Gesundheit : Gegen den Zahn der Zeit

HEIKO SCHWARZBURGER

Berlin atmet Geschichte.Hier finden sich unzählige Sammlungen, Bahnhöfe, Funktürme, Nazibunker und Rosinenbomber.Im Brandenburger Umland zählen die Schlösser, Herrenhäuser und Manufakturen nach Tausenden."Davon ist vieles für die Nachwelt interessant", sagt Matthias Knaut, Professor für Restaurierung in der Außenstelle Blankenburg der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW).Dort und an der Potsdamer Fachhochschule werden Restauratoren ausgebildet."Neuerdings ist zum Beispiel der Trend sehr stark, alte Fabriken als Technikmuseen zu erhalten.Noch bevor das Industriezeitalter richtig zu Ende ist, beginnt schon seine Konservierung."

Die Arbeitsgebiete von Restauratoren sind weit gefächert, denn theoretisch kann jedes Objekt erhaltenswert sein.Die Potsdamer Hochschule konzentriert ihren Studiengang auf die traditionellen Objekte der Denkmalpflege wie Ausgrabungen, Schlösser, Altäre und kunsthistorische Sammlungen.Die FHTW dagegen zielt mit ihrem Angebot auf andere Bereiche: "Unsere Studenten spezialisieren sich auf technische Güter oder auf Filmmaterial", berichtet Knaut.Berlin verfügt mit der Deutschen Kinemathek und den Beständen der Defa-Stiftung über die größten Filmarchive Europas."Die alten Filmdokumente zu erhalten, ist ein ganz junges Fachgebiet.Das gilt auch für Fotografien und Datenträger, etwa die erste CD, Schallplatten und Magnetbänder.Mit den darin verarbeiteten Kunststoffen haben wir riesige Probleme, die Echtheit in der Farbe zu bewahren." Ein technisches Denkmal schlechthin ist auch der Vier-Zylinder-Audi "Wanderer" von 1928, der zur Begutachtung in der Werkstatt der Blankenburger steht."Das Fahrzeug stammt aus dem Museum der Auto Union in Ingolstadt", erklärt Matthias Knaut."Die Nutzung über sechzig Jahre machte es zu einem unverwechselbaren Original."

Jedes Jahr nimmt die FHTW zwanzig Studenten für einen Beruf auf, für den in Deutschland nur an sieben Fachhochschulen und zwei Kunstakademien ausgebildet wird.Zur Zeit verlassen im Jahr etwa hundert frischgebackene Restauratoren die deutschen Hochschulen.

Die Anforderungen an die Studienbewerber sind hoch und schlagen sich in einem aufwendigen Eignungstest nieder.Jeder der sechzig bis siebzig Bewerber muß eine Mappe mit zehn Freihandzeichnungen abliefern.Hinzu kommen die Dokumentation verschiedener Museumsobjekte und Fotos, die die manuellen Fertigkeiten des Bewerbers belegen sollen.Ein selbst angefertigtes Ornament aus Sperrholz, Messing und Pappe rundet die Bewerbungsunterlagen ab."Künstlerische Ambitionen stehen dabei nicht im Vordergrund", erläutert Knaut.Außerdem muß jeder Student ein zweijähriges Vorpraktikum vorweisen, die Ausbildung in einem Handwerksberuf wird mit einem Jahr angerechnet.Restauratoren sind Alleskönner, aber alles kann man in vier Jahren nicht lernen."Wir bringen den Studenten sehr viel methodisches Handwerkszeug bei, damit sie sich später vieles selbst erschließen", beschreibt der Professor das Studium."Das betrifft vor allem die Chemie, Röntgentechnik und Mikroskopie.Dabei müssen wir an den historischen Objekten so zerstörungsfrei wie möglich arbeiten."

Die Diplomandin Eva Lahbs kümmert sich um die Wandbespannung aus dem Kaiserwagen im Berliner Museum für Verkehr und Technik.Das brüchige Gewebe wird mit einer feucht aufgebrachten Fasermatte gestützt, doch Insektenbefall bedroht das Material."Das sind wahrscheinlich Brotkäfer oder Holznagelkäfer.Bis jetzt haben wir nur Larven gefunden", sagt sie."Zur Bestimmung brauchen wir aber ein ausgewachsenes Insekt mit Kopf." Die hundertjährige Relieftapete ist kostbar, deshalb hebt Eva Lahbs jeden Krümel auf.Restauratoren wissen, wie zerbrechlich Geschichte ist.

Seit 1993 investierte die Blankenburger Hochschule rund 400 000 Mark in Apparaturen für ein Gewerbe, in dem selbst Pinzetten als grobes Gerät gelten.Nicht nur Museen melden Bedarf an, immer öfter kommen private Sammler oder Schloßherren, um ihre Stücke reinigen zu lassen.Die Begutachtung und Ausbesserung übernehmen die Studenten gleich mit.Auf diese Weise erhalten die FHTW-Studenten schon frühzeitig konkrete Projektaufgaben.So dokumentiert jeder von ihnen im Laufe seines Grundstudiums einen Berliner U-Bahnhof.Bei der Ausbildung zur Keramik brennen sich die Studenten ihre Aschenbecher selbst.Im sechsten Semester absolvieren alle ein Praxissemester, zum Beispiel bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

In den letzten Jahren drängt es die Studenten verstärkt ins Ausland.Gemeinsam mit syrischen Wissenschaftlern gruben Studenten an der Zitadelle von Aleppo oder widmeten sich den unübersehbaren Bildbeständen des Firmenmuseums der Eastman Kodak Corporation am Stammsitz in Rochester im US-Staat New York.Als unlängst eine Studentin 5000 Jahre alte Lacke aus Japan mit nach Berlin brachte, leistete die Pigmentsammlung der Hochschule unschätzbare Dienste.In ihr stehen rund 650 Erden neben Pottasche und den Ausscheidungen von Schildläusen.Der Vergleich mit ihnen lieferte wichtige Hinweise für die Zusammensetzung und Verarbeitung der Lacke.Uralte, längst vergessene Handwerkskunst erfuhr auf diese Weise eine Renaissance im Labor - ein Alltagsgeschäft für Restauratoren.

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