Gesundheit : Gefährliches Spiel

Es ist völlig offen, wie der neue Studentenberg bewältigt werden soll. Bund und Länder verschweigen die Kosten

Uwe Schlicht

Seit einem Jahr wissen die Politiker, dass auf Deutschland ein neuer Studentenberg zu kommt. Die Zahl der Studierenden wird von jetzt knapp zwei Millionen auf 2,7 Millionen im Jahr 2014 ansteigen. Dann verlassen die letzten geburtenstarken Jahrgänge die Schule, wegen des von 13 auf 12 Jahre verkürzten Abiturs gleich in doppelter Kohortenstärke – ein brisantes Problem. Tausende junger Leute könnten vom Studium ausgeschlossen werden, die Hochschulen noch voller werden.

Trotzdem beantworten die Verantwortlichen noch immer nicht die nächstliegenden Fragen: Was kostet die Bewältigung des Studentenbergs? Wie viele neue Studienplätze werden benötigt? Werden die 16 Länder in der Lage sein, aus eigenen Kräften ohne Hilfe des Bundes das Geld für eine bessere Betreuung der neuen Studentenmassen aufzubringen?

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ute Erdsiek-Rave, erklärte jüngst vor Journalisten, die Kultusministerkonferenz könne den Länderfinanzministern nicht vorschreiben, wie sie den Studentenberg zu finanzieren hätten. Die KMK könne daher keine Kostenschätzung abgeben. Wie passt das damit zusammen, dass sich die Kultusministerkonferenz als Gewinner der Föderalismusreform ansieht und ständig ihre neue Verantwortung für nationale Aufgaben betont?

Zwar hat die KMK jetzt eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die ermitteln soll, wie viele neue Studienanfänger in welchem Jahr in den einzelnen Ländern zu erwarten sind und wie viele Studienplätze benötigt werden. Doch die Ergebnisse sollen nach Auskunft der KMK Präsidentin Erdsiek-Rave erst gegen Ende des Jahres 2007 vorliegen, wenn alle Entscheidungen über die Föderalismusreform längst getroffen sind. Dabei drängt die Zeit: Bereits 2008 entlassen die ersten Länder wegen der Schulzeitverkürzung auf 12 Jahre doppelte Abiturientenjahrgänge.

Was die Politiker versäumen, haben Experten intern ermittelt. Im Wissenschaftsrat gibt es Berechnungen, wonach für einen mittleren Zeitraum nach dem Jahr 2010 die jährlichen Mehrkosten zur Bewältigung des Studentenandrangs im Milliardenbereich liegen. Vorausgesetzt wird, dass 80 Prozent der Schulabgänger mit Hochschulreife auch ein Studium aufnehmen und für die Umstellung auf Bachelor und Master ein erhöhter Betreuungsaufwand im Umfang von 15 Prozent bei den Personalkosten anzusetzen ist. Dann ergeben sich folgende Kosten-Schätzungen: Es beginnt mit einem jährlichen Mehrbedarf von 400 Millionen Euro bereits im Jahr 2007. Die Höchstsumme um 2,2 Milliarden Euro zusätzlich wird um 2012 erreicht und bleibt bis zum Jahre 2014 auf diesem Niveau. Selbst zum Ende des Hauptandrangs der Studierwilligen im Jahre 2020 soll der jährliche Mehrbedarf noch 1,1 Milliarden Euro betragen.

Für die Kostenentwicklung wird entscheidend sein, ob die Masse der Studenten sich mit dem Bachelor nach drei Jahren zufrieden gibt. Je mehr Studenten nach dem Bachelor den anspruchsvollen Master in weiteren ein bis zwei Jahren erwerben, umso teurer wird es – dann kann die Höchstsumme sogar 2,2 Milliarden Euro übersteigen. Die Hochschulrektorenkonferenz sieht die Sachlage ähnlich, wagt sich aber mit eigenen Kostenschätzungen nicht an die Öffentlichkeit.

Die Kostenschätzung ist eine der „heißesten Baustellen“ in der derzeitigen Bildungspolitik, sagt ein Kenner, der nicht genannt werden will. Hinter vorgehaltener Hand kann man sogar von einem Wissenschaftspolitiker erfahren, dass die höchsten jährlichen Zusatzkosten bei 2,4 Milliarden Euro liegen könnten, aber Einzelheiten frühestens im Jahr 2007 genannt werden sollen. Das heißt, Politiker verfügen zumindest über eine grobe Kalkulation, nur wollen sie sich öffentlich nicht festlegen und nehmen Einschätzungen des Wissenschaftsrats allenfalls mit distanzierendem Schweigen zur Kenntnis.

