Gesundheit : Gefühlte Grenzen

Historikertag: Forscher wollen europäische Räume neu erkunden – aber nicht im Dienste der Politik

Christian Domnitz

Erregung und Zerrissenheit waren dem Elder Statesman aus Polen anzusehen. Vor den Teilnehmern des 45. Deutschen Historikertags in Kiel sprach Tadeusz Mazowiecki darüber, wie er als erster nichtkommunistischer Regierungschef Polens mit Deutschland um eine Garantie der Westgrenze verhandelte. Wenige Tage, nachdem das polnische Parlament mit dem Verweis auf Entschädigungsforderungen deutscher Vertriebener die Regierung aufgefordert hatte, Reparationsansprüche gegen Deutschland zu prüfen, hatte sich das Thema Mazowieckis verändert.

Als Politiker bereiteten ihm die deutsch-polnischen Beziehungen Sorge, und die Erfolgsgeschichte des polnischen Sieges über den Kommunismus, die er ursprünglich als Zeitzeuge beschreiben wollte, rückte in den Hintergrund. So nahm er seine Kraft zusammen und sprach auf der Bühne der Kieler Oper als Politiker: Unklare Verhältnisse seien für die Bewohner der einst deutschen Gebiete Polens lange Zeit ein Dorn in den Gefühlen gewesen. Die versammelte deutsche Geschichtswissenschaft spendete ihm stehende Ovationen.

So wurde das Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarn zum eigentlichen Thema des Historikertags, über dem der Titel „Kommunikation und Raum“ stand. Wie lässt sich über Räume diskutieren, ohne ins Zwielicht der Geopolitik zu geraten? Welche Rolle spielt dabei die historische Belastung der deutschen Nation? Ist ein gedachter Raum Vorläufer eines gemachten Imperiums? Darüber diskutierten knapp 4000 Historiker bis zum vergangenen Freitag vier Tage lang, Partnerländer des Kieler Kongresses waren Polen und die drei baltischen Staaten. Der Historikertag ist die bedeutendste Zusammenkunft der deutschen Geschichtswissenschaftler.

Debatten um nationalsozialistische Verstrickungen von Geschichtswissenschaftlern werden heute intensiver denn je geführt. Da wollen deutsche Historiker keinesfalls in den Verdacht geraten, zu Vordenkern einer nationalen Großraumpolitik werden, wie es beispielsweise Hitlers Ostraumpolitik war, die von einer deutschen „Ostforschung“ gestützt wurde. Dennoch haben Geschichtsschreiber wie der in Frankfurt an der Oder lehrende Karl Schlögel mit seinem Werk „Im Raume lesen wir die Zeit“ den Raum nun neu entdeckt.

Die Veranstalter der Zusammenkunft hatten den Mut, das Thema zur Leitidee zu erheben. „Räume sind wichtig, sie prägen Menschen“, sagt Gregor Thum, Schlögel-Schüler und Gastprofessor an der Universität in Pittsburgh. Das Denken und Handeln der Menschen sei auf Räume bezogen, und Historiker sollten untersuchen, wie sich solche Raumbeziehungen ändern. Nachdem die deutsch-polnische Grenze durchlässiger sei, richte sich beispielsweise Stettin nach Westen aus: Im Hafen würden wieder Frachten entladen, die für Berlin bestimmt sind. Thum organisierte ein Diskussionspanel zum nie eindeutig abgegrenzten Raumbegriff des „Deutschen Ostens“ – einem Ausdruck diffuser, auf mythische Landschaften bezogener Sehnsüchte, die im Zweiten Weltkrieg in imperialen Fantasien gipfelten. Thum stieß in populären Bildbänden des Vertriebenenmilieus auf diesen Ostmythos. Indem seine Beschaffenheit ergründet wurde, erschien er als Konstrukt, das nicht immer einer Wirklichkeit entspricht, aber dennoch Wahrnehmung und Handeln bestimmt.

Wie der Umgang mit der Vergangenheit – zum Beispiel zwischen Deutschland und Polen – selbst innerhalb des geeinten Europas immer wieder neue Schwierigkeiten bringt, rief in Kiel ein gewisses Maß an Erstaunen hervor, und man konstatierte Erklärungsbedarf. „Die Deutschen glauben daran, dass sie eine besondere Beziehung zum europäischen Osten haben“, sagt Thum.

Der Eröffnungsvortrag des Bundestagsvizepräsidenten Hermann Otto Solms rief allerdings so manches Kopfschütteln hervor. Solms hatte die Historiker dazu aufgefordert, zu bestimmen, wo die Grenzen Europas lägen, welche Gesellschaften die zivilisatorischen Werte der Union trügen und welche nicht. „Es ist nicht leicht, von einem normativen Europabegriff abzurücken“, gestand denn auch Manfred Hildermeier, der amtierende Vorsitzende des veranstaltenden „Verbandes der Historikerinnen und Historiker Deutschlands“ in seiner Abschlussrede am Freitagabend ein. Unter dem Titel „Wo liegt Osteuropa?“ wandte er sich gegen eine „Europa-Demarkation“ und versuchte, das Verhältnis der deutschen Geschichtswissenschaft zum östlichen Europa neu zu bestimmen. Obwohl er althergebrachte Traditionen des Stands – wie die Herleitung kultureller Räume aus Religionsgrenzen oder Agrarverfassungen – beibehielt, bemühte sich Hildermeier um ein Plädoyer für methodische Erneuerung und mehr Vielfalt: Auch moderne Ansätze wie Transfer- und Verflechtungsgeschichte könnten Raumbeziehungen thematisieren und erklären.

Der Raum als Gegenstand hat etwas für die deutschen Historiker. Man gab sich seiner Faszination hin und genoss den methodischen Tabubruch, der das Anrüchige, das in einer Auseinandersetzung mit politischen, kulturellen und zivilisatorischen Räumen stets lag, hinter sich zu lassen scheint. Raum steht nun zwar auf der Tagesordnung – jedoch ist unklar, wie ihn die deutsche Geschichtswissenschaft behandeln wird. Trotz des Unmuts, den der von Otto Solms formulierte Forschungsauftrag hervorrief: In Kiel wollte niemand ausschließen, dass sich nicht doch Forscher finden werden, die sich an einer aktiven Neuvermessung europäischer Räume beteiligen.

Die Historiker teilen dabei einen Konsens darüber, dass selbst eine neue Ostorientierung des Landes keine „Ostpolitik“ wie im Weimarer Revisionismus oder im Dritten Reich hervorbringen wird. Trotz aller Bemühungen um eine Europäisierung und Globalisierung der Forschung zeigte die bedachte Rede Tadeusz Mazowieckis, dass die sehr ambivalente Vergangenheit von Deutschlands Beziehungen zum östlichen Europa fast zwangsläufig deren Zukunft prägt. Die Sorgen, die sich aus einer Außensicht auf das wiedervereinigte Deutschland ergeben, brachte der amerikanische Forscher Vejas Gabriel Liulevicius auf den Punkt. Deutsche Raumorientierungen und gefühlte Optionen seien immer dann in imperiale Fantasien umgeschlagen, wenn die Nation ihr inneres Gleichgewicht verloren hätte.

Alle Debatten des Historikertags sollen demnächst auf der Internetseite www.historikertag.de als Tondateien abrufbar sein.

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