Gesundheit : Gefährlich begehrlich

Neue Medizin-Fakultät als Spar-Modell? Berliner Universitätspräsidenten wehren sich

Uwe Schlicht

Zwei Universitäten, die für eine gemeinsame Fakultät verantwortlich sind – das ist neu in Deutschland. Weil diese Idee aus der Not der Berliner Finanzlage geboren wurde, soll sie kein Modell für andere Universitäten und andere Länder werden. Das hat der Wissenschaftsrat in seinem Gutachten zur Berliner Hochschulmedizin hervorgehoben. In diesem Punkt sind sich die Präsidenten der Freien Universität und der Humboldt-Universität einig. Wenn die Zusammenführung von zwei renommierten medizinischen Fakultäten zu einer gemeinsamem Fakultät notwendig wird, dann soll dieser Versuch auf die Medizin beschränkt bleiben und nicht zu einem Vorbild für andere Fächer werden.

Am Montag wollen die Präsidenten von FU und HU diese und andere grundsätzliche Positionen in der Hochschulmedizin gegenüber Wissenschaftssenator Thomas Flierl verdeutlichen. Außerdem wollen sie einen Runden Tisch unter der Federführung des Wissenschaftssenators vorschlagen, an dem sich die Universitätsleitungen, Medizindekane und Medizinexperten von SPD und PDS darüber verständigen sollen, wie die Zukunft der Universitätsmedizin gesetzlich geregelt werden soll. Das erscheint den Präsidenten notwendig, weil in den Köpfen der Berliner Hochschulpolitiker bislang einige ihrer zentralen Forderungen nicht angekommen seien. So hat der SPD-Abgeordnete Bert Flemming, der verantwortliche Sprecher für die Hochschulpolitik in seiner Fraktion, einen Entwurf für die Änderung des Berliner Hochschulgesetzes konzipiert, in dem die Fusion zweier Fakultäten von zwei verschiedenen Universitäten nicht zur Lex specialis, also zum Ausnahmefall wird, sondern zur Generalermächtigung für andere Fächer.

In Flemmings Entwurf heißt es: „Die Universitäten und Hochschulen können zur gemeinsamen Erfüllung von Aufgaben von Fakultäten gemeinsame Gliedkörperschaften bilden.” Die Ermächtigung, weitere Superfakultäten über die Universitätsgrenzen hinaus zu schaffen, empört die Präsidenten Peter Gaehtgens von der FU und Jürgen Mlynek von der Humboldt-Universität.

Diese Generalermächtigung könnte die Vorbereitung für jene extremen Sparideen bilden, die Finanzsenator Thilo Sarrazin mit einer neuen Summe von 200 Millionen Euro für die Hochschulen konzipiert. Bei einem solchen Betrag, der dem Etat einer Universität (ohne die Medizin) entspricht, könnten Fusionen der letzte Ausweg werden, um Fakultäten nicht ganz untergehen zu lassen. Statt dreimal Mathematik an FU, TU und HU nur noch einmal Mathematik in einer Superfakultät zwischen den Universitäten – das wäre ein besonders absurdes Beispiel. Aber in Berlin ist nichts ausgeschlossen.

Dreimal ist bisher die Hochschulmedizin im wiedervereinigten Berlin verändert worden: 1993 musste die Freie Universität die Zahnklinik Nord an die Humboldt-Universität abgeben. 1995 verlor die Freie Universität das damals modernste Hochschulklinikum Europas, das Rudolf-Virchow-Krankenhaus, an die Humboldt-Universität. In diesem Jahr sollen durch zwei Strukturgesetze in der Hochschulmedizin die Weichen dafür gestellt werden, dass aus der Charité und dem FU-Klinikum Benjamin Franklin ein gemeinsames Klinikum wird und aus den zwei medizinischen Fakultäten von FU und HU eine Fakultät.

Wenn diese neue Struktur in Etappen Wirklichkeit wird – zum ersten Mai dieses Jahres und zum ersten Januar 2004 – folgt nach fünf Jahren eine Evaluation. Dann wird nach den Empfehlungen des Wissenschaftsrates geprüft, ob sich die neue Struktur bewährt hat.

Gegen eine erneute Evaluation hat die FU schwerste Bedenken. Sie würde die Hochschulmedizin um die Organisationsruhe bringen, die sie nach Jahren der Neuordnung nun wirklich braucht. Sie könnte auch dazu führen, dass im Jahre 2009 wieder die Idee einer selbstständigen Medizinischen Hochschule aus dem Sack gezaubert würde oder dass am Ende die Entscheidung über die Zuordnung der Hochschulmedizin zu nur einer Universität herauskommen würde – und das wäre dann die Humboldt-Universität. Die FU wünscht also einen Aufbruch zu neuen Ufern ohne Rückfahrkarte.

Wenn eine Evaluation für notwendig gehalten wird, dann dürfe sie nichts an den grundsätzlichen organisatorischen Weichenstellungen ändern. Andernfalls könnten die Gegner der geplanten Neuordnung alles daran setzen, dass die geplante gemeinsame Fakultät und das gemeinsame Klinikum scheitern, befürchten Peter Gaehtgens und Medizindekan Martin Paul.

Da es die erklärte Absicht des Wissenschaftsrates ist, dass die Hochschulmedizin im Verbund der beiden Universitäten bleibt und nicht in der Form einer Medizinischen Hochschule selbstständig wird, beanspruchen die Präsidenten der Freien Universität und der Humboldt-Universität in den künftigen Entscheidungs- und Koordinierungsgremien der Hochschulmedizin Sitz und Stimme. Das gilt sowohl für die gemeinsame Senatskommission als auch für den Aufsichtsrat oder das Kuratorium – je nachdem für welche Konzeption sich der Gesetzgeber in Berlin entscheiden sollte.

Mit der Rolle bloßer Berater wollen sich die Universitätspräsidenten nicht zufrieden geben, wenn es um so entscheidende Fragen geht wie die Entwicklungsplanung oder die Verbindung der Medizin zu den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften an ihren Hochschulen.

Außerdem wollen sich die beiden Universitätspräsidenten nicht ihre Mitwirkung bei der zukünftigen Berufung neuer Medizinprofessoren nehmen lassen. Denn wenn die Medizin Bestandteil zweier Universitäten bleibt, muss sich sie auch in das Gesamtkonzept beider Universitäten eingebunden bleiben. Dies zu gewährleisten, haben sich die Universitätspräsidenten vorgenommen.

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