Gesundheit : Gefragte Ratgeber

NAME

Von Uwe Schlicht Die Abschlussberatungen für Berlins Doppelhaushalt 2002/2003 haben begonnen. Am 7. Juni ist die zweite Lesung für den so schwierigen Sparhaushalt im Abgeordnetenhaus vorgesehen, am kommenden Dienstag wird der Berliner Senat eine Vorentscheidung über die "Nachschiebeliste" der Wissenschaft treffen. Dabei geht es hauptsächlich um die Frage, ob sich Berlin wegen seiner Haushaltsnotlage aus der gemeinsamen mit Bund und Ländern verabredeten Finanzierung der Max-Planck-Gesellschaft und der Deutschen Forschungsgemeinschaft zurückziehen wird - wie ursprünglich angekündigt. Nach massivem Druck durch die Forschungsorganisationen will Berlin jetzt nicht mehr jeweils eine Million Euro pro Jahr bei diesen beiden Organisationen sparen. Ein ähnliches Problem gibt es bei den Forschungsinstituten der Leibniz-Gemeinschaft, die ihr Geld ungefähr je zur Hälfte von Bund und Ländern bekommen. Hier ist die Entscheidung noch offen, ob Berlin ähnliche Zugeständnisse macht wie gegenüber der Max-Planck-Gesellschaft und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die Leibniz-Institute bilden unter anderem das Rückgrat des Technologieparks Adlershof. Angekündigt ist, dass Berlin diesen Finanzbeitrag auf dem Stand des Jahres 2001 einfrieren wird. Davon betroffen wäre auch BESSY II, der modernste Synchrotron-Strahlenspeicherring Europas. Vor den entscheidenden Beratungen im Berliner Senat und im Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses waren führende Vertreter der Wirtschaft und der Hochschulen zu einer Anhörung geladen worden. Sie gehören alle zu der Partnerschaftsinitiative "An Morgen denken". Die Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses, Berlins ehemalige Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing (SPD), betonte, dass es um eine zentrale Entscheidung in der Entwicklung der Stadt gehe. Nun sollen sogar Sprecher der Initiative "An Morgen denken" zu einer Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses eingeladen werden, um dort über die Bedeutung der Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft zu reden. Alle Parteien im Wissenschaftsausschuss unterstützen diese Idee. Professor Günter Stock, Vorstandsmitglied für den Bereich Forschung in der Schering AG, verwies bei der Anhörung auf das Beispiel der Vereinigten Staaten, die in den letzten Jahren die Forschungsmittel mit Steigerungsraten von 20 Prozent jährlich erhöht haben. Das meiste Geld fließt dabei in die Grundlagenforschung sowie in die wirtschaftlich besonders hoffnungsvollen Gebiete Medizin und Biowissenschaften. Zwei Regionen in den USA haben sich zu bedeutenden Zentren in den Biowissenschaften entwickelt: San Francisco an der Westküste und Boston an der Ostküste. In Deutschland gibt es kein vergleichbares Zentrum mit weltweiter Ausstrahlung, aber die Region Berlin-Brandenburg sei auf einem guten Weg sich hierzulande an die Spitze zu setzen. Stock nannte Zahlen: 160 neue Unternehmen seien in der Region tätig mit insgesamt 3000 Beschäftigten. Außerdem gebe es 250 Forschergruppen mit 5000 Mitarbeitern. Eine Weltfirma wie Schering sei auf das Netzwerk von Partnern in den Forschungslabors der Universitäten und der außeruniversitären Forschungsinstitute angewiesen. Damit dieses Netzwerk weiterhin funktionsfähig bleiben kann, müsse auch die Grundausstattung und damit die Leistungsfähigkeit erhalten werden, Drittmittel für die Forschung und Bundesmittel in die Stadt zu holen. Günter Stock und Detlef Ganten vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin-Buch machten folgende Rechnung auf: Von 650 Millionen Euro, die in Berlin für die Forschung ausgegeben werden, stellten Bund und Länder 300 Millionen Euro zur Verfügung. 200 Millionen Euro könnten die Forschungsinstitute an Drittmitteln einwerben. 