haben diesen Ort wohl unterschätzt."

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