Gesundheit : Gefesselter Ikarus

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Hartmut Wewetzer über

Klonforschung und Politik

Noch heben sie nicht ab, die Biotechniker. Noch sind ihre Träume von neue Therapien mit maßgeschneiderten Medikamenten und Stammzellen zum großen Teil Zukunftsmusik. Dennoch gibt es schon heute eine Unzahl von Bestimmungen und Gesetzen, die den Spielraum der Forschung einengen. In Deutschland mehr, in Großbritannien weniger. „Das ist so, als wenn man versucht hätte, die Luftfahrtindustrie gesetzlich festzulegen – zu einem Zeitpunkt, als es nur das primitive Flugzeug der Brüder Wright gab“, hat der amerikanische Bioethiker Arthur Caplan die Lage in Bezug auf Stammzellforschung in den USA kommentiert. Hat Ikarus die Flügel gestutzt bekommen, bevor er sich in die Luft erheben konnte? Oder ist er längst entflogen, unerreichbar für den Arm des Gesetzes?

Morgen kommen in Berlin Wissenschaftler und Ethiker zu einem KlonKongress zusammen, bei dem diese Fragen sicher eifrig diskutiert werden. Und es gibt sogar einen aktuellen Anlass: wie berichtet hat der deutsche Biologe Hans Schöler an der Universität von Pennsylvania aus embryonalen Stammzellen der Maus Eizellen gezüchtet. Der Eisprung in der Petrischale ist nun denkbar. Das wiederum verheißt die Zucht menschlicher Eier als Grundlage für das therapeutische Klonen – die umstrittene „Eizellspende“ könnte umgangen werden. Zudem entwickelten die Eizellen sich zu Embryonen – die allerdings nicht lebensfähig waren.

Ist das nun ein „Fanal für die Biopolitik“, liefert es ein Motiv für das „Ende jeder Forschung an embryonalen Stammzellen“, wie die „Frankfurter Allgemeine“ meint? Ist es wieder einmal ein Beweis dafür, dass die Wissenschaft die Politik überholt? Muss Ikarus also noch stärker gefesselt werden?

„Unsere Aufgabe ist es, Grenzen zu setzen“, argumentiert die CDU-Politikerin und Gentechnik-Expertin Maria Böhmer in der „Zeit“. Das ist der deutsche Weg, die Welt der Biotechnik zu sehen: Verbote stehen im Vordergrund. Gewiss, Grenzen müssen sein. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn es geht auch darum, der Forschung Raum zu geben, das Experiment zu ermöglichen. Die Politik kann nicht heute schon da sein, wo die Wissenschaft morgen sein wird. Es ist das Wesen der Forschung, das Neue, Unvorbereitete zu entdecken. Wenn man sie lässt.

Auch international gefällt sich die deutsche Politik darin, die bioethischen Barrieren möglichst hoch zu machen. Man will weltweit nicht nur das „reproduktive Klonen“, also das Menschenkopieren, bannen – so ein Verbot wäre eine unstrittige und vernünftige Sache. Man will auch das „therapeutische Klonen“ verbieten, weil dabei Embryonen verbraucht werden. Und das deshalb, weil man den menschlichen Embryo schon in einem frühen Stadium mit einem hohen Schutz ausstattet (zumindest, so lange er in der Petrischale ist), der schwerer wiegt als etwa die potenzielle Hilfe für Kranke durch embryonale Stammzellen. Andere Länder sind hier zu anderen Lösungen gekommen. Sie sind wie Großbritannien bereit, das therapeutische Klonen unter strengen Auflagen zu erlauben. Niemand kann wirklich sagen, wer „moralischer“ handelt – der deutsche Dogmatiker oder der englische Pragmatiker. Aber fest steht schon jetzt: das deutsche Ansinnen eines weltweiten totalen Klonverbots wird scheitern.

Die Forschung von Schöler zeigt aufs Neue, wie schnell sich Horizonte in der Wissenschaft auftun, wie wenig die unumstößlichen Wahrheiten von gestern für die Welt von morgen taugen. Es könnte am Ende sein, dass zukunftsweisende Therapien auch völlig ohne embryonale Stammzellen auskommen – weil man verstanden hat, ethisch unproblematische adulte Stammzellen aus „erwachsenem Gewebe“ zu trainieren. Aber das wird vielleicht nur möglich sein über den Umweg der Forschung an embryonalen Zellen. Von der Flugmaschine zum Düsenjet ist es eben ein weiter Weg.

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