Gesundheit : Gefährliche Geschichten

Verschwörungstheorien stehen hoch im Kurs. Wie Wissenschaftler sie entkräften

Elke Kimmel

Das „finstere“ Mittelalter ist modernen Gesellschaften oft näher, als ihnen lieb ist. Wenn es darum geht, Attentate oder Epidemien zu erklären, vermuten sie damals wie heute geheimnisvolle Drahtzieher. „Im Zentrum solcher Verschwörungstheorien steht meist Satan, das Böse schlechthin. Da hat sich wenig geändert“, sagt Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin. Der Erzbösewicht verbünde sich, je nach Jahrhundert und persönlichem Standpunkt, mal mit den Protestanten oder „Ketzern“, mal mit den Katholiken oder „Papisten“; wahlweise auch mit Hexen, Freimaurern, Illuminaten, Kommunisten oder Kapitalisten.

Kaum eine Verschwörungsideologie komme ohne jüdische Beteiligte aus, sagt Wippermann. „Seit das Johannes-Evangelium die Juden als Satanskinder diffamierte, greift nahezu jeder, der seine Gegner empfindlich treffen will, darauf zurück.“ Da sich ähnliche Bezichtigungen auch bei den anderen Evangelisten finden, bezeichnet Wippermann das Neue Testament als „antisemitische Verschwörungsideologie“. Der Historiker hat jetzt ein Buch über „Verschwörungstheorien von Luther bis heute“ veröffentlicht (Agenten des Bösen, Bebra Verlag). Als Wissenschaftler setzt er den oft gefährlichen Ideen der Verschwörungstheoretiker glasklare Analysen entgegen.

Verschwörungsforscher sind den Gesetzmäßigkeiten auf der Spur, die das abgründige Spiel mit der Angst immer wieder beflügeln. Auch Armin Pfahl- Traughber, Politologie-Professor an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung des Bundes, zählt aus dem Stand eine Reihe von Ereignissen auf, die Verschwörungstheorien auf den Plan riefen: Die Französische und die Russische Revolution, die Ermordung Kennedys, den Unfalltod von Lady Di, das Attentat auf das World Trade Centre und die Tsunami-Katastrophe im Dezember 2005. Manchmal scheinen die rationalen Erklärungen zu profan, sagt Pfahl-Traughber: „Beim Tod von Lady Di wollten viele nicht glauben, dass ein volltrunkener Fahrer dafür verantwortlich sein könnte. Ein Komplott ist da viel glamouröser.“

Menschen greifen auch auf Konspirationen zurück, wenn sie traumatische Erlebnisse nicht verarbeiten können. Bei den Mutmaßungen über die Hintergründe des Attentats am 11. September 2001 werden der amerikanische Geheimdienst CIA, das Pentagon und die Regierung Bush verdächtigt. Auch Juden tauchen als angebliche Drahtzieher auf – Beleg dafür ist nach Ansicht verschiedener Autoren die „Tatsache“, dass nur wenige Juden Opfer der Anschläge geworden seien. Die Verschwörer hätten den Verdacht gezielt auf Osama bin Laden gelenkt, einen Mann, den man nun seit Jahren nicht auffinden könne.

Charakteristisch sind auch die Erklärungsansätze zur Verbreitung von Aids. Den HIV-Virus, so behaupten gerade in den USA viele Betroffene, habe die US-Regierung in geheimen Labors gezüchtet und gezielt gegen ungeliebte Minderheiten wie Homosexuelle und Afroamerikaner eingesetzt. Immerhin 35 Prozent der Afroamerikaner glaubten 1991 an so ein Komplott. Das war vor allem deswegen problematisch, weil sich viele Gefährdete weigerten, Vorsichtsmaßnahmen anzuwenden und damit die weitere Ausbreitung der Seuche begünstigten. Ein Grund dafür, dass Psychologen versuchten herauszufinden, warum und welche Menschen konspirativem Denken anhängen.

„Besonders anfällig sind Minderheiten und misstrauische Menschen mit geringem Selbstbewusstsein“, sagt der Psychologe Martin Bruder, der an der Universität Cardiff (Wales) zu diesem Thema forscht. Bildung spiele hingegen kaum eine Rolle. Bruder betreut seit einem halben Jahr einen Internet-Fragebogen („Conspiracy Theory“), den bereits 4000 Teilnehmer ausgefüllt haben. Dieser dient als empirische Basis für ein Modell, das differenziertere Aussagen über Verschwörungsanhänger ermöglichen soll.

Weiß man so schon recht genau über die Anhänger Bescheid, bleibt die Motivation der Erfinder oft unklar. Nicht wenige sind allerdings Trittbrettfahrer, die sich aus finanziellem Kalkül Verschwörungen ausdenken. Ein eher harmloses Beispiel: In Hollywood sind Filme über Geheimbünde und mysteriöse Komplotte seit langem Garant für volle Kassen – von „JFK“ bis „Da Vici Code“. Gefährlicher sind esoterische Reißer von Autoren wie Jan Holey alias Jan van Helsing. „Fürchterlicher Mist“, sagt Pfahl-Traughber, „aber davon wurden viele Tausend Exemplare verkauft“. Die Wirkung ist fatal: Holey beispielsweise bezieht sich in großen Teilen seines mittlerweile verbotenen Buchs auf die 1919 nach Deutschland importierten zutiefst antisemitischen „Protokolle der Weisen von Zion“. Schon Mitte der 20er Jahre wusste man, dass sie eine Fälschung des zaristischen Geheimdienstes waren. Ihrer weltweiten Verbreitung tat das aber keinen Abbruch. Damals wie heute werden Leser zu „Eingeweihten“ gemacht, die einen Blick hinter die Kulissen des Weltgeschehens werfen, der den „Unwissenden“ versagt bleibt.

Aber selbst wenn Autoren wie Holey weiterhin vom Verkauf der Bücher leben – für die Verbreitung ihrer Theorien ist längst das Internet führend. Hier treffen sich die meisten Verschwörungstheoretiker und unterstützen sich gegenseitig bei der Suche nach „Beweisen“. Verschwörungsforscher Pfahl-Traughber sieht Ihre Anhängerschaft in dem Maße wachsen, wie die Welt komplexer wird.

Fragebogen im Internet:

www.conspiracytheory.martinbruder.com

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