Auch aus dem Bundeswissenschaftsministerium ist nichts zu erfahren: Annette Schavan will zwar erst einmal 960 Millionen Euro für die Forschungsförderung reservieren, schweigt aber zu der nahe liegenden Frage, mit welcher Gegenfinanzierung durch die Länder sie während des großen Studentenandrangs rechnet.

Dass die Bewältigung des Studentenbergs eine Herausforderung ist, braucht angesichts der Geburteneinbrüche in Deutschland nicht betont zu werden. Deutschland hat in den Jahren 2010 bis 2020 die letzte Gelegenheit, genügend Fachleute auf Vorrat an den Hochschulen auszubilden, bevor nach dem Jahr 2020 das Potenzial an jungen Deutschen so zurückgeht, dass es durch Anwerbungen Qualifizierter aus dem Ausland aufgefüllt werden muss.

Schon einmal gab es in Deutschland einen Studentenberg. Er wurde von den Ministerpräsidenten der Länder durch Untertunnelung „bewältigt“: Trotz gegenteiliger Versprechen gab man den Hochschulen nicht das benötigte Geld für eine bessere Betreuung der Studenten. Die Folge: Die Universitäten wurden zu Massenanstalten aufgebläht, die durchschnittlichen Studienzeiten stiegen auf bis zu 15 Semester an, die Abbrecherquoten lagen katastrophal hoch und die deutsche Universität geriet international in Verruf.

Was planen die Länder diesmal? Eine Umfrage des Tagesspiegels ergibt folgendes Bild: Die meisten planen offenbar nichts: Sie drücken sich um konkrete Antworten. Nordrhein-Westfalen, das von allen Ländern am stärksten betroffen ist, verweigert jede Reaktion auf die Anfrage des Tagesspiegels. Hamburg, Hessen und Niedersachsen verweisen auf die noch nicht abgeschlossenen Verhandlungen in der Kultusministerkonferenz und mit dem Bundeswissenschaftsministerium. Letztlich wollen sich auch Bayern und Schleswig-Holstein wegen dieser Verhandlungen nicht allzu konkret äußern.

Der Verdacht liegt nahe, dass man einem Problem ausweichen will, das quer zu den Begehrlichkeiten der Länder in der Föderalismusreform und zur Haushaltsnotlage der meisten Länder liegt. Droht damit trotz gegenteiliger Verlautbarungen eine erneute Untertunnelung des Studentenbergs?

Eins der wenigen Länder, das bereits konkrete Vorstellungen entwickelt hat, ist Baden-Württemberg. Das Land braucht für seine boomende Wirtschaft Hochqualifizierte, und es will die Chance nutzen. Auf 30 Prozent Zuwachs im Wissenschaftshaushalt richtet sich das Land ein, 15 Prozent will die Regierung in Stuttgart durch Umschichtungen selbst aufbringen, den Rest soll die Wirtschaft beisteuern, in deren Interesse es ja auch liegen müsste, genügend qualifizierten deutschen Nachwuchs heranzubilden.

Bis zum Jahre 2012 werden 16 000 neue Studienplätze an den Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien geschaffen. In den Jahren der Spitzenbelastung zwischen 2012 und 2014 rechnet Baden-Württemberg mit jährlichen Mehrkosten zur Bewältigung des Studentenandrangs von 200 bis 300 Millionen Euro. Vom Bund will Baden-Württemberg nur Geld annehmen, wenn es im Rahmen der neuen Zuständigkeiten gegeben wird: also für die Forschung. Auf diese Weise könnte eine Schwächung der Forschung durch steigende Studentenzahlen vermieden werden.

Das zweite Land, das sich nicht um konkrete Antworten drückt, ist Rheinland-Pfalz. Wissenschaftsminister Jürgen Zöllner (SPD) teilt mit, Rheinland-Pfalz habe 4000 Studienplätze neu geschaffen und zur Bewältigung des Studentenbergs jetzt ein Programm „Wissen schafft Zukunft“ aufgelegt. Insgesamt will Rheinland-Pfalz in den Hochschulen jährlich zusätzlich 28 Millionen Euro investieren.