100 Millionen Euro kämen dem Land an Steuereinnahmen zugute, so dass die Stadt in Wirklichkeit nur 50 Millionen an eigenen Mitteln aufwenden müsse, um diese große Summe an Forschungsgeldern zur Verfügung zu haben. In diesem Bereich zu sparen, wäre daher kontraproduktiv. Den Politikern gaben Stock und Ganten folgenden Rat: Um die Unternehmensansiedlung zu fördern, müsse es Ansprechpartner geben, die alle entscheidenden Fragen aus einer Hand regeln könnten - vom Grundstückserwerb bis zur Finanzierung. Günter Stock schlug vor, solche Ansprechpartner entweder für jeden Kompetenzbereich (Biomedizin, Verkehr, Optik, Nanotechnologie) einzeln oder übergreifend für alle Kompetenzbereiche einzusetzen. Ganz schwierig sei die Übergangsphase für junge Unternehmer, wenn sie aus ihrer Idee anschließend marktfähige Produkte entwickeln wollten. Dafür brauchten sie eine zweite Anschubfinanzierung und entsprechende Labors. Um eine solche Infrastruktur aufzubauen, legte Stock den Politikern entsprechende Hilfen nahe. Generell verwies Stock auf das große Risiko in dieser Branche: Start-up-Firmen in der Biotechnologie "kommen und gehen. Maximal zehn Prozent haben es in den USA geschafft, sich dauerhaft zu etablieren." Ganten forderte außerdem eine schnelle Fusion von Berlin und Brandenburg. Wegen der Ländergrenzen sei es außerordentlich schwierig sei, Forschungsgelder von einem Land ins andere zu transferieren. Deutlich waren die Appelle an die Politiker, nicht ständig weiter falsche Signale aus Berlin zu senden. Solche verhängnisvollen Signale seien Kürzungen im Haushalt der Universitäten oder bei der Gemeinschaftsfinanzierung der Forschung von Bund und Ländern und ein Abbau von Studienplätzen in Berlin. Stock kritisierte besonders am Beispiel des FU-Klinikums Benjamin Franklin, dass dort forschungsorientierte Betten abgebaut werden sollten. FU-Präsident Peter Gaehtgens warf den Politikern vor, dass es in Berlin keine langfristige Entwicklungsplanung gebe und die Wissenschaft unter dem häufigen Wechsel der Finanz- und Wissenschaftssenatoren zu leiden habe. Auch der PDS-Abgeordnete Stefan Liebich sprach sich dafür aus, den Rat der Partnerschaftsinitiative "An Morgen denken" einzuholen. Wenn es um die Prioritäten in der Stadt gehe, brauchten die Politiker eine externe Beratung. Die Koalition stehe zu ihrer Aussage, dass die Wissenschaft in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft "der Zukunftspfad Berlins" sei. Keinen Zweifel ließ Liebich jedoch daran, dass es noch weitere Prioritäten in der Stadt gebe wie Kultur, Schulen, Straßenbau und Soziales. Teufel fordert nationalen Forschungspakt Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Erwin Teufel, hat einen nationalen Forschungspakt in Deutschland gefordert. Die schwierige Finanzsituation von Bund und Ländern könne die Leistungsfähigkeit der deutschen Forschung gefährden, erklärte Teufel. Dies gelte insbesondere für die überregionale Forschung, die bisher von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft mitgestaltet worden ist. "Es besteht derzeit die ernste Gefahr, dass einzelne Länder versuchen, ihre Haushaltslage auf Kosten der Forschung zu verbessern. Damit steht die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Forschung insgesamt auf dem Spiel. Die Chancen Deutschlands im Wettlauf um die Technologien der Zukunft dürfen nicht durch die Blockade einzelner Länder kaputtgemacht werden", erklärte der Ministerpräsident mit Blick auf die Berliner Sparpolitik. Bund und Länder sollten sich darauf einigen, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft in den nächsten drei bis fünf Jahren einen Korridor mit einer Steigerungsrate von vier Prozent zu garantieren und damit beiden Organisationen eine sichere Planungsgrundlage zu garantieren. Der nationale Forschungspakt sei auch deshalb notwendig, weil die USA, Japan und die skandinavischen Länder ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung massiv gesteigert hätten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben