Gefährliches Unwissen : Fast 500 HIV-Neuansteckungen in Berlin

Am 1. Dezember ist der 33. Welt-Aids-Tag - und die Berliner Aids-Hilfe feiert ihr 25-jähriges Bestehen. Die 240 Ehrenamtlichen leisten auch Präventionsarbeit an Schulen. In Berlin sind derzeit 11.000 Menschen mit dem HI-Virus infiziert oder an Aids erkrankt.

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Mit Plakaten macht die Initiative "Positiv Zusammen Leben" Werbung am Weltaidstag. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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29.11.2010 12:28Mit Plakaten macht die Initiative "Positiv Zusammen Leben" Werbung am Weltaidstag.

Joshua kommt von den Philippinen, Lahav aus Tel Aviv, Alain aus Karlshorst und Karin aus Schöneberg. Gemeinsam sitzen sie vor riesigen Schüsseln mit Möhren und Kartoffeln, die alle geschält und geschnitten werden müssen. So wie jede Woche. Die vier gehören zum 16-köpfigen ehrenamtlichen Frühstücksteam der Berliner Aids-Hilfe (BAH), das in den Altbauräumen in der Meinekestraße regelmäßig montags das "Regenbogenfrühstück" und am Donnerstag den schwulen Brunch "Kleines Schwarzes" ausrichtet.

So vielfältig wie die Herkunft sind auch die Lebensgeschichten und Motivationen, mitzumachen. Joshua ist mit seinem Partner, einem Diplomaten, nach Berlin gekommen. Auf den Philippinen ist er selbst Präsident einer Aids-Stiftung. "Ich hätte nicht geglaubt, dass auch hier so viele Menschen auf soziale Hilfe angewiesen sind", sagt der 45-Jährige. Lahav ist erst seit kurzem in Berlin und will Modedesign studieren. Er hat sich für ein Ehrenamt bei der BAH entschieden, weil sein Ex-Freund sich nach einer positiven HIV-Diagnose das Leben genommen hat. Alain hingegen ist schon 15 Jahre dabei. "Als schwuler Mann möchte ich mich mit den von HIV und Aids Betroffenen solidarisieren", sagt der 66-Jährige. Die gleichaltrige Karin ist, wie er, Frührentnerin. Sie hat einen schwulen Sohn. "Ich war selber früher zwei Mal schwer krank. Deshalb weiß ich, wie wichtig aufrichtige Hilfe anderer ist", sagt sie.

Über 240 Helfer betreut Ehrenamtsmanagerin Anette Lahn in mehr als 20 festen Angeboten. Sie sollen die Vielfalt des Lebens abbilden. So gibt es eine Schwimm-, Lauf-, Mal- und Bowling-Gruppe, eine Kleiderkammer und einen Kulturkartenservice sowie eine anonyme Telefonberatung, eine emotionale Begleitung der Kranken – auch derer, die in Haft sind – und eine Anlaufstelle für Migranten. "Wir suchen eigentlich immer Helfer, denn man kann immer noch mehr tun", sagt Lahn. In zwölf Arbeitsjahren hat sie viele neue Ideen für die BAH entwickelt.

Deren Geschichte begann 1985 mit der Einrichtung eines anonymen 24-Stunden-Beratungstelefons am Bundesplatz. 1990 zählte sie schon fast 200 haupt- und ehrenamtliche Helfer. Eines von Lahns nächsten Projekten ist die Geschichtswerkstatt. "Wir wollen Lebensgeschichten sammeln", sagt sie. Von der Frau aus Trinidad, die bei der Geburt ihres Kindes in Berlin erfährt, dass sie HIV-positiv ist. Von dem 70-Jährigen, der nach vielen Jahren gemeinsamen Lebens seinen an Aids verstorbenen Partner zu Grabe trägt. Und von dem 18-Jährigen, der seine Sexualität entdeckt und sich mit den Gefahren von Aids konfrontiert sieht.

Wie groß die Notwendigkeit von Aufklärung junger Menschen ist – von denen viele fälschlicherweise glauben, dass Aids aufgrund der Meldungen über verbesserte medizinische Versorgungsmöglichkeiten heilbar sei – weiß Jennifer Ebert. Die 25-jährige Studentin macht zurzeit ein Praktikum im Schoolwork-Team der BAH und organisiert Aufklärungsveranstaltungen für Schüler ab der 8. und 9. Klasse. "Oft sind gerade Jüngere sehr schlecht über Ansteckungswege und Prävention informiert", sagt sie. Nach aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts sind derzeit rund 11 000 Menschen in Berlin mit dem HI-Virus infiziert oder infolge der Infektion an Aids erkrankt. Etwa 460 haben sich 2010 neu infiziert, rund 60 sind an Aids gestorben.

Weil das "Schöneberger Modell", ein intensiv kooperierendes Netzwerk Berliner Gesundheitseinrichtungen, bundesweit als einzigartig gilt, ziehen viele Menschen nach ihrer HIV-Diagnose nach Berlin. Sie möchten das breite soziale Versorgungsangebot nutzen. "Das ist natürlich ein Lob für unsere Arbeit, wenngleich aus traurigem Anlass", sagt Ute Hiller. Die 42-Jährige ist seit Januar Geschäftsführerin der BAH und möchte trotz der knappen finanziellen Mittel – der Senat fördert etwa 60 Prozent des Budgets mit rund 670 000 Euro jährlich, der Rest kommt unter anderem aus Spenden – die Gesundheitsförderung stärker ausbauen. "Anders als vor 25 Jahren ist es heute möglich, lange mit HIV und Aids zu leben. Deshalb ist Gesundheitserhaltung so wichtig", sagt Hiller. In anderen Ländern mangelt es daran und an Aufklärung und Akzeptanz noch stark. "Bei uns gehen die Menschen nicht zum HIV-Test aus Angst, verhaftet zu werden", erzählt ein Kameruner, der mit zwölf Afrikanern an diesem Tag die BAH besucht.

Schwul und positiv ist Peter Schildter (Name geändert). Im Schöneberger Café Posithiv, einem weiteren BAH-Projekt, erzählt der 48-Jährige, warum er sich ehrenamtlich engagiert: Weil er sich so weiterhin nützlich fühlt. Denn betroffene Berufstätige müssen oft erfahren, dass ihnen aus fadenscheinigen Gründen gekündigt wird. Obwohl HIV-Positive vor dem Gesetz bis auf den Pilotenberuf keinerlei beruflichen Einschränkungen unterliegen. "Viele aufs soziale Abstellgleis Geschobene könnten noch lange weiterarbeiten", sagt Schildter. Und wünscht sich zum Welt-Aids-Tag mit jeder roten Schleife einen Stigmatisierten weniger.

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