Dagegen das Beispiel Bayern: Es ist noch stärker als Baden-Württemberg von dem Anstieg der Zahl der Landeskinder betroffen. Ministerpräsident Edmund Stoiber kündigte schon im Mai 2005 an, dass die Bewältigung dieses Studentenbergs nur durch Umschichtungen im Haushalt, Stellenverlagerungen und einen Hochschulpakt zu lösen sei. Doch konkrete Beschlüsse gibt es nicht, Bayern gibt nur die wiederkehrende Antwort, in den Ministerien werde geprüft. Was die Bayern sonst noch anzubieten haben, bewegt sich im Spektrum von Notlösungen, die auch andere Länder ergreifen: Die Lehrdeputate von Professoren, Dozenten und Wissenschaftlichen Mitarbeitern werden um eine Stunde erhöht. Die Studienreform mit Bachelor und Master soll durch radikale Verkürzung der Zeiten zusätzlich Luft verschaffen.

Aber die Studienreform, die von 2010 an flächendeckend wirken soll, ist kein Sparmodell. Vielmehr ist eine bessere Betreuung der Studenten allein deshalb notwendig, weil die neuen Modul-Prüfungen vom ersten Semester an in die Abschlussnote eingehen. Das kostet zusätzliches Geld. Das leugnen viele Länder, darunter selbst Rheinland-Pfalz.

Berlin hingegen hat das erkannt und ist auf Drängen der Unis bereit, wegen der besseren Betreuung der Studenten in den neuen Studiengängen acht Prozent weniger Studienanfänger zuzulassen. Damit wird eine weitere Verringerung der Studienplätze in Berlin unter die magische Zahl von 85 000 in Kauf genommen. Auch andere Länder bauen wegen der Haushaltsnotlage weiter Studienplätze ab. Bremen soll bis 2010 seine Aufwendungen für den Hochschulausbau um 100 Millionen Euro verringern.

Die neuen Länder leiden ohnehin nicht nur unter Abwanderung der aktivsten jungen Menschen im Alter von 25 Jahren. Die Länder im Osten hat der starke Einbruch der Geburtenzahlen auch früher erreicht als die Länder im Westen. Während die großen Flächenstaaten von Bayern bis Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen immer mehr Studienbewerber verkraften müssen, sinken die Zahlen der Schulabgänger mit Hochschulreife im Osten bereits jetzt auf die Hälfte.

Der Wissenschaftsminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, betont, die ungleiche Entwicklung des Studentenandrangs müsse in Deutschland sinnvoll ausgeglichen werden. Das sei eine gesamtstaatliche Aufgabe, die in Abstimmung mit dem Bund zu lösen sei. Dann könne auch Sachsen-Anhalt Kapazitäten offen halten, die über den Eigenbedarf für die Landeskinder hinausgehen. Bisher bietet das Land 31 500 Studienplätze an und hat für die Hälfte aller Fächer Zulassungsbeschränkungen. Studierende aus anderen Ländern seien willkommen, betont Olbertz. Für einen neuen Finanzausgleich zwischen den Ländern sieht der Kultusminister aber kaum Chancen.

Fazit: Die Politiker reden zwar vom Andrang neuer Studenten, den sie als Chance nutzen wollen. Doch das sind warme Worte, an Taten fehlt es. Bisher wird jeder Vorschlag zerredet oder die Klärung wichtiger Fragen vertagt. Alle bedeutenden Wissenschaftsorganisationen sagen, eine sachgerechte Lösung überfordere die Länder und sei ohne direkte Finanzhilfen des Bundes für die Lehre nicht möglich. Deswegen fordern sie, das in der Föderalismusreform geplante Kooperationsverbot des Bundes aufzuheben.

Wenn unter dem Druck der neuen Studentenmassen die kurzen Studienzeiten im Bachelor und Master nicht einzuhalten sind, werden die Politiker schon die Schuldigen finden: Studenten und Professoren, die den Massenandrang nicht als Herausforderung begriffen haben. Nur die Politiker selbst werden ihre Hände in Unschuld waschen. Mangelhaft ausgebildete Hochschulabsolventen sind dann ein Kollateralschaden der Föderalismusreform.

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