Gesundheit : Gefährliche Wärme

Thomas de Padova

Die Sorge vor Unfällen durch radioaktive Stoffe ist in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion eher gewachsen denn gefallen. Die lebensbedrohlichen Materialien kursieren dort auch außerhalb von Uranminen und Kernenergieanlagen, militärischen Einrichtungen oder Krankenhäusern. Erst an diesem Wochenende haben Experten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) erneut zwei starke radioaktive Quellen in Georgien geborgen und in Sicherheit gebracht.

Die beiden Container lagen noch Anfang Dezember verlassen in einem Waldgebiet im kaukasischen Schnee. In ihrer unmittelbaren Umgebung war das Eis sichtlich geschmolzen. Das machte drei Männer auf die Behälter aufmerksam, die in der Gegend Holz sammelten. Nichts Böses ahnend, nahmen sie die wärmenden Container auf dem Rückweg mit in ihr Camp.

Schon nach kurzer Zeit wurde den Männern schwindlig und übel. Innerhalb einer Woche zeigten sich dann die ersten Strahlenschäden auf ihrem Rücken, wie das Wissenschaftsmagazin "Science" (Band 295, Seite 777) berichtet. Die Männer kamen ins Krankenhaus nach Tbilisi. Einer konnte inzwischen entlassen werden, doch der Gesundheitszustand von zweien ist nach zwei Monaten noch sehr ernst, wie die IAEA am Dienstag mitteilte.

Bei den wärmenden Containern handelt es sich um die Herzstücke radiothermaler Generatoren. Die tragbaren Geräte wurden in der früheren Sowjetunion häufig zur Strom- und Wärmeerzeugung oder als Batterien für Kommunikationssysteme benutzt.

Die Strahlung, die von den Containern ausgeht, ist enorm. Bereits 1998 fand ein georgischer Fischer einen solchen Behälter in einem Flussbett. Das aus einer titanhaltigen Keramik bestehende Gehäuse war vollgepackt mit Strontium-90. Es emittierte eine Radioaktivität von etwa 40 000 Curie. Physiker in Tbilisi glaubten ihren Messgeräten nicht trauen zu können, als sie diese immense Strahlung registrierten. "Solche verwaisten Strahlungsquellen machen uns viele Sorgen", sagt Herwig Paretzke, Direktor des Instituts für Strahlenschutz in Neuherberg. "Ich kenne viele Fälle dieser Art, bei denen es auch Todesopfer gab." Die bei dem Zerfall des Strontiums emittierte Betastrahlung hat zwar keine große Reichweite. Aber bei Abbremsung der Zerfallspartikel entstehen gefährliche Röntgenstrahlen

Die Substanz Strontium-90 war schon als Folgeprodukt von Atombombenexplosionen gefürchtet. Infolge der Atomwaffentests der 50er und 60er Jahre ist Strontium-90 noch heute auch in Deutschland im Boden fein verteilt. Der Stoff lagert sich anstelle von Kalzium in Skelette von Mensch und Tier ein. Das meiste derart eingelagerte Strontium zerfällt dann innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten - unter Aussendung radioaktiver Strahlung. Das Gesundheitsrisiko durch Strontium-90 ist zwar in Deutschland inzwischen auf weniger als ein Prozent der natürlichen Strahlenbelastung abgeklungen. Zur Zeit der Atomwaffentests war es indessen deutlich höher

Das nun in Georgien in den Containern gefundene Strontium-90 ist ein Abfallprodukt der Atomindustrie. Strontium-90 gilt gemeinhin als wertlos und ist auch als Strahlenquelle in der Medizin kaum zu gebrauchen. Normalerweise wird es daher mit dem radioaktiven Müll entsorgt. In der ehemaligen Sowjetunion kam man jedoch schon früh auf den Gedanken, aus Strontium-90 Batterien zu machen. Denn es lässt sich mit wenig Aufwand von den übrigen radioaktiven Materialien abtrennen und weiterverarbeiten. "Wenn man daraus Thermozellen macht, kann man damit für 20 bis 30 Jahre Strom erzeugen", sagt Paretzke

Experten gehen davon aus, dass in der ehemaligen Sowjetunion Hunderte solcher radiothermaler Generatoren im Umlauf waren und dass sie noch heute gebaut werden. Einige besonders starke Generator-Bauteile sollen sogar mehr als doppelt so viel radioaktive Strahlung freisetzen wie die nun gefundenen Behälter: bis zu 100 000 Curie

Bislang hat man nur wenige Container in Georgien und in einigen der umliegenden Staaten finden können. Der meiste radioaktive Schrott ist weit über das einstige Reich verstreut. In den sowjetischen Provinzen ist man mit den Gefahren durch radioaktive Stoffe nicht vertraut. Daher wendeten sich Georgien und andere Staaten nach dem Zerfall der Sowjetunion immer häufiger an internationale Strahlenschutzbehörden - auch bei dem neuerlichen Vorfall.

Die Bergung der Container bereitete einige Schwierigkeiten. Zu Beginn des Jahres war die betroffene Kaukasusregion im Nordwesten des Landes wegen starker Schneefälle völlig unzugänglich. Auf Drängen der georgischen Regierung machten sich die IAEA-Spezialisten schließlich jedoch in Begleitung von georgischen Sicherheitskräften auf den Weg. Am vergangenen Sonntag brachten sie die beiden Container endlich in ein gesichertes Zwischenlager in Tbilisi.

Vom heutigen Donnerstag an beraten Vertreter der IAEA, aus den USA, Frankreich, Deutschland und der Russischen Föderation zusammen mit georgischen Politikern die Lage. Unter anderem wird es darum gehen, wie die vielen radioaktiven Quellen möglichst rasch aufgespürt werden können.

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