Gesundheit : Gedämpfte Entschlussfreude: Die Qual der Wahl

Rolf Degen

Wer auf der Suche nach einem Jogurt vor dem Kühlregal des Supermarktes stehen bleibt, wird leicht vor der erdrückenden Angebotsvielfalt gelähmt. Aber auch das Stöbern in einer reichhaltigen Speisekarte kann die Entschlussfreude dämpfen. Wie nun eine Serie von Experimenten beweist, spiegeln solche Alltagserfahrungen einen grundlegenden psychologischen Mechanismus wider: Durch ein Überangebot von Wahlmöglichkeiten, besonders, wenn nur geringe Unterschiede zwischen den Alternativen bestehen, wird die Freude an der getroffenen Entscheidung unterminiert.

Es ist eine fundamentale Erfahrung, dass Menschen an ihrer Wahlfreiheit hängen und gegen deren Einengung auf die Barrikaden gehen. Unser wirtschaftliches und politisches System basiert auf der Überzeugung, dass die Entscheidung zwischen einer größeren Zahl von Alternativen zum bestmöglichen Ergebnis führt. So war wohl auch der Niedergang der ehemaligen DDR nicht unwesentlich auf den Wunsch nach mehr Wahlfreiheit zurückzuführen.

Auch in der Wissenschaft wird Wahlfreiheit traditionell als motivierend angesehen, geben die beiden amerikanischen Psychologen Sheena S. Iyengar und Mark R. Lepper im Fachblatt "Personality and Social Psychology" (Band 79, Seite 995) zu bedenken. Es gibt zahlreiche Experimente, deren Teilnehmer entweder eine bestimmte Aufgabe vorgeschrieben bekamen oder zwischen einer Handvoll Aufgaben wählen durften. Die Probanden mit Wahlfreiheit wussten ihre Aufgabe in der Regel stärker zu schätzen und brachten auch bessere Leistungen hervor. Es ist jedoch gut vorstellbar, dass ganz andere Prozesse auftreten, wenn sich Menschen zwischen einer breiten Palette von Alternativen entscheiden müssen. Einige Indizien deuten sogar darauf hin, dass ein Übermaß von Wahlfreiheit einen unerfreulichen Entscheidungsdruck heraufbeschwört.

Um diese Möglichkeit zu testen, haben die beiden Forscher eine Serie von Experimenten angestellt. Beim ersten Versuch wurden die Besucher in einem großen amerikanischen Supermarkt mit einem Büdchen konfrontiert, in dem entweder sechs oder 24 Sorten Marmelade gratis getestet werden konnten. Während die breitgestreute Darbietung 60 Prozent der Passanten zu einer Kostprobe verlockte, regte das Schmalspurangebot nur 40 Prozent zum Testen an: Die breite Auswahlmöglichkeit wurde offenbar zunächst als attraktiver eingeschätzt.

Bei der Endbewertung drehte sich das Ergebnis um. Nur drei Prozent der Besucher, die von der großen Auswahl getestet hatten, rangen sich zum Kauf einer Marmelade durch. Jene, die nur von sechs Proben hatten kosten dürfen, deckten sich dagegen zu 30 Prozent mit einer der Marmeladen ein.

Im nächsten Experiment hatten die Teilnehmer eines Universitätsseminars die Möglichkeit, sich durch das Schreiben eines Essays Punkte zu verdienen. Während die eine Hälfte zwischen 30 Themen wählen durfte, war die Auswahl bei der anderen auf sechs beschränkt. Bei der reduzierten Themenvielfalt gingen 74 Prozent der Studenten auf die Offerte ein; die "große" Auswahl bewegte dagegen nur 60 Prozent zur Übernahme eines Referates.

Weniger Freiheit, mehr Qualität

Aber der eigentliche Clou kam erst bei der Qualitätskontrolle ans Licht: Essays, die unter verringerter Wahlfreiheit übernommen wurden, schnitten sowohl formell als inhaltlich besser ab. Das ist um so bemerkenswerter, betonen die Wissenschaftler, als sich die Themen in beiden Bedingungen überschnitten: Ein und dasselbe Thema wurde besser abgehandelt, wenn es bei geringer Wahlfreiheit übernommen worden war.

Die beiden Studien erlauben noch keine Einsicht, wie der demotivierende Effekt der Wahlfreiheit entsteht. Es könnte sein, dass ab einer bestimmten Zahl von Alternativen andere Entscheidungsregeln zum Tragen kommen. Vielleicht hören die Probanden auf, sorgfältig das Für und Wider aller Optionen abzuwägen, und greifen stattdessen aus geistiger Bequemlichkeit bei der ersten halbwegs attraktiven Alternative zu. Oder die große Verantwortung, die mit einer Entscheidung zwischen vielen Alternativen verbunden ist, lähmt die Entschlussfreude, weil man die Reue nach einer eventuellen Fehlentscheidung scheut.

Diese Möglichkeiten haben die Forscher in einem weiteren Experiment geprüft. Unter Laborbedingungen sollten die Versuchspersonen eine aus einem Angebot von entweder sechs oder 30 verschiedenen Geschmacksrichtungen Schokolade testen. Das Besondere an dieser Studie war, dass die Wissenschaftler vor und nach der Kostprobe die Gedanken und Empfindungen ihrer Probanden eruierten, um die Entscheidungsmechanismen zu enthüllen.

Fazit: Probanden, die eine aus vielen Schokosorten herauspicken durften, fanden die Probe insgesamt weniger schmackhaft als jene, die nur eine beschränkte Auswahl hatten. Nur zwölf Prozent von ihnen ließen sich am Ende des Versuches mit Schokolade auszahlen; in der anderen Gruppe waren es dagegen 48 Prozent. Im Nachhinein äußerten sie auch mehr Bedauern über ihre "schlechte" Wahl. Die große Auswahl führte allerdings nicht zu einer "Lockerung" der Auswahlkriterien: Die Versuchspersonen wogen sorgfältig die Vor- und Nachteile ab. Bei der "Luxuswahl" empfanden sie jedoch sehr viel mehr Verantwortung. Aus Furcht vor der eventuellen Reue koppelten sie sich gefühlsmäßig von der Entscheidung ab, was den Genuss schmälerte.

Menschen begehren Wahlfreiheit, aber wenn sie sie haben, macht sie ihnen oft Stress. "Viele Amerikaner sorgen sich, weil sie nicht wissen, ob sie mit ihrem Leben das Richtige machen, oder was überhaupt das Richtige ist." Der Psychologe Barry Schwartz hat bereits den Begriff von der "Tyrannei der Freiheit" geprägt. Um dieser Tyrannei zu entgehen, delegieren viele Menschen Lebensentscheidungen an Experten wie Psychotherapeuten und Eheberater. Übrigens hat auch der Konzern Procter & Gamble den Segen der Knappheit erfasst: Als er die Palette seiner "Head and Shoulders" Shampoos von 26 auf 15 reduzierte, stieg der Umsatz um zehn Prozent.

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