Gesundheit : Gefährliche Käsefüße - Die Technische Universität hat das Flair eines Paketpostamtes

Martin Kiesler

Röhrende Kopiergeräte, flackerndes Neonlicht und schlechte Belüftung: Wer in aller Ruhe an der Uni studieren will, kann böse Überraschungen erleben. In welchen Uni-Bibliotheken hat der oder die arbeitsame Studierende eine Chance? In einer kleinen Reihe, die wir in lockerer Folge veröffentlichen, geben wir Empfehlungen.

Im Lesesaal der TU-Hauptbibliothek rauchen nicht nur die Köpfe: "Bitte im Interes-se aller Schuhe und Strümpfe nicht ausziehen", mahnen Warnschilder. Schließlich besteht hier akute Erstinkungs-Gefahr: Die Räume sind meist überheizt, und an den langen Bankreihen und auf der Galerie mit den kleinen Tischen sitzen besonders während der Prüfungszeiten viele Studierende den ganzen Tag über.

Der Lesesaal zieht sein Publikum nicht nur wegen der Bibliotheksbestände an. Die Studierenden sind aus hellhörigen Wohnheimzimmern oder vor ihren eigenen Kindern hierher geflüchtet. Wer in kleineren Denkpausen der Atmosphäre zwanghafter Ruhe entkommen will, kann seinen Blick aus den großen Fenstern über die Bäume des Südcampus und die Dächer der West-City schweifen lassen. Dort bleibt er vielleicht verträumt an dem Hochhaus mit dem großen Segel auf dem Dach hängen, an das sich das Gürteltier der Berliner Börse heranzurobben scheint.

Die Bibliothekarinnen, die die Szene von hinten überblicken, hüten hinter ihrem Tresen einen riesigen Schatz von DIN-Normen und VDI-Richtlinien, den sie jedoch nur bei Vorlage eines gültigen Bibliotheksausweises zum Kopieren herausrücken. Wer nur lesen möchte, kann den Saal und die darin befindlichen Bücher frei nutzen. Im Gegensatz zu den vielen kleinen Institutsbibliotheken, die nur eingeschränkte Öffnungszeiten haben, ist der Lesesaal der Hauptbibliothek wochentags bis 22 Uhr geöffnet.

Die Lehrbuchsammlung, ebenfalls in der dritten Etage des Hauptgebäudes gelegen, hat ein ganz besonderes Flair: eine Mischung aus Paketpostamt und Billig-Supermarkt. Zwar sind Standardwerke hier schnell und unkompliziert zu haben. Doch wer noch nicht recht weiß, welches Buch es denn sein soll, findet hier weder Beratung noch Platz zum Lesen. Mit einem strengen Blick des Personals wird zudem bestraft, wer die begehrten Bücher schneller auf seine Seite des Furnierholztresens zu ziehen versucht als der betagte Scanner die Daten des Bibliotheksausweises erfassen kann.

Ein Geheimtipp, den viele Studierende erst nach einigen Semestern für sich entdecken, ist der Zeitschriftenlesesaal. Dort gibt es nicht nur zahlreiche Fachzeitschriften sondern auch Berliner und überregionale Tageszeitungen. An einem PC-Platz können die Nutzer elektronische Zeitschriften im Volltext lesen oder - zu einem geringen Preis - ausdrucken oder auf Diskette kopieren.

Ungezwungen geht es in der Mathematischen Fachbibliothek auf der anderen Seite der Straße des 17. Juni zu. Dies liegt nicht nur an der großzügigen Architektur, die von Stahl, Glas und Beton geprägt ist. Die Umgebung zieht eine etwas modischere Klientel an, und das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichener als im altehrwürdigen Hauptgebäude der ehemaligen Technischen Hochschule. Kaum denkbar, dass die Direktion hier vor qualmenden Socken warnen müsste. Die Studierenden lesen und schreiben still und konzentriert vor sich oder dösen an den großzügig im Raum verteilten Tischen. Die Ruhe wird nur durch zwei Erstsemester gestört, die in einem durch eine Glasscheibe abgetrennten "Diskussionsraum" laut prustend und kichernd ein Armdrücken veranstalten.

Vor allem das Engagement der beiden Bibliothekarinnen Bärbel Erler und Iris Hahnemann trägt zu einer Atmosphäre von fast heiterer Gelassenheit bei. Seit 1992 organisieren sie regelmäßig Kunstausstellungen in der Bibliothek. Mittlerweile waren mehr als 30 zeitgenössische Künstler aus Ost und West zu sehen. Die Reden auf den liebevoll gestalteten Eröffnungsveranstaltungen haben unter anderem Christa Wolf und Wolfgang Thierse gehalten. Diesmal werden die Mathematiker ihre Pforten auch zur "langen Nacht der Museen" öffnen, um die großen Skulpturen aus Keramik und Eisen des Künstlers Gerhard Hahn zu zeigen - eine Auseinandersetzung mit den Arbeitsverhältnissen in Fabriken.

Die Bibliothek der Kommunikations- und Geschichtswissenschaften befindet sich im Telefunken-Hochhaus. Über vier Etagen, die nicht mit dem Fahrstuhl zu erreichen sind, erstrecken sich die Bestände. Für Gehbehinderte kann das hilfsbereite Personal jedoch einen Lift aktivieren. Seit die neuen Computer installiert sind, die die alten Karteikarten und Mikrofiche-Kataloge ersetzen sollen, ist in die hellen und freundlichen Räume etwas Unruhe eingekehrt. Längst noch nicht alle Bücher sind im Online-Katalog erfasst, doch schon versprühen klickernde Tastaturen und fachsimpelnde Computer-Enthusiasten den Charme einer Spielwarenabteilung.

Wer auf den Blick über den Ernst-Reuter-Platz verzichten kann, findet jedoch ruhige Arbeitsplätze in separaten Räumen. Dort befinden sich auch die beliebtesten Verstecke für begehrte Bücher aus den "Semester-Apparaten", Sammlungen, die ausgesuchte Literatur zu bestimmten Lehrveranstaltungen enthalten.

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